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Boot der griechischen Küstenwache © de.depositphotos.com

Schon wieder

Griechische Küstenwache kollidiert mit Boot von Geflüchteten: 15 Tote

Tragödie vor Chios: Nach einer Kollision mit der griechischen Küstenwache bergen Retter Tote und schwer verletzte Geflüchtete – darunter mehrere Kinder. Was über die Ursachen bislang bekannt ist – und was nicht. Klar ist: Mit der griechischen Küstenwache ist es nicht der erste Vorfall dieser Art. EU-Abgeordnete fordern unabhängige Untersuchung.

Mittwoch, 04.02.2026, 12:53 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 04.02.2026, 13:06 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Bei einem Schiffsunglück vor der Ägäis-Insel Chios sind mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen und 24 Menschen teils schwer verletzt worden, darunter elf Kinder. Nach Angaben der griechischen Küstenwache soll ein Schnellboot mit Geflüchteten an Bord ein Patrouillenboot gerammt haben und daraufhin gekentert sein. Bei den Opfern handelt es sich nach Angaben des Krankenhauses der Insel ausschließlich um Geflüchtete und Migranten. Die Such- und Rettungsaktionen dauerten auch am Morgen weiter an, teilte die Küstenwache mit.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden 14 Leichen aus dem Meer geborgen – elf Männer und drei Frauen. Eine weitere Frau erlag später im Allgemeinen Krankenhaus von Chios ihren schweren Verletzungen. Zahlreiche Personen, darunter ebenfalls Kinder, wurden ärztlich behandelt. Zwei gerettete schwangere Frauen mussten operiert werden, ihre ungeborenen Babys waren jedoch bereits tot. Das sagte der Arzt Ioannis Manafis, zugleich auch Bürgermeister der Inselhauptstadt, im griechischen Rundfunk.

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Nach Darstellung der Küstenwache befanden sich Dutzende Menschen auf einem Boot mit starkem Motor, das aus der Türkei kommend in Richtung Chios unterwegs war. Der Steuermann des Schnellboots sei den Licht- und Lautsprechersignalen der Küstenwache, sofort zu stoppen, nicht nachgekommen. In der Folge sei das Schnellboot mit der rechten Seite des Patrouillenbootes der Küstenwache kollidiert. Durch die Wucht des Aufpralls kenterte das Schnellboot, wodurch alle Insassen ins Meer stürzten. Die Untersuchung dauert an, teilte die Küstenwache weiter mit.

Schwere Verletzungen deuten auf Kollision hin

Die Verletzungen der 24 geretteten Geflüchteten – darunter Leber- und Nierenrisse sowie schwere Schädelverletzungen – stützen nach Angaben des Direktors des Krankenhauses von Chios, Christos Tsiachris, die Version einer Kollision. Zwei Angehörige der Küstenwache sollen ebenfalls leicht verletzt worden sein. Wie die Kollision tatsächlich zustande kam, ist bislang offen und dürfte Gegenstand weiterer Ermittlungen sein.

Die Darstellung der Küstenwache jedenfalls steht erneut unter besonderer Beobachtung, weil sie wegen mangelhafter Aufklärung mehrfach in der Kritik stand. In der Vergangenheit gab es nach schweren Unglücken wiederholt widersprüchliche oder nachträglich korrigierte Angaben: Nach dem Massensterben von Pylos im Juni 2023 etwa änderte die Küstenwache ihre öffentliche Darstellung zum Einsatz eines Seils/Schleppvorgangs innerhalb kurzer Zeit – ein Detail, das zentral für die Frage war, ob das Verhalten der Küstenwache das Kentern begünstigt haben könnte.

Griechische Küstenwache in der Kritik

Auch mehrere weitere Vorfälle der vergangenen Jahre endeten nicht mit einer Entlastung, sondern mit harter internationaler Kritik und gerichtlichen Feststellungen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte rügte Griechenland sowohl im Fall Farmakonisi (Untergang 2014) als auch im Fall Pserimos (Schussabgabe 2015) wegen Verstößen gegen das Recht auf Leben und wegen erheblicher Mängel bei den Ermittlungen.

Seit dem Vorfall von Pylos im Jahr 2023 ist der Druck besonders groß: Ein griechisches Marinegericht erhob Anklage gegen Mitglieder der Küstenwache. Überlebende und Menschenrechtsorganisationen werfen der Behörde vor, Vorfälle zu beschönigen oder Verantwortlichkeiten zu verschleiern.

EU-Abgeordnete fordern unabhängige Untersuchung

So forderte der griechische Europaabgeordnete Kostas Arvanitis (Syriza) eine unabhängige Untersuchung. „Das Seerecht verpflichtet zur Rettung – nicht zur Verfolgung oder zu Pushbacks. Griechenland muss aufhören, ein Land der Tragödien zu sein“, sagte Arvanitis am Mittwoch in Brüssel. Der Vorfall stehe exemplarisch für die Folgen des harten Migrationskurses von EU und Mitgliedstaaten, kritisierte Arvanitis.

Auch die spanische Europaabgeordnete Estrella Galán (Sumar) erklärte, das Unglück sei „kein Einzelfall“. Beide Abgeordnete gehören der linken Fraktion im Europaparlament an. Die Linke will kommende Woche eine Debatte über die Notwendigkeit verstärkter Rettungsmaßnahmen auf See beantragen.

Fluchtroute über die Ägäis bleibt gefährlich

Nach Berichten von Reportern örtlicher Medien herrschte in der vergangenen Nacht im Hafen der Insel Chios große Aufregung. Verletzte seien fortlaufend von Rettungskräften in das örtliche Krankenhaus transportiert worden. Die Küstenwache habe gemeinsam mit der griechischen Luftwaffe eine Such- und Rettungsaktion eingeleitet. Dabei sei auch ein Hubschrauber mit Wärmebildtechnik zum Einsatz gekommen, da weitere Menschen im Wasser vermutet wurden.

Schleuserbanden bringen regelmäßig Menschen aus der Türkei auf die griechischen Inseln der östlichen Ägäis. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR erreichten im vergangenen Jahr rund 42.000 Geflüchtete über den Seeweg diese Inseln sowie Kreta und damit die EU. Im östlichen Mittelmeer registrierte das UNHCR im Vorjahr 107 Todesopfer. Offiziere der griechischen Küstenwache gehen jedoch von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. (dpa/mig) Ausland Leitartikel

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