Anissa Kirch, MiGZAIN, Oman, Religion, Islam, Muslime
Anissa Kirch © privat, Zeichnung: MiG

Essay

Freiheit braucht Orientierung

Was wie eine Debatte über Kopftuch, Burka oder Bikini wirkt, ist in Wahrheit ein Streit über Freiheit, Rücksicht und Zusammenleben. Eine persönliche Erfahrung aus Oman wirft einen ungewohnten Blick auf deutsche Gewissheiten.

Von Montag, 16.03.2026, 12:27 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 16.03.2026, 12:27 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |  

Öffentliche Debatten entzünden sich häufig an sichtbaren Unterschieden – an Kleidung, Symbolen oder religiösen Zeichen. Doch hinter diesen Diskussionen steht meist eine grundlegendere Frage: Wie viel Freiheit verträgt eine Gesellschaft – und wo beginnt die Verantwortung gegenüber anderen?

Was sehen wir, wenn wir einem Menschen im öffentlichen Raum begegnen? Eine persönliche Entscheidung? Ein kulturelles Zeichen? Ein politisches Statement? Oder schlicht einen Mitmenschen? Je unsicherer eine Gesellschaft im Umgang mit Vielfalt ist, desto stärker werden sichtbare Unterschiede aufgeladen.

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Doch selbst wenn ein sichtbares Zeichen verschwindet, verschwindet damit nicht automatisch das, was Menschen darin zu erkennen glauben. Eine Überzeugung existiert unabhängig davon, ob sie äußerlich markiert ist oder nicht. Verbote können Symbole unsichtbar machen. Sie können aber kein gesellschaftliches Vertrauen herstellen.

Ich bin in Deutschland aufgewachsen – in einer Gesellschaft, die ihre Freiheiten seit den 1970er- und 1980er-Jahren stetig ausgeweitet hat. Vielleicht fällt es uns gerade deshalb schwer, über Grenzen von Freiheit zu sprechen, ohne sie sofort als Rückschritt zu begreifen.

Als ich in meinen Zwanzigern mehrere Jahre im Oman lebte, habe ich dort Dinge gelernt, die mit Religion im engeren Sinne weniger zu tun hatten, dafür aber viel mit gesellschaftlichem Miteinander. Ich habe mich dort nicht stärker eingeschränkt gefühlt als in Deutschland. Entscheidend war etwas anderes: Mir wurde bewusster, wie sehr Freiheit davon abhängt, wie wir sie nutzen.

Vielfalt im öffentlichen Raum – Kleidung als persönlicher Ausdruck

Kleidung ist Ausdruck von Persönlichkeit. Sie sagt etwas über Stil, Haltung, Zugehörigkeit. Aber sie ist nie nur privat. Im öffentlichen Raum wirkt sie nach außen. Sie kommuniziert – ob gewollt oder nicht.

Im Oman ist das Bewusstsein besonders ausgeprägt dafür, dass Kleidung im öffentlichen Raum mehr ist als eine persönliche Entscheidung. Sie wird wahrgenommen, eingeordnet und wirkt auf andere – unabhängig davon, ob das beabsichtigt ist oder nicht.

„Privat gilt: alles kann. Öffentlich: nicht alles muss.“

Gleichzeitig ist die Vielfalt groß: Frauen, die vollständig verschleiert sind. Junge Mädchen mit bunten Abayas, oft offen getragen wie ein Überwurf über moderner westlicher Kleidung. Expats in Jeans und T-Shirt. Tourist:innen, die diese Spielräume teils bewusst, teils unbedacht austesten. Und in Hotels natürlich auch Bikinis.

Was viele übersehen: Auch unter der Burka tragen die meisten Frauen sehr bunte Kleidung – sei es traditionell oder westlich. Diese bleibt dem privaten Raum vorbehalten. Für viele ist es eine bewusste Entscheidung, sich im öffentlichen Raum zurückzunehmen und nicht permanent im Mittelpunkt zu stehen.

Privat gilt: alles kann.
Öffentlich: nicht alles muss.

Kleidung verändert Wahrnehmung

Ähnlich ist es bei Männern. In traditioneller omanischer Kleidung wirken sie für mich oft wie aus einem Guss – würdevoll, anmutig, repräsentativ. In westlicher Kleidung plötzlich ganz anders: individueller, lockerer, greifbarer, weniger Rolle, mehr Person.

Der Mensch ist derselbe. Aber die Wahrnehmung verändert sich. Kleidung schafft Kontext. Und ja: Nicht jede:r kann alles gleich gut tragen.

