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Medikamente (Symbolfoto) © stevepb @ pixabay.com (Lizenz), bearb. MiG

Kein Fenster, kein Vitamin D

Wenn Prävention zur Klassenfrage wird

Wer Vitamin D im Blick haben will, braucht oft mehr als Gesundheitsbewusstsein: Zeit, Geld, Tageslicht – und einen Alltag, der das zulässt. Für Menschen in prekärer Arbeit und für Geflüchtete in Sammelunterkünften ist Sonnenlicht fast schon Luxus.

Samstag, 07.02.2026, 0:15 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 09.02.2026, 8:19 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Vitamin D klingt nach einem dieser Themen, die man schnell in die Ecke „Selbstoptimierung“ schiebt: ein Blutwert, ein Präparat, ein paar Minuten Sonne. Doch wer genauer hinsieht, merkt: Hinter der scheinbar simplen Frage – „Habe ich genug?“ – steckt eine soziale Realität. Nicht jede Person kann mittags kurz raus. Nicht jede Person arbeitet am Fenster. Und nicht jede Person lebt so, dass „Geh mal kurz in die Sonne“ ein brauchbarer Rat ist.

In Deutschland kommt hinzu: In den Wintermonaten ist die UV-B-Strahlung oft zu schwach, um die körpereigene Bildung zuverlässig zu tragen. Vitamin D wird dann zum Saison-Thema – und zum Markt. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) nennen als Referenzwert für Erwachsene bei fehlender Eigenproduktion 20 Mikrogramm (800 I.E.) pro Tag. Gleichzeitig zeigen Daten aus Gesundheitssurveys: Suboptimale Werte sind verbreitet – und treffen nicht alle gleich.

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Vitamin D – kurz erklärt, ohne Hype

Vitamin D unterstützt vor allem den Calcium- und Phosphatstoffwechsel und ist damit wichtig für Knochen und Muskeln. In der öffentlichen Debatte wird oft auch über das Immunsystem gesprochen – teils seriös, teils überzogen. Klar ist: Der Körper kann Vitamin D selbst bilden, wenn ausreichend UV-B-Strahlung auf die Haut trifft, und nur wenige Lebensmittel liefern nennenswerte Mengen.

Wer über Vitamin D spricht, spricht also zwangsläufig über Sonne – und damit über Zugänge: zu Freizeit, zu sicheren Außenräumen, zu Arbeitsbedingungen, die nicht den ganzen Tag in fensterlosen Zonen stattfinden.

Schicht im Hinterzimmer: Wenn Tageslicht am Arbeitsplatz fehlt

In vielen Branchen gehört „drinnen“ zum Job: im hinteren Bereich eines Restaurants, im Keller eines Betriebs, im riesigen Lager, in Produktionshallen. Orte, die funktionieren müssen – aber selten freundlich sind. Wer dort arbeitet, ist oft nicht freiwillig: Minijob, Leiharbeit, Werkvertrag, befristete Beschäftigung, geringe Löhne. Wer kündigt, riskiert sofortige finanzielle Löcher. Wer sich beschwert, gilt schnell als schwierig.

Dabei ist Tageslicht am Arbeitsplatz nicht nur „nice to have“. Das Arbeitsschutzrecht formuliert grundsätzlich, Arbeitsräume sollen möglichst ausreichend Tageslicht erhalten und eine Sichtverbindung nach außen haben. Das klingt eindeutig – und doch zeigt der Alltag, wie groß die Lücke zwischen Norm und Wirklichkeit sein kann: Provisorische Lösungen werden dauerhaft, Pausen fallen aus, Arbeitsplätze „wandern“ dorthin, wo gerade Platz ist.

Für viele Beschäftigte kommt noch ein Faktor hinzu: Menschen mit Migrationserfahrung arbeiten überdurchschnittlich häufig in Bereichen, in denen körperliche Belastung, Zeitdruck und geringe Planbarkeit zusammenkommen. Wenn dann auch noch Tageslicht im Alltag fehlt, ist Vitamin D3 K2 nicht mehr nur Biochemie, sondern eine Frage der Arbeitswelt: Wer hat das Privileg, seine Gesundheit im Tageslicht zu organisieren – und wer arbeitet im Schatten, weil es anders nicht geht?

