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Außenminister Johann Wadephul (CDU) © Odd Andersen/AFP

„Partnerschaft“

Märkte, Rohstoffe, Migration: Was Deutschland in Afrika sucht

Außenminister Wadephul wirbt in Nigeria um engere Beziehungen. Die Bundesregierung spricht von Partnerschaft und gemeinsamen Interessen. Ihre öffentlich genannten Ziele sind jedoch deutlich von deutschen Bedürfnissen geprägt: Absatz, Rohstoffe und Begrenzung von Migration. Nigeria setzt andere Schwerpunkte.

Mittwoch, 22.07.2026, 12:37 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 22.07.2026, 12:37 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Nigeria ist für Außenminister Johann Wadephul ein Land der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Mehr als 240 Millionen Einwohner, ein wachsender Energiebedarf und bedeutende Rohstoffvorkommen machen den westafrikanischen Staat zu einem wichtigen Markt. Deutsche Unternehmen müssten mehr Flexibilität zeigen und stärker auf dem Kontinent investieren, forderte Wadephul bei seinem Besuch in der Wirtschaftsmetropole Lagos.

„Wer heute nicht in Afrika präsent ist, der riskiert, entscheidende Chancen zu verpassen“, sagte der CDU-Politiker. Begleitet wird er auf seiner Reise nach Mauretanien, Nigeria und Südafrika von Wirtschaftsvertretern.

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Der Außenminister macht aus den deutschen Interessen keinen Hehl. Vor seiner Abreise nannte er stabile Handelswege, kritische Rohstoffe, Energie, Sicherheit und eine „geordnete Migration“ als zentrale Felder der Zusammenarbeit. Nigeria bezeichnete er als größten Binnenmarkt Afrikas und als wichtiges Land für Energie-, Klima- und Rohstoffkooperationen. Mehr deutsche Unternehmen sollten den Schritt nach Nigeria wagen.

Nigeria setzt auf Industrialisierung

Die Regierung in Abuja beschreibt die geplante Zusammenarbeit breiter. Bei den Gesprächen sollen neben Handel und Investitionen auch erneuerbare Energien, Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Migration und digitale Innovation behandelt werden. Nigeria will insbesondere deutsche Investitionen in seinen prioritären Wirtschaftsbereichen anwerben, die berufliche Bildung ausbauen und bei Wissenschaft und Technologie enger zusammenarbeiten.

Dahinter steht ein grundlegendes wirtschaftliches Interesse: Nigeria will nicht nur Rohstoffe liefern und ausländischen Unternehmen einen großen Absatzmarkt bieten. Das Land strebt eine stärkere eigene Industrie an.

Anfang Juli berieten Vertreter der nigerianischen Regierung, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft gemeinsam mit der UN-Wirtschaftskommission für Afrika über die Nutzung kritischer Rohstoffe. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Lithium und andere Mineralien stärker im Land verarbeitet werden können. Lokale Wertschöpfung könne Industrialisierung, Arbeitsplätze und einen besseren Zugang zu Energie fördern, hieß es.

Die Forderung betrifft ein altes Ungleichgewicht: Viele afrikanische Staaten exportieren unbearbeitete Rohstoffe zu günstigen Preisen, während die Verarbeitung und damit ein großer Teil der Gewinne, des technischen Wissens und der qualifizierten Arbeitsplätze in anderen Weltregionen entstehen.

Die UN-Wirtschaftskommission warnt davor, dass der weltweite Bedarf an Lithium, Kobalt, Graphit, Kupfer und Seltenen Erden dieses Modell fortschreiben könnte. Ohne eine gezielte Industriepolitik drohten erneut Rohstoffausfuhren mit geringer heimischer Wertschöpfung, wenig Technologietransfer und begrenzter Beschäftigungswirkung.

Eine Rohstoffpartnerschaft sei aus dieser Perspektive erst dann eine Partnerschaft, wenn sie nicht bei der Förderung und Ausfuhr endet. Entscheidend wäre, ob deutsche Investitionen auch Verarbeitungsbetriebe, Ausbildung, Forschung und dauerhaft bezahlte Arbeitsplätze in Nigeria schaffen.

Mehr Sicherheit – auch für Europa

Neben wirtschaftlichen Fragen steht die Sicherheitslage im Mittelpunkt der Reise. Deutschland will Mauretanien und Nigeria stärker beim Vorgehen gegen extremistische und terroristische Gruppen unterstützen. Die Krise im Sahel greife inzwischen auch auf die westafrikanischen Küstenstaaten über, erklärte Wadephul. Die Stabilität der Region liege ausdrücklich im Interesse Deutschlands und Europas.

Damit ist auch die Hoffnung verbunden, größere Flucht- und Migrationsbewegungen in Richtung Europa zu verhindern. Die meisten Menschen, die in Westafrika vor Gewalt fliehen müssen, erreichen jedoch nicht Europa. Sie suchen Schutz im eigenen Land oder in einem Nachbarstaat.

In Nigeria lebten Anfang Juli rund 3,71 Millionen intern Vertriebene. Weitere rund 140.000 Geflüchtete und Asylsuchende hat das Land aufgenommen, vor allem aus Kamerun. Insgesamt erfasste das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Nigeria knapp 3,84 Millionen Menschen, die gewaltsam vertrieben worden waren oder als Geflüchtete Schutz suchten.