Ein Omani in Dishdasha wirkt selbstverständlich, ruhig, selbstbewusst, getragen von einer kulturellen Verankerung. Ein Europäer in derselben Kleidung wirkt oft verkleidet, manchmal unbeholfen, manchmal sogar lächerlich – nicht aus Absicht. Haltung, Sozialisation und Kontext fehlen. Auch das ist eine Realität, über die man sprechen darf.

Öffentlicher Raum ist kein privater Raum

Ein Bikini am Pool ist in den großen Hotels in Oman mittlerweile selbstverständlich. In der Innenstadt nach wie vor nicht, weil öffentlicher Raum dort als gemeinschaftlicher Raum verstanden wird.

Ich stelle mir das oft wie eine Wohnung vor: Das Schlafzimmer ist privat. Dort gilt maximale Freiheit. Das Wohnzimmer ist gemeinschaftlich. Dort richte ich mich nach anderen.

Niemand würde mit Pyjama ins Wohnzimmer kommen, wenn Besuch da ist – nicht, weil der Pyjama falsch wäre, sondern weil er nicht zum Kontext passt. Genau so funktioniert Öffentlichkeit.

„Spannungen entstehen nicht aus Freiheit selbst, sondern aus ihrem rücksichtslosen Gebrauch.“

Diese Sicht hat meine eigene Haltung verändert. Ich fühlte mich nicht eingeschränkt. Ich begann vielmehr, mein Auftreten bewusster einzuordnen und mehr Verständnis für mein Gegenüber aufzubringen.

Bevor ich mit Anfang zwanzig in den Oman kam, trug ich selbst kurze Hosen, tiefe Ausschnitte, Sommerkleider. Mich umzustellen fiel mir überraschend leicht. Ich empfand es nicht als Verlust. Für mich war es eine Anpassung an einen Kontext, der mir nicht gehörte. Niemand verlangte von mir Verschleierung oder Selbstaufgabe – nur ein Mindestmaß an Zurückhaltung im öffentlichen Raum.

Später fiel mir auf, wie unterschiedlich Menschen mit dieser Situation umgehen. Manche akzeptierten diese wenigen Regeln wie selbstverständlich. Andere reizten sie bewusst aus. Und ich beobachtete, wie mit zunehmendem Ausreizen auch die Toleranz brüchiger wurde. Beschwerden nahmen zu. Diskussionen wurden schärfer.

Diese Dynamik kannte ich aus Deutschland – nur in umgekehrter Richtung. Auch dort hatte ich erlebt, wie Freiheiten schrittweise bis an ihre Grenzen geführt wurden und wie daraus Spannungen entstanden. Spannungen entstehen nicht aus Freiheit selbst, sondern aus ihrem rücksichtslosen Gebrauch.

„Freiheit ist kein ausschließlich individuelles Recht. Sie ist immer auch ein Verhältnis zu anderen.“

Ich habe beide Seiten erlebt: die Perspektive derjenigen, die sich anpassen, und die Perspektive derjenigen, die sich über Veränderungen im öffentlichen Raum irritiert fühlen. Genau deshalb halte ich es für verkürzt, Freiheit ausschließlich als individuelles Recht zu verstehen. Sie ist immer auch ein Verhältnis zu anderen.

Meine Perspektive hat sich dadurch verändert. Nicht aus Anpassungsdruck, nicht aus Konversion, sondern aus Erfahrung. Ich habe verstanden, dass Freiheit dort stabil bleibt, wo sie nicht permanent bis zum Äußersten ausgereizt wird.

Warum Dresscodes mehr sind als Vorschriften

In westlichen Gesellschaften werden Dresscodes heute oft reflexhaft als Einschränkung gelesen. Als Eingriff in persönliche Freiheit. Dabei erfüllen sie seit jeher eine soziale Funktion: Sie geben Orientierung, reduzieren Reibung und erleichtern das Zusammenleben – auch wenn sie nie allen gleichermaßen dienen.

Das gilt für Kleidung ebenso wie für andere ungeschriebene Regeln. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Wir lassen andere aus der Bahn aussteigen, bevor wir einsteigen. Wir verhalten uns im Büro anders als auf einer Party.

Unterschätzte Alltagsregeln

Dresscodes sind nicht universal für alle anwendbar. Sie schließen mitunter aus – auch im Oman. Bestimmte Kleidungsstile signalisieren Zugehörigkeit, andere markieren Distanz. Manche Orte werden gemieden, obwohl sie nicht verboten sind. Man gehört dort schlicht nicht dazu. Das ist nicht immer angenehm, aber sichtbar und nachvollziehbar.

