
Super Bowl
Latin-Star macht Zugehörigkeit sichtbar
Latin-Superstar Bad Bunny sprengt den Super Bowl. Mit Spanisch, Puerto Rico und klaren Symbolen. Er nutzt die größte Bühne Amerikas – und macht sichtbar, wer längst dazugehört.
Von Nasim Ebert-Nabavi Mittwoch, 11.02.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 11.02.2026, 14:27 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Der Super Bowl ist das größte Sport- und Showereignis der Vereinigten Staaten. Weltweit übertragen, von Millionen verfolgt, ist er längst mehr als ein Footballspiel. Er fungiert als kulturelles Schaufenster, in dem sich Amerika selbst ausstellt: unterhaltsam, kommerziell, auf Konsens bedacht. Politik soll hier möglichst unsichtbar bleiben. Gerade deshalb besitzt dieser Abend eine besondere Wirkungsmacht. Wer in diesem Rahmen auftritt, spricht nicht nur zu Fans, sondern zu einer globalen Öffentlichkeit und sagt damit immer auch etwas darüber, wie dieses Land sich selbst versteht.
Als Latin-Superstar Bad Bunny die Bühne der Halftime-Show betrat, verschob sich genau dieser Rahmen. Nicht abrupt, nicht provokativ, sondern kontrolliert. Sein Auftritt war ein politischer Moment – gerade, weil er das Format nicht brach, sondern nutzte. Auf einer Bühne, die Konflikte traditionell ausspart, machte er sichtbar, was politisch längst Alltag ist: wer zu diesem Land gehört und wer durch staatliche Praxis permanent unter Vorbehalt steht.
Bad Bunny stammt aus Puerto Rico, einem US-Außengebiet ohne volles politisches Mitspracherecht. Er singt auf Spanisch und steht damit für eine kulturelle Realität, die seit Jahrzehnten Teil der Vereinigten Staaten ist, politisch jedoch immer wieder marginalisiert wird. Als meistgestreamter Künstler der Welt und aktueller Grammy-Abräumer hätte er sich auf das beschränken können, was Popkultur üblicherweise liefert: Eskapismus, Glanz, Unverbindlichkeit. Stattdessen entschied er sich für Positionierung. Nicht als Protestgeste, sondern als Setzung.
„Migration wird nicht mehr primär als soziale Realität behandelt, sondern als ordnungspolitisches Problem.“
Für eine Vorstellung von Gemeinschaft, die auf Liebe, Zusammenhalt und kultureller Vielfalt basiert – in einem Land, in dem Migration zunehmend kriminalisiert und Identität politisch instrumentalisiert wird.
Diese Setzung traf auf einen politischen Kontext, der ihre Wirkung erst erklärt. Unter der Regierung von Donald Trump erleben die USA eine Neujustierung staatlicher Macht entlang kultureller und ethnischer Linien. Migration wird nicht mehr primär als soziale Realität behandelt, sondern als ordnungspolitisches Problem. Zugehörigkeit gilt nicht als gegeben, sondern als überprüfbar. Sprache, Herkunft und kulturelle Zuschreibung werden zu Kriterien staatlicher Sortierung.
Info: Bad Bunny, geboren auf der zu den USA gehörenden Karibikinsel Puerto Rico, ist der Künstler der Stunde: Bei den Grammy Awards Anfang Februar gewann er insgesamt drei der Trophäen, darunter für „DeBÍ TiRAR MáS FOToS“ als Album des Jahres. Zuletzt galt er als meistgehörter Künstler des Planeten beim Streamingdienst Spotify. Dass die Wahl als Headliner der traditionsreichen Super Bowl Halbzeit-Show auf ihn fiel, hatte dennoch hitzige Debatten ausgelöst, auch weil der 31-Jährige ein Kritiker der US-Abschiebepolitik ist.
Bei seiner Show, die Bad Bunny fast ausschließlich auf Spanisch bestritt, füllte ein detailreiches Set mit puerto-ricanischen Alltagsszenen mit zahlreichen Tänzern, Statisten und Star-Gästen das Spielfeld. Dabei sparte Bad Bunny nicht mit politischen Botschaften, die an den Gemeinschaftssinn unter Amerikanern und die Zugehörigkeit der Latinos appellierten. US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Halbzeit-Auftritt als „eine der schlechtesten“, die er je gesehen habe. (dpa/mig)
Bad Bunnys Auftritt stand dazu in einem bewussten Kontrast. Er formulierte kein politisches Programm und forderte keine Reformen. Seine Intervention lag auf einer anderen Ebene. Er zeigte, wer längst Teil der Gesellschaft ist, aber politisch nicht mitgedacht wird. Wer sichtbar ist, aber nicht als selbstverständlich gilt. In diesem Sinne war sein Auftritt weniger Protest als Diagnose.
