
Politischer Druck
Berlinale: Angriff auf die Kunstfreiheit
Die Berlinale gerät zwischen Kulturpolitik, Gaza-Debatte und Machtfragen unter Druck – und der Eindruck wächst, dass hier weniger um Kunstfreiheit als um politische Kontrolle gerungen wird. Die Solidaritätsbekundungen für Intendantin Tricia Tuttle reißen nicht ab.
Von Markus Geiler Donnerstag, 26.02.2026, 14:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 26.02.2026, 14:33 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Die Zukunft der Internationalen Filmfestspiele Berlin und von Intendantin Tricia Tuttle ist weiterhin offen. Eine Krisensitzung des Aufsichtsrates der zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB) endete am Donnerstag ohne konkrete Ergebnisse. Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale würden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt, teilte ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) im Anschluss mit.
Weimer ist Aufsichtsratsvorsitzender der KBB und hatte die Sondersitzung einberufen, um Vorkommnisse auf der am vergangenen Wochenende zu Ende gegangenen Berlinale aufzuarbeiten, wie es hieß. So gab es während des Festivals wiederholt pro-palästinensische und israelkritische Solidaritätsbekundungen mit Gaza.
Kritik an „institutionellem Schweigen“
Bei der Preisgala am vergangenen Samstag warf der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib Deutschland auf offener Bühne vor, an einem Genozid in Gaza mitzuwirken. Der Regisseur, der 2019 als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland kam, sagte zudem: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ Die Aussagen wurden vom Publikum teils mit Pfiffen und teils mit Zustimmung bedacht. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal.
Bereits während des Festivals hatte ein offener Brief von rund 80 Filmschaffenden, darunter die britische Schauspielerin Tilda Swinton, die Berlinale wegen „institutionellen Schweigens“ zum Gaza-Krieg kritisiert. Auch Äußerungen von Jurypräsident Wim Wenders zur Rolle von Kunst und Politik hatten Kritik ausgelöst.
Warnung vor „Kurzschlüssen“
Medienberichten, wonach Intendantin Tuttle deshalb abgelöst werden soll, war Weimer am Mittwoch im Kulturausschuss des Bundestages entgegengetreten. Nicht alles, was aktuell zu lesen sei, entspreche der Wahrheit, sagte der Kulturstaatsminister.
Zugleich wächst in Politik und Kultur die Unterstützung für Tuttle. So hieß es von der Arbeitsgemeinschaft Kultur und Medien in der SPD-Bundestagsfraktion am Donnerstag, die 48-Jährige habe die Berlinale „in bewegten Zeiten übernommen und mit Haltung, Offenheit und Professionalität durch stürmische Debatten geführt“. Wer jetzt aber Sündenböcke suche, stärke Boykottaufrufe wie „Strike Germany“ und schwäche den Austausch, den Kultur brauche. „Kurzschlüsse“ würden niemandem helfen.
Künstler solidarisieren sich mit Intendantin
Zuvor hatten sich bereits in einem offenen Brief mehr als 2.500 Filmschaffende gegen eine mögliche Abberufung der US-Amerikanerin ausgesprochen. Der Deutsche Kulturrat warnte vor einer Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit. Geschäftsführer Olaf Zimmermann appellierte an Weimer, die Unabhängigkeit der Berlinale vor staatlichen Eingriffen zu sichern.
Der Deutsche Bühnenverein setzte sich am Donnerstag ebenfalls für Intendantin Tricia Tuttle ein und warnte vor einer nachhaltigen Beschädigung der Kunstfreiheit. „Es ist fatal, dass die Zukunft von Tricia Tuttle an der Spitze der Berlinale überhaupt in Frage steht“, erklärte Vereinspräsident Carsten Brosda in Köln.
Die Schriftstellervereinigung PEN Berlin betonte, Alkhatibs Äußerungen seien durch die Meinungsfreiheit gedeckt, so wie das Tragen der Kufiya und das Zeigen der palästinensischen Flagge. Nichts davon könne man Tricia Tuttle ankreiden. Weimer solle „sich nicht zum Totengräber der Berlinale machen“, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. (epd/mig) Aktuell Feuilleton
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