
Suche nach Perspektiven
Senegals Jugend: Flucht aus der Armut
Mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und einer bedrückenden Wirtschaftslage bietet der Senegal jungen Menschen kaum Perspektiven. Viele sehen Migration als einzige Chance. Die Flucht aus der Armut ist aber oft tödlich.
Von Helena Kreiensiek Dienstag, 27.01.2026, 13:09 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 27.01.2026, 13:09 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Ganze 14 Mal versuchte Saliou Diouf, die Meerenge vor Gibraltar zu überqueren. Immer wieder stieg der Senegalese in kleine Boote, voller Hoffnung, das spanische Festland zu erreichen. Doch immer wieder scheiterte er, wurde von der Marine gestoppt und wieder in Marokko abgesetzt. Diouf war unter Druck, die von ihm abhängige Familie zu versorgen und hoffte, in Europa genügend Geld zu verdienen.
Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 24 Prozent im Senegal sehen viele junge Menschen in dem westafrikanischen Land ihre einzige Chance darin, es anderswo zu versuchen. Für Saliou Diouf war das damals zumindest indirekt der treibende Faktor. „Ich hatte einen Job und habe gut verdient“, sagt er. „Das Problem war, dass ich der einzige in der gesamten Familie war und alle unterstützen musste. Obwohl ich einen guten Job hatte, hat es einfach nicht gereicht.“
Per Boot zu den Kanaren
Das war vor rund zehn Jahren. Heute leitet Diouf im Senegal die Organisation „Boza Fii“ und setzt sich für das Recht auf Bewegungsfreiheit aller Menschen ein – und für ein würdevolles Ankommen zurückgekehrter Migranten. Im Bürogebäude der Organisation in einem Vorort der Hauptstadt Dakar wohnt immer jemand übergangsweise. Alle haben versucht, zu migrieren, manche erfolgreich, andere nicht. Manche wurden abgeschoben, andere kehrten freiwillig zurück. Jede Geschichte ist individuell.
Während der Senegal traditionell ein Einwanderungsland ist, ist er in den vergangenen Jahren verstärkt auch zu einem Transit- und Migrationsland geworden. 2024 erreichten nach Angaben des spanischen Innenministeriums mehr als 40.000 Menschen von der westafrikanischen Küste aus die Kanarischen Inseln in kleinen Booten über den Atlantik. 2025 fiel laut Frontex, der europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache, die Zahl der registrierten Ankünfte um gut 60 Prozent auf etwas mehr als 16.800.
Flucht aus der Krise
Der Rückgang der Abfahrten aus dem Senegal und aus Gambia ist teils das Ergebnis verstärkter Patrouillen der Sicherheitskräfte auf beiden Seiten des Wassers, sowohl an Land als auch auf See. Für Saliou Diouf ist das keine Erfolgsmeldung. „Migration wird immer mehr kriminalisiert“, warnt er. Zwar sei die Zahl der gefährlichen Fahrten rückläufig, doch die zugrunde liegenden Ursachen der Migration blieben.
Denn politisch und wirtschaftlich steckt der Senegal in einer schweren Krise und ist tief verschuldet. Ende 2024 lag die öffentliche Verschuldung laut Internationalem Währungsfonds bei 132 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was mehr als 43 Milliarden US-Dollar entsprach.
Ruf nach Bewegungsfreiheit
Seither häuft sich auch die Kritik am Regierungsduo – an Präsident Bassirou Diomaye Faye und Ministerpräsident Ousmane Sonko. Als deren Partei Pastef 2024 die absolute Mehrheit einfuhr, waren die Hoffnungen auf einen Neustart hoch. Gut anderthalb Jahre später macht sich Ernüchterung breit. Und während zwischen Faye und Sonko längst ein offener Streit entbrannt ist, wird die wirtschaftliche Lage für die Mehrheit der Bevölkerung immer schwieriger.
Geht es nach Diouf, braucht es neben wirtschaftlichen Perspektiven vor allem Bewegungsfreiheit, damit sich die jungen Leute nicht mehr auf die gefährliche Überfahrt begeben müssen. Laut der spanischen Menschenrechtsorganisation Ca-Minando Fronteras sind allein im ersten Halbjahr 2025 fast 1.500 Menschen beim Versuch, die Kanarischen Inseln zu erreichen, ums Leben gekommen oder verschollen. (epd/mig) Aktuell Ausland
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