Shaymaa Farhan, MiGAZIN, Juristin, Anwältin, Integration, Herkunft, Migranten
Shaymaa Farhan © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Integration auf dem Papier

„Glückwunsch – jetzt bist du Deutsche“

Ein Pass macht noch kein Zuhause: Wer eingebürgert ist, gilt offiziell als „integriert“ – und wird trotzdem weiter geprüft, befragt, auf Abstand gehalten. Wo Zugehörigkeit beginnt – und wo nicht.

Von Donnerstag, 05.02.2026, 10:58 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 05.02.2026, 11:23 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

„Herzlichen Glückwunsch – jetzt bist du Deutsche. Aber eben nur auf dem Papier.“

Diesen Satz sagte eine Kollegin zu mir, als ich nach meiner Einbürgerung Süßigkeiten ins Büro mitbrachte. Ich lächelte damals – und verstand erst später, warum er mich nicht losließ. Denn obwohl ich die Sprache gelernt, gearbeitet und schließlich die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten hatte, blieb ein leises Gefühl von Distanz. Formal war alles erreicht. Innerlich jedoch stellte sich eine andere Frage: Gehört man wirklich dazu – oder beginnt Zugehörigkeit erst dort, wo sie nicht mehr erklärt werden muss?

___STEADY_PAYWALL___

Viele von uns mit Migrationserfahrung kennen dieses Spannungsfeld. Wir erfüllen Anforderungen, übernehmen Verantwortung und orientieren uns an klaren Regeln. Und trotzdem gibt es Momente, in denen Zugehörigkeit fragil wirkt.

„Über mehrere Monate hinweg wurde ich gebeten zu warten, erneut Auskunft zu geben und Geduld aufzubringen.“

Eine solche Erfahrung machte ich vor Kurzem erneut. Nach einer erfolgreichen Bewerbung folgte im weiteren Verlauf des Verfahrens eine sicherheitsrechtliche Überprüfung – ein notwendiger und legitimer Bestandteil staatlicher Abläufe. Da ich familiäre Kontakte in meinem Herkunftsland habe, kam es zu zusätzlichen Gesprächen und längeren Wartezeiten. Über mehrere Monate hinweg wurde ich gebeten zu warten, erneut Auskunft zu geben und Geduld aufzubringen.

Dabei stellte sich für mich nicht die Frage nach der rechtlichen Grundlage dieser Prüfungen. Vielmehr stellte sich eine persönliche: Reicht Integration nur bis zu einem bestimmten Punkt? Oder bleibt Herkunft – trotz Qualifikation, Berufserfahrung und Staatsangehörigkeit – ein Faktor, der nie ganz verschwindet?

„Zugehörigkeit lässt sich nicht nachweisen.“

Viele Menschen mit Migrationserfahrung bewegen sich dauerhaft zwischen zwei Ebenen: der formalen Anerkennung und dem subjektiven Gefühl von Nähe oder Distanz. Integration wird messbar gemacht – durch Zertifikate, Verträge oder Dokumente. Doch Zugehörigkeit lässt sich nicht nachweisen.

Mit der Zeit verändert Migration auch den Blick auf sich selbst. Das Herkunftsland wird mit den Jahren fremder, das neue Land vertrauter – aber nicht immer selbstverständlich. Man lebt zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Dankbarkeit und Unsicherheit.

„Integration kann offiziell gelingen – und sich dennoch unvollständig anfühlen.“

Wenn von „gelungener Integration“ gesprochen wird, geschieht dies häufig aus einer äußeren Perspektive. Behörden, Institutionen oder gesellschaftliche Debatten definieren, wann Integration als erreicht gilt. Die Betroffenen selbst bleiben bei dieser Bewertung oft außen vor.

Vielleicht liegt genau darin der Widerspruch: Integration kann offiziell gelingen – und sich dennoch unvollständig anfühlen. Denn Integration ist mehr als Anpassung. Mehr als Leistung. Mehr als ein Pass. Sie beginnt dort, wo Zugehörigkeit nicht mehr hinterfragt wird. Wo Vertrauen entsteht. Und wo Herkunft nicht ständig mitschwingt.

Solange Integration vor allem von außen bewertet wird, kann sie auf dem Papier abgeschlossen sein – im Leben vieler Menschen jedoch offenbleiben. Meinung

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)