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Plakat zum Film „Extrawurst“

Eskalation der Vorurteile

„Extrawurst“ im Kino: Wie ein Grill die Gesellschaft spaltet

Beim Thema Grillen lodern Debatten um Identität und Vorurteile auf. In der Gesellschaftssatire „Extrawurst“ zerbricht ein Tennisclub am Gasgrill XQ 3010. Das sagt Darsteller Hape Kerkeling dazu.

Von Mittwoch, 14.01.2026, 12:37 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 14.01.2026, 12:37 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Grillen – eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen. Unverzichtbar: ein standesgemäßer Grill und vor allem Fleisch. Würstchen, Halsgrat oder was sich sonst noch so brutzeln lässt. Doch was ist, wenn diese fetttriefende Idylle in Gefahr gerät, etwa durch Tofu-Wurst oder religiöse Speisevorschriften?

Dann ist Schluss mit lustig, so wie in der Kinokomödie „Extrawurst“ von Marcus H. Rosenmüller. Die Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob zeigt die Sitzung eines Tennisclubs, die in einem erbitterten Streit mündet.

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Wer sorgt für Zunder?

Eigentlich alle. Hape Kerkeling spielt Heribert, den „etwas beschränkten Tennisclubvorsitzenden“, wie der Schauspieler selbst über seine Rolle sagt. Für ihn wird der Streit um die Wurst zum Kampf um seine Würde und sein Amt. Christoph Maria Herbst gibt den hippen Werbetexter Torsten, der sich als Ex-Berliner den Provinzlern weit überlegen fühlt und glaubt, mit seiner Einstellung natürlich auf der politisch korrekten Seite zu stehen.

Seine Frau Melanie (Anja Knauer) ist zunehmend genervt und findet Torstens Sprüche ebenso peinlich wie die Machoattitüden der Männer. Ausnahme: Ihr Tennis-Doppelpartner Erol (Fahri Yardim), mit dem sie einen Sieg nach dem nächsten holt für den TC Lengenheide, und der völlig überrumpelt ist von den rassistischen Ressentiments, die ihm urplötzlich entgegenschlagen wegen des türkischen Migrationshintergrunds seiner Familie.

Fehlt noch Friedrich Mücke als verklemmter Matthias, der von seiner energischen Mutter (Gaby Dohm) heftig dazu gedrängt wird, Heribert abzusägen und selbst zum neuen Clubvorsitzenden aufzusteigen.

Worum wird gestritten?

Unschuldig geht es erst mal um den Gasgrill XQ 3010 von Seiler, den Matthias mit Excel-Tabellen den Clubmitgliedern beeindruckend präsentiert und der das alte wacklige Ding ersetzen soll: „Mit dem Grill kann man bis zu 50 Würstchen gleichzeitig grillen. Oder 30 Würstchen und 15 Koteletts“.

Darauf könnten sich die Clubmitglieder einigen. Doch dann hat Melanie eine Idee: Sollte man nicht einen Zweitgrill haben, auf dem Erol – als einziger Muslim im Verein – mit seiner Familie fernab von Schweinefleisch grillen kann? Ein gut gemeinter Vorschlag, der aber für erbittertste Diskussionen sorgt, auch wenn Erol klarstellt, dass er das eigentlich gar nicht bräuchte.

Wie entwickelt sich die Debatte?

Die Emotionen schlagen hoch. Wird Erol überhaupt diskriminiert? Und warum soll der Club „seinen“ Grill finanzieren? Und ging das bislang nicht auch ohne Zweitgrill? Die Reaktionen werden immer drastischer – und Empörungen, die offenbar lange im Verborgenen gelodert haben, brechen sich Bahn nach dem Motto: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Ich will ja nichts sagen, aber …“.

Manche meinen es auch nur gut, so wie Melanie, die beim Thema Schweinswürste Partei für Erol ergreift: „Die kann er eben nicht essen, weil er Türke ist“. Darauf Erol: „Nein, ich bin Deutscher“. Später stellt Matthias fest: „Man merkt jetzt halt nicht so stark, dass du Türke bist, weil du dich jetzt nicht so türkisch verhältst.“

Vereinsmeierei, Rechthaberei und Vorurteile verbinden sich zu einem grotesken Schlagabtausch, in dem es eigentlich nur Verlierer gibt.

Lohnt sich der Film?

Auf jeden Fall, und das nicht nur wegen der pointierten Dialoge, die ein ernstes Thema sehr unterhaltsam, aber auch mit Tiefgang aufbereiten. Regisseur Rosenmüller inszeniert eine amüsante und skurrile Gesellschaftssatire, die aber auch nachdenklich stimmt.

Auch das Ensemble macht seine Sache großartig und zeichnet die Charaktere eindrücklich und mit großer Spielfreude. Insgesamt also ein spannendes Filmvergnügen, das nachwirkt und entlarvt, wie viele Vorurteile doch in uns allen stecken.

Das Fazit?

Darauf weiß Hape Kerkeling eine Antwort: „Dass wir mit unserer Umgebung und uns selbst sanft und sorgsam umgehen müssen und jeder, der diesen Pfad verlässt und glaubt, er kann den Hass versprühen, wo er gerade steht, der ist auf dem absoluten Holzweg und wird ernten, was er sät“.

Und auch ganz real hat der Schauspieler einen Tipp, was zu einem guten Grillfest gehört: „Mit Wurst liegt man nie falsch, die isst der Deutsche immer gerne und auf ein deutsches Grillfest gehört eine Bratwurst, ich meine eine Söder-Bratwurst“, sagt er in Anspielung auf kulinarische Vorlieben des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU).

Er selbst bringt meist etwas anderes mit, wenn er eingeladen wird: „Immer meinen Nudelsalat, der ist der Hammer, mit viel Mayonnaise, Gürkchen und frischen Zwiebeln. Fleischwurst muss auch noch rein. Aber den gibt’s natürlich auch vegan.“ (dpa/mig) Aktuell Feuilleton

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