„Er machte sichtbar, was im politischen Alltag oft unsichtbar bleibt: dass Millionen Menschen dieses System tragen, mitfinanzieren, stabilisieren und dennoch häufig nur dann Aufmerksamkeit erfahren, wenn sie als Problem adressiert werden.“
Gerade darin unterscheidet sich dieser Moment von klassischen politischen Statements. Er zielte nicht auf Überzeugung, sondern auf Wahrnehmung. Er machte sichtbar, was im politischen Alltag oft unsichtbar bleibt: dass Millionen Menschen dieses System tragen, mitfinanzieren, stabilisieren und dennoch häufig nur dann Aufmerksamkeit erfahren, wenn sie als Problem adressiert werden. Repräsentation wird hier nicht zum dekorativen Symbol, sondern zum Marker von Macht. Sie zeigt, wer als legitim gilt und wessen kulturelle Präsenz immer wieder infrage gestellt wird.
Dass diese Form der Sichtbarkeit eine so breite Resonanz erzeugte, ist kein Zufall. Sie wirkt dort am stärksten, wo Gemeinschaft fragil ist. Wo Menschen sich über Jahre anpassen, erklären, übersetzen mussten. In solchen Momenten wird Identität nicht politisch eingefordert, sondern schlicht gezeigt. Und genau das erzeugt Entlastung.
Gleichzeitig wäre es verkürzt, diesen Moment unkritisch zu feiern. Bad Bunny agiert nicht außerhalb des Systems, das er sichtbar macht. Er steht im Zentrum einer globalen Unterhaltungsindustrie, auf einer der profitabelsten Bühnen der Welt, vollständig durchkommerzialisiert und strategisch kalkuliert. Diese Form der Repräsentation entsteht nicht gegen das System, sondern innerhalb seiner Logik. Sie ist möglich, weil sie anschlussfähig ist.
„Gefühle sind keine politischen Programme. Sie sind soziale Resonanz.“
Aus dieser Beobachtung speist sich die Kritik: Sichtbarkeit ersetze keine strukturelle Veränderung. Repräsentation werde zur Beruhigungsgeste, zur symbolischen Anerkennung ohne politische Konsequenz. Aufmerksamkeit binde sich an Personen, während Machtfragen unangetastet bleiben. Das System inszeniere sich progressiv, ohne sich selbst infrage zu stellen.
Diese Kritik ist nicht falsch. Aber sie greift zu kurz, wenn sie beim Symbol stehen bleibt. Denn sie verkennt, was in solchen Momenten tatsächlich passiert. Sie richtet sich dann nicht mehr nur gegen Strukturen, sondern auch gegen die Erfahrung derer, die sich erstmals angesprochen fühlen. Und genau dort wird es problematisch.
Denn Gefühle sind keine politischen Programme. Sie sind soziale Resonanz. Wenn Menschen in diesem Moment Erleichterung, Anerkennung oder Verbundenheit empfinden, ist das kein Zeichen politischer Naivität, sondern ein Hinweis auf ein Defizit. Auf eine Lücke zwischen formaler Gleichberechtigung und gelebter Realität. Diese Lücke verschwindet nicht dadurch, dass man sie analytisch benennt – sie verschwindet nur, wenn man sie politisch ernst nimmt.
„Repräsentation ersetzt keine Politik. Aber eine Politik, die auf Repräsentation verzichtet, verliert den Kontakt zu jenen, über die sie spricht.“
Strukturell bleibt diese Form von Gemeinschaft prekär. Emotional war sie real. Beides gleichzeitig auszuhalten, ist kein Widerspruch, sondern Voraussetzung politischer Mündigkeit. Man kann einen Moment ernst nehmen, ohne ihn zu verklären. Man kann seine Grenzen benennen, ohne ihn abzuwerten. Und man kann Kritik formulieren, ohne den Menschen ihre Erfahrung abzusprechen.
Repräsentation ersetzt keine Politik. Aber eine Politik, die auf Repräsentation verzichtet, verliert den Kontakt zu jenen, über die sie spricht. Sichtbarkeit allein genügt nicht. Doch Unsichtbarkeit wirkt dauerhaft ausschließend.
Am Ende geht es nicht um einen Künstler und nicht um eine Halftime-Show. Es geht um Menschen, deren Alltag, Sprache und Kultur längst Teil der gesellschaftlichen Realität sind und um das Gewicht eines Moments, der ihnen zumindest für einen Augenblick gezeigt hat: Sie sind gemeint. Meinung
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