
Replik
Lizenz zur Diskriminierung
Die „Zeit“ veröffentlicht eine Anleitung zur sozialen Treibjagd und verkauft das als Akt der Zivilcourage. Auslöser ist ein Stück Stoff – und Jochen Bittner wittert den Untergang der Zivilisation. Brandgefährlich in Zeiten steigender antimuslimischer Übergriffe.
Von Nicole Quint Sonntag, 15.02.2026, 11:17 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 15.02.2026, 11:17 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Da schaut Jochen Bittner aus der Haustür seines „großartigen Lebens in London“ und erschrickt – vor einem Stück Stoff. Der Journalist hatte eine Frau im Niqab gesehen. Wann ist nicht ganz klar – Bittner lebt bereits seit 2024 als Auslandskorrespondent der „Zeit“ in der englischen Hauptstadt –, jetzt aber schien ihm der richtige Zeitpunkt gekommen, um unter dem Titel „Kein Fall für den Staat“ zum großen Halali auf Vollverschleierte zu blasen. Die Erschütterung seiner Existenz als westlicher Ästhet soll schließlich nicht ungestraft bleiben.
„Schönheit ist keine Sünde“, bestimmt er deshalb mit dem naserümpfenden Dünkel eines Mannes, der Emanzipation mit Minirock und Highheels verwechselt. Man sieht ihn förmlich vor sich, wie er mit dem Goldenen Schnitt in der Tasche durch London flaniert, um Menschennoten zu verteilen. Dass Schönheit im westlichen Spätkapitalismus vor allem das Recht meint, als Ware jederzeit verfügbar und begutachtbar zu sein, ist Bittner keine Zeile wert. Die Frau hat gefälligst das Auge des Herrn zu erfreuen; tut sie es nicht, ist sie „antimodern“.
Dass er Boris Johnsons erbärmlichen Vergleich von Burka-Trägerinnen mit „letter boxes“ nur deshalb rügt, weil dadurch die „wunderschönen Briefkästen“ beleidigt würden, entlarvt das ganze Elend dieser bürgerlichen Polemik: Das Objekt – die Briefbox – ist dem Ästheten Bittner mehr wert als das Subjekt unter dem Stoff. Freiheit ist für ihn deshalb auch kein Recht, das einer Minderheit gegen den Zugriff der Mehrheit zusteht, sondern eine Belohnung für korrektes modisches Betragen. Wer sich nicht nach Bittners Geschmack entblößt, der hat sein Recht auf Teilhabe verwirkt. „Befrei dich, Frau!“, pöbelt er, der glaubt genau zu wissen, welche Kleidung „zivilisatorischer Fortschritt“ ist, und meint doch nur: Füg dich meinem Bild von dir, oder verschwinde aus meinem Blickfeld!
„Bittner will die totale Isolation der Frauen, um sie zu seiner Vorstellung von Emanzipation zu zwingen.“
Bei dieser Forderung kippt die Ästhetikfrage dann endgültig in den Kulturrassismus: Wer nicht schön, also westlich-kompatibel ist, dem soll die Kommunikation verweigert werden – im Café, im Hörsaal und an der Supermarktkasse. Bittner will die totale Isolation der Frauen, um sie zu seiner Vorstellung von Emanzipation zu zwingen.
Sein Aufruf zur öffentlichen Demütigung von Niqab-Trägerinnen zeigt die grausame Lust am Ausschluss, die er nun dreist als „Gewissensentscheidung“ tarnt. Was Bittner hier unter dem Label „rationaler Bürgersinn“ verkauft, ist nichts als die alte deutsche Fratze des Blockwarts, der sich diesmal das britische Tweed-Sakko übergezogen hat, um im Namen der Aufklärung genau das zu tun, was er den Islamisten vorwirft: das öffentliche Leben nach ideologischen Reinheitsgeboten zu sortieren. Wo der Fundamentalismus der anderen vermutet wird, antwortet der Autor einfach mit einem Fundamentalismus des eigenen Überlegenheitsgefühls.
Weil ihm der Anblick einer verschleierten Frau die Laune verdirbt, ruft er aber nicht nach dem Staat – das wäre ja autoritär, und wir sind doch Demokraten! –, sondern zur privaten Hexenjagd und erlässt ein Ausgrenzungsgebot, mit dem er den Mob der Anständigen mobilisieren will. Dass Bittner den Staat aus der Pflicht nimmt, ist nur folgerichtig. Wo das Recht herrscht, müsste man begründen; wo der „Bürgersinn“ wütet, reicht das Vorurteil.
„Wenn eine Redaktion es zulässt, dass die Missachtung von Mitmenschen zur Bürgerpflicht erhoben wird, verlässt sie den Boden des demokratischen Konsenses.“
In Deutschland wurden im Jahr 2024 über 3.000 antimuslimische Vorfälle registriert, die von Beleidigungen, Diskriminierung und Propaganda bis zu physischen Gewaltdelikten und anderen Straftaten reichen. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr und ein Rekordwert seit Beginn der Erfassung. Zu beobachten ist überdies eine zunehmende Enthemmung und Brutalität bei den Taten, die sich zu rund 70 Prozent gegen den Personenkreis richten, der auch Ziel von Bittners Demagogie ist – Frauen.
Wenn eine Redaktion es zulässt, dass die Missachtung von Mitmenschen zur Bürgerpflicht erhoben wird, verlässt sie den Boden des demokratischen Konsenses. Bittners Kolumne ist kein Diskursbeitrag mehr, sie ist die publizistische Vorbereitung auf den sozialen Bürgerkrieg im Kleinen. Man sollte den Autor dennoch beim Wort nehmen und die Kommunikation verweigern – allerdings nicht mit den Frauen im Niqab, sondern mit jenen Schreibtischtätern, die versuchen, das Ende des öffentlichen Friedens zu provozieren und behaupten, das sei ein Akt der Zivilcourage. (mig) Meinung
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