
Appell
Brandmauer verteidigen mit Kassenbon
Wenn sich Unternehmen der AfD öffnen, sind die Kunden gefragt: Denn die Brandmauer verteidigt sich nicht nur in Parlamenten, sondern auch beim Einkaufen – mit jedem Kassenbon.
Von Birol Kocaman Sonntag, 30.11.2025, 17:02 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 30.11.2025, 17:02 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Der Streit um die Öffnung des Verbands der Familienunternehmer in Richtung AfD hat den Kampf um die Brandmauer dorthin verlagert, wo er am ehrlichsten ist: in die Einkaufswagen der Republik. Wer seine Marke Richtung „AfD“ öffnet, sollte sich über Folgendes im Klaren sein: Es sind nicht nur Politiker, die Grenzen ziehen. Es sind auch Kunden – und sehr viele davon mit Migrationsgeschichte.
Was geschehen ist: Der Verband „Die Familienunternehmer“ hat die Brandmauer eingerissen und die AfD zu einem Austausch eingeladen. Ergebnis: Rossmann, Vorwerk und Fritz-Kola sind aus dem Verband ausgetreten. Sie wollen ihren Namen nicht in einem Verband sehen, der die Tür für eine Partei öffnet, die der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ einstuft.
Einigen Unternehmern, darunter dm-Chef Christoph Werner und Europa-Park-Gründer Roland Mack, scheint das egal zu sein. Sie verteidigen Gespräche mit der AfD. Mit der Partei also, die eine völkische Projektionsfläche par excellence ist.
Der Verfassungsschutz begründet die Einstufung der Partei ausdrücklich mit einem ethnisch-abstammungsmäßigen Volksverständnis, das ganze Bevölkerungsgruppen abwertet, insbesondere Menschen mit Migrationserfahrung und Muslime. „Remigration“ ist inzwischen offiziell AfD-Programm. Der Begriff ist die freundliche Verpackung für die Idee, Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln „zurückzuführen“.
„Die Menschen, die laut AfD möglichst „zurück“ sollen, sind exakt die, ohne die viele Unternehmen schon morgen nicht mehr liefern könnten.“
Wer mit denen reden will, sollte lieber nochmal innehalten. Es gibt 21 Millionen Gründe, sich das nochmal zu überlegen. 2024 lebten in Deutschland 21,2 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte – gut ein Viertel der Bevölkerung (25,6 Prozent). Das ist nicht irgendeine „Randgruppe“. Das sind Nachbarn, Azubis, Fachkräfte, Studierende, Pflegekräfte – und ja: Kunden.
Ähnlich sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus: 2023 hatte gut ein Viertel (26 Prozent) aller abhängig Beschäftigten in Deutschland Migrationserfahrung. In vielen Mangelberufen – Altenpflege, Gastronomie, Lebensmittelproduktion, Bus- und Bahnverkehr – liegt ihr Anteil weit über 30, 40, teils sogar bei über 50 Prozent.
Kurz gesagt: Die Menschen, die laut AfD möglichst „zurück“ sollen, sind exakt die, ohne die viele Unternehmen schon morgen nicht mehr liefern könnten – und denen sie heute bereitwillig Shampoo, Snacks und Eintrittskarten verkaufen.
„Die Unternehmer, die nun „Dialog“ mit der AfD suchen, sollten sich fragen: Wer räumt Ihre Regale ein, wer sitzt an den Kassen, wer kocht in der Kantine, wer putzt Ihre Filialen?“
Die Unternehmer, die nun „Dialog“ mit der AfD suchen, sollten sich eine simple Frage stellen: Wer räumt Ihre Regale ein, wer sitzt an den Kassen, wer kocht in der Kantine, wer putzt Ihre Filialen, wer pflegt Ihre Angehörigen – wenn Ihre neue Gesprächspartnerin politisch erfolgreich ist?
Wer Remigration in Kauf nimmt, spekuliert auf ein Land, in dem genau diese Menschen fehlen. Wer mit der AfD liebäugelt, tut so, als seien Menschen mit Migrationserfahrung ein Problem – nicht die Lösung für Fachkräftemangel, Pflegekrise und demografischen Absturz.
Und umgekehrt gilt: Wer bei dm einkauft, während dessen Chef an der Brandmauer rüttelt, sendet ebenfalls ein Signal – nämlich, dass sich dieser Kurs offenbar noch lohnt.
Die Konsequenz kann lauten: Boykott. Nicht als moralischer Furor, sondern als nüchterner, aber klarer Anteil am demokratischen Widerstand. Denn auch so funktioniert Demokratie: nicht nur mit Stimmzetteln, sondern auch mit Kassenbons. Wer sich AfD-Nähe leistet — von Verbänden bis Vorstandsetage —, darf spüren, dass Gesellschaft nicht nur im Bundestag definiert wird. Sondern auch im Einkaufswagen.
„Konsum ist politisch – ob wir wollen oder nicht. Verantwortungsvoll einkaufen heißt: Entscheidungen treffen – für Demokratie, Vielfalt, Menschenwürde.“
Denn Konsum ist politisch – ob wir wollen oder nicht. Verantwortungsvoll einkaufen heißt: Entscheidungen treffen – für Demokratie, Vielfalt, Menschenwürde. Wer versucht, rechtsextreme Normalität als „Meinungsfreiheit“ zu verkaufen, kann dafür bezahlen: mit sinkenden Umsätzen, schwindender Resonanz und wachsendem Widerstand.
Wenn ein dm-Chef die Brandmauer problematisch findet, während Rossmann klare Haltung zeigt, weiß ich für mich jedenfalls, wo ich künftig meine Creme kaufe. Das ist kein Shitstorm, kein Empörungs-Flashmob. Das ist schlichte Marktwirtschaft: Unternehmen treffen politische Entscheidungen – Kundschaft auch.
Die Brandmauer zu verteidigen ist nicht nur Aufgabe von Politikern in Parlamenten, sondern zuallererst Aufgabe der Gesellschaft als Wähler, als Arbeitnehmer, als Kunde. Und die Brandmauer steht tagtäglich und überall, auf der Arbeit, in der Bahn, auf dem Spielplatz – und auch zwischen Regal und Kasse, wo sie steht oder fällt, mit jedem Piep. (mig) Meinung
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