Sammelunterkunft: Leben im Provisorium – oft ohne Licht und Ruhe

Noch drastischer zeigt sich die soziale Seite von Gesundheit in Sammelunterkünften. Wer in einer Sporthalle, einem Großraum oder einer Containerlösung untergebracht ist, lebt häufig nicht nur beengt, sondern auch abgeschnitten: wenig Privatsphäre, ständiger Lärm, wechselnde Nachbarschaften, psychische Belastung. Berichte über Unterbringung in großen Hallen oder provisorischen Lösungen sind seit Jahren Teil der öffentlichen Diskussion – meist unter dem Stichwort „Überlastung“, selten unter dem Stichwort „Gesundheit“.

Das Problem ist nicht nur ein fehlender „Wohnkomfort“. Es geht um Grundlagen: Schlaf, Hygiene, Stress – und eben auch um Licht und Tagesrhythmus. Wer in einer Unterkunft lebt, in der Tageslicht nur gefiltert ankommt, und wer zusätzlich durch Angst, Warten, Unsicherheit und Enge belastet ist, hat es schwer, Gesundheit „mitzumanagen“. Selbst wenn die Theorie sagt: rausgehen, bewegen, Sonne nutzen – die Praxis sagt oft: keine Kraft, keine Ruhe, kein sicherer Ort, keine gute Anbindung, keine Perspektive.

Hinzu kommt: Geflüchtete sind in Gesundheitserhebungen in Deutschland lange nur unzureichend berücksichtigt worden, was auch bedeutet: Viele Probleme bleiben statistisch unsichtbar und politisch leichter zu verdrängen.

Prävention kostet – manchmal einfach Geld

Wer Vitamin D „richtig“ angehen will, landet schnell bei drei Dingen: Bluttest, Präparat, ärztliche Begleitung. Nur: Bluttests werden oft nicht routinemäßig bezahlt, wenn keine klare medizinische Indikation vorliegt. Nahrungsergänzungsmittel kosten Geld – und werden aggressiv beworben. Die Verbraucherzentrale weist seit Jahren darauf hin, dass die Versorgungslage komplex ist und pauschale Heilsversprechen nicht weiterhelfen. Und das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor langfristigen Risiken hochdosierter Präparate.

Das trifft besonders jene, deren Alltag ohnehin auf Kante genäht ist: Wer jeden Euro umdreht, kauft eher das Günstigste – oder gar nichts. Wer mehrere Jobs hat, findet keinen Termin beim Hausarzt. Wer in einer Unterkunft lebt, hat oft ganz andere Prioritäten als einen Blutwert. Und wer schlechte Erfahrungen mit Behörden oder Institutionen gemacht hat, geht nicht automatisch mit Vertrauen in die nächste Praxis.

Was daraus folgt – ohne moralischen Zeigefinger

Der Satz „Die Menschen sollen mehr rausgehen“ klingt harmlos. In Wahrheit kann er zynisch klingen, wenn er ignoriert, wie Leben organisiert ist. Wer Tageslicht nur auf dem Weg zur Nachtschicht sieht, braucht keine Motivation, sondern bessere Bedingungen. Wer in einer Sammelunterkunft lebt, braucht keine Wellness-Tipps, sondern Räume, die Gesundheit nicht systematisch erschweren.

Vitamin D ist dafür ein gutes Beispiel, weil es so banal wirkt – und dann doch zeigt, wie ungleich Prävention verteilt ist. Es geht nicht darum, ein neues Angstthema zu schaffen. Es geht darum, aus einem Gesundheitsthema eine soziale Frage zu machen:

  • Arbeitsplätze: Werden Anforderungen an Tageslicht und Pausen real eingehalten – oder nur auf Papier?
  • Unterkünfte: Werden Mindeststandards so gedacht, dass Gesundheit mitgemeint ist – oder so, dass Menschen irgendwie „unterkommen“?
  • Zugang zur Versorgung: Wie kommen Menschen in prekären Lebenslagen zu Diagnostik, verständlicher Beratung und sicheren Empfehlungen – ohne Marktgeschrei und ohne Überdosierungsrisiko?

Am Ende ist Vitamin D nicht die große gesellschaftliche Konfliktlinie. Aber es ist ein Spiegel. Und der zeigt: Gesundheit hängt nicht nur am Willen des Einzelnen. Sie hängt an Licht, Zeit, Geld – und an Strukturen, die manchen Menschen das alles regelmäßig entziehen.

Wenn wir über Prävention sprechen, sollten wir deshalb nicht zuerst fragen, wer welches Präparat nimmt. Sondern: Wer hat überhaupt die Chance, gesund zu leben – und wer lebt so, dass selbst das Tageslicht zum Luxus wird? (eb) Panorama

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