
Teufelskreis des Rechtsextremismus
Bevölkerungsschwund in Thüringen am größten
Der Bevölkerungsrückgang trifft Thüringen härter als jedes andere Bundesland. Fachleute warnen vor einem Teufelskreis: Fachkräfte fehlen, Zuwanderung bleibt aus, und rechtsextreme Parteien profitieren von den wachsenden Sorgen.
Mittwoch, 17.06.2026, 11:18 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 17.06.2026, 11:18 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
21.331 Menschen weniger: Thüringen erlebte im vergangenen Jahr den stärksten Bevölkerungsrückgang unter allen Bundesländern. Ende des Jahres lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 1,0 Prozent weniger Menschen im Freistaat als ein Jahr zuvor. Danach folgten Sachsen-Anhalt mit minus 0,7 Prozent und das Saarland mit minus 0,5 Prozent.
Zum Stichtag 31. Dezember 2025 wurden in Thüringen exakt 2.078.946 Menschen gezählt – und damit 21.331 weniger als Ende 2024. Thüringen hat also Bevölkerung in der Größenordnung der Einwohnerzahl einer Kleinstadt verloren. Zum Vergleich: Am 31. Dezember 2016 waren es noch 2.158.128 Menschen, Ende 2021 noch 2.108.863 Menschen.
Familienpolitik und Einladungskultur
Thüringens Gesundheits- und Arbeitsministerin Katharina Schenk sagte, die Entwicklung zeige, dass die Landesregierung mit der gezielten Anwerbung von Fach- und Arbeitskräften aus dem Ausland auf dem richtigen Kurs sei. „Ich glaube, jeder, der irgendwie hofft, dass durch viele Geburten dieses Defizit ausgeglichen werden kann, ist auf dem Irrweg“, sagte Schenk. In der Vergangenheit hatte vor allem die AfD gefordert, den Fachkräftemangel mit einer „Familienoffensive“ zu bekämpfen. Thüringens AfD-Landespartei- und Fraktionschef Björn Höcke hatte im Dezember 2025 betont: „Wir müssen uns aus eigener Kraft regenerieren.“
Schenk sagte, es sei ein politischer Handlungsauftrag, das familienfreundlichste Bundesland zu werden, in dem man sich um Betreuung keine Gedanken machen muss, in dem man weiß, dass Arbeitgeber quasi Familienplanung unterstützen. Allerdings sei diese Antwort allein zu kurz. „Klar ist auch: Wir haben ja schon ein Defizit. Die Generation, die nach der friedlichen Revolution Ostdeutschland und damit auch Thüringen verlassen haben, die sind nicht zurückgekommen und wer nicht da ist, kann auch keine Kinder kriegen.“ Es brauche also auch Zuzug, so Schenk.
Fachkräfteanwerbung in Indien
Die 38-Jährige war vor wenigen Wochen zusammen mit Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) in Indien unterwegs. Dabei ging es neben Wirtschaftskontakten auch um das Thema Fachkräfte. „Indien hat einen extrem hohen Überschuss an jungen Menschen, die ihre Zukunft aufbauen wollen“, sagte sie. Wenn Thüringen wolle, dass diese Menschen ihre Zukunft in Thüringen sehen, „dann brauchen wir eine Einladungskultur“.
Der Statistik zufolge gab es nur in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen Zuwächse der Bevölkerung. In den Flächenländern ging sie hingegen zurück oder blieb annähernd stabil. In den östlichen Bundesländern fiel der Rückgang mit minus 0,5 Prozent stärker aus als in den westlichen Bundesländern mit minus 0,1 Prozent.
Rechtsextremismus als Standortnachteil
Dass die ostdeutschen Flächenländer schwächer abschneiden, führen Fachleute auch das politische Klima zurück. Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, dass Arbeitskräfte seltener in Regionen ziehen, in denen rassistische und migrationsfeindliche Einstellungen besonders verbreitet sind. Besonders stark reagieren demnach junge und gut qualifizierte Beschäftigte.
In Thüringen ist die rechtsextreme AfD politisch stark. In der jüngsten Umfrage lag sie bei 39 Prozent. Für die Fachkräfteanwerbung ist das ein Problem: Wo Rassismus und Rechtsextremismus den Alltag prägen oder als Risiko wahrgenommen werden, überlegen sich Menschen mit Migrationserfahrung genauer, ob sie dort arbeiten, wohnen und ihre Familien aufbauen wollen. Fachleute beschreiben das als Teufelskreis: Die Wirtschaft braucht Zuwanderung, um Lücken zu schließen; bleibt sie aus, verschärfen sich Fachkräftemangel und wirtschaftliche Sorgen – und davon können wiederum Parteien profitieren, die Zuwanderung politisch bekämpfen.
110.000 Menschen weniger in Deutschland
Bundesweit lebten Ende 2025 rund 83,5 Millionen Menschen in Deutschland, 110.000 weniger als ein Jahr zuvor. Das entsprach nach Angaben des Statistischen Bundesamts einem Rückgang um 0,1 Prozent. Seit 2011 war die Bevölkerung mit Ausnahme des Corona-Jahres 2020 kontinuierlich gewachsen. 2025 sank sie nun erstmals seit 2020 wieder.
Der Grund: Die Nettozuwanderung kann das Geburtendefizit nicht ausgleichen. 2025 gab es in Deutschland 352.000 mehr Sterbefälle als Geburten. Gleichzeitig ging der Wanderungssaldo – also die Differenz zwischen den Zu- und Fortzügen – von plus 430.000 auf 235.000 deutlich zurück. (dpa/mig) Aktuell Gesellschaft
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