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Stempel (Symbolfoto) © de.depositphotos.com

Studie

Rassismus in Ämtern und Behörden stark verbreitet

Eine neue Großstudie zeigt, wie verbreitet Vorurteile und rassistische Vorstellungen in Ämtern und Behörden verbreitet ist. Routinen, Ermessensspielräumen und Behördenkultur entscheiden oft über Chancen. Wer weniger glaubwürdig erscheint, bekommt weniger Hilfe – und viele Betroffene schweigen, weil sie keine Konsequenzen erwarten.

Dienstag, 17.02.2026, 17:38 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 17.02.2026, 17:38 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Rassismus ist einer Studie zufolge in Behörden mindestens so verbreitet wie in der Gesamtbevölkerung. Er zeige sich seltener in offenen Anfeindungen, sondern stecke in Routinen, Entscheidungsspielräumen und der Organisationskultur, wie das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt am Dienstag in Leipzig mitteilte. Das Institut koordinierte die vom Bundesinnenministerium mit sechs Millionen Euro geförderte Großstudie.

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Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragten dafür den Angaben zufolge rund 13.000 Mitarbeitende der vier Bundesbehörden Bundespolizei, Zoll, Bundesagentur für Arbeit und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, redeten mit Klienten der Behörden, beobachteten den Behördenalltag und verglichen Dokumente. „Eine Studie dieses Zuschnitts hat es in Deutschland bislang nicht gegeben“, erklärte der Studienleiter, der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel.

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Behörden schenken Rumänen weniger Glauben

Ein Ergebnis der Studie ist, dass Rassismus „in allen Institutionentypen nachweisbar“, im Vergleich mit der Bevölkerung aber kein „einheitlich erhöhtes Maß“ diskriminierender Einstellungen zu erkennen sei, heißt es in der Mitteilung des Instituts. In einigen Dimensionen seien die Werte niedriger ausgefallen, bei anderen, etwa der Ablehnung Geflüchteter, bei Bundespolizei und Zoll aber auch höher.

In der Studie wird zur Veranschaulichung rassistischer Handlungsmuster etwa darauf verwiesen, dass ein Experiment zeigte, dass Anträge rumänischer Antragsteller als weniger glaubwürdig angesehen werden – und in der Folge weniger Unterstützung zuerkannt wird. Eine Schlechterbehandlung konstatiert die Studie auch für die Gruppe der Sinti und Roma, Muslime und nicht-weißen Geflüchteten etwa gegenüber weißen Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine.

Nur die wenigsten beschwere sich

Diesen Befund bestätigt eine ergänzenden Onlinebefragung unter Muslimen. Danach gaben rund 80 Prozent der Befragten an, in Behörden rassistisch diskriminiert worden zu sein; 40 bis 50 Prozent berichteten von konkreten Erfahrungen in Jobcentern, Sozial- und Ausländerbehörden. „Die Folgen sind gravierend: Ein großer Teil der Betroffenen berichtet von Versagensängsten, Selbstzweifeln und langfristigen psychischen Belastungen, bis hin zu anhaltenden Angstzuständen“, so die Experten.

Erschwerend kommt hinzu, dass nur ein kleiner Teil der Benachteiligten sich an Antidiskriminierungsstellen wenden. Als Grund geben die meisten die Erwartung an, eine Beschwerde werde ohnehin folgenlos bleiben.

Wie Strukturen und Routinen Diskriminierung begünstigen

Als strukturelles Diskriminierungsrisiko erweisen sich der Erhebung zufolge auch Sprachbarrieren: „Während einigen Antragstellenden proaktiv geholfen wird, werden Personen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen teils abgewiesen oder auf fehlende Sprachkenntnisse verwiesen. Hängt die Überwindung von Sprachbarrieren vom guten Willen einzelner Mitarbeitender ab, kann Sprache zur rassistischen Barriere werden“, heißt es in der Mitteilung zur Studie. Dabei lasse sich Rassismus in Behörden nicht vom gesellschaftlichen Meinungsklima trennen.

Die Studie empfiehlt der Politik, Schutzlücken für Betroffene zu schließen, die sich im Verhältnis zu staatlichen Institutionen bislang nicht auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz berufen können. Zudem rät sie zur Einrichtung unabhängiger Beschwerdestellen und rassismuskritischen Fortbildungen für Behördenpersonal. (epd/mig) Leitartikel Panorama

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