Solche Mechanismen kennen wir auch aus anderen Bereichen: Musikrichtungen, Subkulturen, berufliche Kontexte. Wer in einer Bank arbeiten will, trägt keine Jogginghose. Wer eine Uniform ablehnt, kann nicht jeden Beruf ausüben. Wer sich für eine bestimmte Richtung entscheidet, akzeptiert deren Regeln – oder entscheidet sich dagegen. Auch das ist Freiheit.

Wenn Orientierung fehlt

„Manche erleben Freiheit als Befreiung, andere als Überforderung. Genau hier entstehen Spannungen.“

Wo gesellschaftliche Normen verschwinden, ohne dass neue entstehen, entsteht am Ende Unsicherheit statt Freiheit. Nicht jede:r empfindet diese Unsicherheit gleich. Manche erleben sie als Befreiung, andere als Überforderung. Genau hier entstehen Spannungen.

Orientierung entsteht nicht allein durch Gesetze, sondern durch gemeinsame Verständnisse darüber, was als angemessen, respektvoll oder rücksichtsvoll gilt. Fehlen diese Verständnisse, ziehen sich Menschen zurück. Wer nicht weiß, wie man sich kleiden oder verhalten soll, bleibt im Zweifel fern – aus Unsicherheit oder aus Angst, negativ aufzufallen.

Gleichzeitig gilt auch: Wer weiß, dass er nicht hineinpasst, bleibt manchmal ebenfalls fern. Ausschluss lässt sich nie vollständig vermeiden. Aber Orientierung hilft, ihn sichtbar, diskutierbar und verhandelbar zu machen.

Freiheit heißt auch: sich anders entscheiden dürfen

Mir ist wichtig, das klar zu sagen: Ich bin gegen jede Form von Zwang. Gegen Zwang zur Freizügigkeit genauso wie gegen Zwang zur Verschleierung.

Freiheit bedeutet, selbst entscheiden zu dürfen, wie viel man zeigt – und wie wenig. Diese Entscheidung bleibt jedoch nicht folgenlos im öffentlichen Raum. Weder radikale Freizügigkeit noch vollständige Verhüllung entziehen sich ihrer Wirkung. Beides bleibt sichtbar.

Gerade deshalb braucht Freiheit einen bewussten Umgang mit dieser Wirkung. Wer sich freizügig kleiden möchte, soll das tun dürfen. Wer sich bewusst für Zurückhaltung entscheidet, aus religiösen, kulturellen oder persönlichen Gründen, ebenso.

Wenn Frauen sich entscheiden, eine Abaya, einen Niqab oder eine Burka zu tragen, ist das nicht automatisch Unterdrückung. Genauso wenig wie ein Minirock automatisch Emanzipation ist. Problematisch wird es dort, wo diese Entscheidung nicht freiwillig ist.

Verbote und Einschränkungen, die auf den ersten Blick der Freiheit dienen sollen, greifen oft zu kurz. In manchen Ländern führen sie genau zum Gegenteil: dass Frauen gar nicht mehr reisen dürfen oder den öffentlichen Raum komplett meiden. Freiheit, die andere einschränkt, ist keine echte Freiheit.

„Nicht jede sichtbare Differenz destabilisiert eine Gesellschaft.“

Vielleicht wäre es hilfreicher, öffentliche Debatten weniger als Bedrohung und mehr als Aushandlung zu begreifen. Nicht jede sichtbare Differenz destabilisiert eine Gesellschaft. Instabil wird sie dort, wo Rücksicht und Orientierung als Gegensätze verstanden werden – und wo Verbote gesellschaftliches Vertrauen ersetzen sollen.

Weiterentwicklung statt Abschaffung

Ein kleines Alltagsbeispiel: das Händeschütteln. Früher selbstverständlich. Spätestens seit der Pandemie für viele nicht mehr passend. Und trotzdem begrüßen wir uns weiterhin – nur anders. Blickkontakt. Ein Lächeln. Die Hand heben oder aufs Herz legen.

Das Ritual ist geblieben, die Form hat sich verändert. So funktionieren stabile Gesellschaften: Sie werfen Normen nicht über Bord, sondern entwickeln sie weiter.

Eine Frage der Haltung

Es geht nicht darum, sich zurückzuentwickeln. Und auch nicht darum, Freiheit zu relativieren. Es geht darum anzuerkennen, dass Freiheit allein kein gesellschaftliches Gleichgewicht garantiert. Dieses entsteht dort, wo Menschen ihr Handeln im Zusammenhang sehen – nicht nur als individuelles Recht.

Was ich im Oman gelernt habe, ist kein Regelkatalog. Es ist eine Erfahrung: Dass Rücksicht kein Verlust ist, sondern eine bewusste Entscheidung für ein gemeinsames Leben, das so für alle leichter wird. (mig) Meinung

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