Zum Vergleich: Die Internationale Organisation für Migration registrierte 2025 rund 25.600 Staatsangehörige aus West- und Zentralafrika, die auf nicht regulären Wegen Europa erreichten. Mindestens 3.845 Menschen starben oder verschwanden auf den Routen durch die Sahara, über den Atlantik und das Mittelmeer. Die Organisation weist darauf hin, dass es sich bei den Todeszahlen lediglich um Mindestschätzungen handelt.

Die Zahlen beschreiben unterschiedliche Zeiträume und Personengruppen und sind nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Sie verdeutlichen dennoch, dass Flucht und Vertreibung in erster Linie die Staaten der Region selbst treffen. In der europäischen Debatte richtet sich der Blick dagegen häufig auf den kleineren Teil der Menschen, der versucht, Europa zu erreichen.

Mauretanien als Partner der Grenzkontrolle

Besonders sichtbar wird diese Politik in Mauretanien. Das Land ist zugleich Aufnahmestaat für Geflüchtete aus Mali und ein wichtiger Partner der Europäischen Union bei der Kontrolle der Atlantikroute zu den Kanarischen Inseln. Nach Angaben von UNHCR waren im Mai 2026 mehr als 184.000 Geflüchtete und Asylsuchende offiziell registriert. Unter Einbeziehung noch nicht registrierter Menschen hatte die Organisation die Gesamtzahl Ende Juni 2025 auf rund 309.000 Schutzsuchende geschätzt.

Die EU vereinbarte 2024 ein Unterstützungspaket von 210 Millionen Euro mit Mauretanien. Die Mittel sollten unter anderem in Grenz- und Migrationsmanagement, die Bekämpfung von Schleusung, Sicherheit, Arbeitsplätze und die Versorgung von Geflüchteten fließen.

Human Rights Watch dokumentierte jedoch schwere Übergriffe mauretanischer Sicherheitskräfte auf Migranten und Asylsuchende. Die Organisation berichtet von rassistischen Kontrollen, willkürlichen Festnahmen, Misshandlungen, Folter, sexualisierter Gewalt, Erpressung und Abschiebungen ohne ausreichende rechtsstaatliche Verfahren. Betroffen seien überwiegend Schwarze Menschen aus west- und zentralafrikanischen Staaten gewesen.

Human Rights Watch sieht einen Zusammenhang mit der europäischen Politik, Grenzkontrollen in Herkunfts- und Transitstaaten zu verlagern. EU- und spanische Hilfen hätten Sicherheitskräfte unterstützt, ohne Menschenrechtsrisiken ausreichend zu berücksichtigen.

Schwierige Partner bei der Sicherheit

Auch in Nigeria trifft Deutschlands Interesse an einer stärkeren Sicherheitszusammenarbeit auf eine problematische Menschenrechtslage. Das Land ist mit Anschlägen terroristischer Gruppen, Entführungen, bewaffneten Banden und gewaltsamen Konflikten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen konfrontiert. Die Sicherheitskräfte stehen zugleich selbst wegen schwerer Übergriffe in der Kritik.

Human Rights Watch berichtet von Luftangriffen mit zivilen Todesopfern, willkürlichen Festnahmen und fehlender Aufarbeitung. Nach einem Luftangriff im Bundesstaat Zamfara im Januar 2025, bei dem mindestens 20 Menschen getötet worden sein sollen, kündigten die Behörden eine Untersuchung an. Ergebnisse seien bislang nicht veröffentlicht worden.

Amnesty International dokumentierte zudem bei einer Anti-Entführungs-Einheit der Polizei im Bundesstaat Imo lang andauernde willkürliche Haft, Folter, Erpressung und Fälle des Verschwindenlassens. Solche Vorwürfe werfen die Frage auf, an welche Bedingungen deutsche Unterstützung geknüpft wird.

Unterschiedliche Vorstellungen von Partnerschaft

Deutschland und Nigeria haben gemeinsame Interessen. Beide Seiten wollen Handel und Investitionen ausbauen, erneuerbare Energien fördern und die Sicherheit in Westafrika stärken. Auch die nigerianische Regierung wirbt ausdrücklich um mehr deutsches Kapital. Unterschiede zeigen sich jedoch darin, woran der Erfolg gemessen wird.

Für Deutschland geht es um neue Märkte, sichere Lieferketten, Rohstoffe und regionale Stabilität. Für Nigeria stehen zugleich Industrialisierung, die Verarbeitung eigener Rohstoffe, Technologietransfer, Ausbildung und Arbeitsplätze auf der Tagesordnung.

Ähnlich unterschiedlich sind die Blickwinkel bei der Migration. Deutschland und Europa wollen verhindern, dass mehr Menschen ihre Grenzen erreichen. Die Staaten Westafrikas müssen dagegen Millionen Vertriebene versorgen, Geflüchtete aufnehmen und zugleich die Folgen europäisch unterstützter Grenzkontrollen tragen.

Ob daraus eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe wird, entscheidet sich deshalb nicht an der Zahl deutscher Unternehmensreisen oder neuer Absichtserklärungen. Maßgeblich ist, wo Rohstoffe verarbeitet werden, wo Arbeitsplätze entstehen und ob Sicherheits- und Migrationsabkommen sich an Menschenrechten orientieren und sie schützen. (mig) Aktuell Politik

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