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Völkerrecht verramscht

Die Ordnung der Doppelmoral

Der Zugriff auf venezolanisches Öl entlarvt die Doppelmoral des Westens: Völkerrecht bindet nur die militärisch Schwachen – und Deutschland bestätigt. Der Globale Süden zieht seine Lehren.

Von Donnerstag, 15.01.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 15.01.2026, 9:15 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die militärische Intervention in Venezuela Anfang 2026 ist kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern die finale Demaskierung einer Ordnung, die ihre imperialen Instinkte nur mühsam hinter liberalen Floskeln verborgen hatte. Dass ein US-Präsident den Zugriff auf Ölreserven zur nationalen Sicherheitsfrage erklärt, ist keine Provokation – es ist die Rückkehr zur Ehrlichkeit. Macht, Ressourcen und Gewalt treten wieder in jenen funktionalen Zusammenhang, den das Völkerrecht eigentlich zähmen sollte.

Doch während Washington offen die Maske fallen lässt, klammert sich Berlin verzweifelt an die Reste der Kulisse. Die Reaktion der Bundesregierung auf den völkerrechtswidrigen Zugriff ist ein Lehrstück in politischer Feigheit. Wo Klarheit gefordert wäre, wird von „komplexen Rechtsfragen“ geraunt. Diese Agnosie ist kein diplomatischer Coup, sondern das Schweigekartell derer, die ihre normativen Ansprüche längst an die Bündnistreue1 verramscht haben. Deutschland bestätigt damit unfreiwillig, was im Globalen Süden seit langem als bittere Gewissheit gilt: Das Recht bindet nur den, der über keine Kriegstüchtigkeit verfügt.

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Diese Asymmetrie ist das Fundament einer neuen, alten Hierarchie. Souveränität wird heute nicht mehr offen geleugnet, sie wird „konditioniert“. Wer über Rohstoffe verfügt, aber keine Durchsetzungskraft besitzt, wird zum Objekt polizeilicher Weltordnungsmaßnahmen degradiert. Der Zugriff auf venezolanisches Öl erscheint dann nicht mehr als Eroberung, sondern als „Sicherheitsmaßnahme“.

„Man will am Tisch der Ressourcenverteilung sitzen, ohne sich die Hände am Völkerrecht schmutzig zu machen.“

Besonders entlarvend ist dabei der deutsche innere Widerspruch. Während man nach außen hin das Völkerrecht rhetorisch streichelt, schafft man im Stillen die infrastrukturellen und ideologischen Voraussetzungen für die eigene Teilhabe am globalen Power Play. Die Verteidigungspolitische Richtlinien 2023 sind das zentrale Dokument dieser Ambivalenz: Während sie den Begriff ‚Rohstoffsicherung‘ juristisch meiden, legitimieren sie die militärische Absicherung ökonomischer Interessen als Schutz der Seewege.

Das Ziel der viel beschworenen „Kriegstüchtigkeit“ ist letztlich die Befähigung, im Windschatten des großen Verbündeten die eigenen ökonomischen Lebensnerven militärisch abzusichern. Man will am Tisch der Ressourcenverteilung2 sitzen, ohne sich die Hände am Völkerrecht schmutzig zu machen – ein Ansatz, der im Globalen Süden steigend als das erkannt wird, was sie ist: parasitärer Profit.

„Wer das Völkerrecht relativiert, betreibt seine Erosion effektiver als seine Gegner.“

Für den Globalen Süden ist der Zusammenbruch der westlichen Illusionen ein Moment der Wahrheit. Internationale Normen haben ihre Schutzfunktion verloren, sobald sie selektiv interpretierbar wurden. Wenn Regeln nur noch Dekoration für die Folgenlosen sind, wird die Berufung darauf zur strategischen Sackgasse. Die Folge ist eine notwendige, fast schon heilsame Ernüchterung: Die Staaten des Globalen Südens lernen, dass Schutz nicht aus Verträgen, sondern aus neuen, nüchternen Allianzen und eigener militärischer Logik erwächst.

Die Weltordnung zerbricht nicht an der Attacke ihrer Gegner, sondern an der Feigheit ihrer Garanten. Wer das Völkerrecht relativiert, betreibt seine Erosion effektiver als seine Gegner. Die „beschämend Vorsichtigen“ in Berlin mögen hoffen, dass ihr Schweigen sie schützt – tatsächlich besiegeln sie damit ihre eigene Bedeutungslosigkeit.

  1. NATO‑Konkretion: für Mitgliedstaaten bedeutet Bündnistreue u. a. Unterstützung kollektiver Verteidigungsentscheidungen, Abstimmung z. B. in Sicherheitspolitik, Rüstungszusammenarbeit sowie keine Alleingänge, die das Bündnis destabilisieren.
  2. Wie bei der Berliner Konferenz 1884!
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