
Zuhause in Kartons
Wenn die erste eigene Wohnung bei Null beginnt
Der Umzug aus der Unterkunft in die erste eigene Wohnung ist für Geflüchtete ein Meilenstein – und ein Kosten-Schock. Es geht aber auch um Würde, Ankommen, Teilhabe. Und oft um einen Moment, in dem die Realität nach dem Schlüsselübergabe-Protokoll erst richtig beginnt.
Donnerstag, 22.01.2026, 0:10 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 23.01.2026, 11:15 Uhr Lesedauer: 9 Minuten |
Am Tag des Einzugs klingt die neue Wohnung oft größer, als sie ist. Nicht, weil sie hallt – sondern weil ihr das fehlt, was ein Zuhause ausmacht: ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, Licht. Wer nach Monaten in einer Unterkunft endlich eine eigene Tür aufschließt, steht manchmal in Räumen, die nur aus Wänden bestehen. Der Mietvertrag ist unterschrieben, die Schlüssel liegen in der Hand – und trotzdem beginnt das Leben erst jetzt. Bei Null. Dieses „Null“ ist nicht nur eine Zahl, sondern ein Gefühl: Alles muss erst aufgebaut werden.
Für viele Menschen, die neu nach Deutschland kommen, ist genau das der Moment, in dem sich eine stille Wahrheit zeigt: Ankommen ist nicht nur eine Frage von Sprache, Schule oder Arbeit. Ankommen ist auch eine Frage von Dingen. Von ganz gewöhnlichen Dingen. Und die sind teuer. Wer hier startet, merkt schnell: Erst wenn das Nötigste da ist, wird aus einer Wohnung überhaupt ein Alltag – und aus „vier Wänden“ ein Ort, der trägt.
Wenn „Erstausstattung“ nicht nach Lifestyle klingt
Im Alltag wird über Möbel oft gesprochen, als wären sie Geschmackssache. Minimalistisch oder gemütlich, Holz oder Metall, Design oder Discounter. Wer jedoch aus einer Unterkunft in eine Wohnung zieht, denkt nicht zuerst an Stil. Sondern an Grundfunktionen: Wo schlafe ich? Wo esse ich? Wo lagere ich Kleidung? Wo macht das Kind Hausaufgaben? Das sind ganz andere Sorgen als Stil, Form oder Farbe. Genau an dieser Stelle kippt das Thema vom Privaten ins Existenzielle – und die scheinbar kleine Frage nach einem Tisch wird zur Frage nach einem stabilen Start.
Wenn man auch nicht über soziale Netzwerke verfügt, kann man die finanzielle Not auch nicht durch Geschenke abmildern lassen – Geld und Gutscheine stehen beispielsweise auf der Liste der Lieblingsgeschenke in der Schweiz praktischerweise auf dem ersten Platz. Für Geflüchtet ist das keine Option.
Dass es für solche Situationen dennoch Unterstützung geben kann, ist vielen nicht bekannt. Im System des Bürgergelds sind „einmalige Leistungen“ vorgesehen – darunter auch die Erstausstattung für die Wohnung. Die Bundesagentur für Arbeit verweist auf das Sozialgesetzbuch. Es nennt ausdrücklich Erstausstattungen für die Wohnung einschließlich Haushaltsgeräten. Da ist dann auch mal ein Schrank mit Sideboard und Co. Drin.
Wichtig ist: „Erstausstattung“ bedeutet nicht „schick einrichten“. Es geht um das, was für ein normales Wohnen nötig ist. Einige Kommunen erklären das auch in ihren Informationen – etwa, dass Unterstützung möglich sein kann, wenn man erstmalig eine eigene Wohnung bezieht oder nach besonderen Umständen neu einrichten muss. Was auf dem Papier schlicht klingt, ist in der Praxis jedoch oft eine Frage der richtigen Zuständigkeit – und der Zeit, die man hat, bis aus der leeren Wohnung ein bewohnbarer Ort werden muss.
Für Asylsuchende gelten wiederum andere Regeln, weil Leistungen häufig zunächst nach dem Asylbewerberleistungsgesetz laufen. Was konkret möglich ist, hängt stark vom Einzelfall ab. Das Gesetz regelt Grundleistungen und kennt zusätzlich „sonstige Leistungen“ für besondere Fälle. Eine pauschale Zusage für „Möbelgeld“ gibt es nicht – aber genau diese Unübersichtlichkeit ist Teil des Problems. Denn wer gerade umzieht, hat selten die Kraft, parallel noch ein kleines Studium in Paragrafen, Formularen und Zuständigkeiten zu absolvieren – zumal jeder Tag ohne Bett und Licht unmittelbar spürbar ist.
Warum ein Tisch plötzlich politisch wird
Auf den ersten Blick wirkt das alles banal: ein Bett, ein Tisch, ein Schrank. Wer nie mit leerer Wohnung gestartet ist, unterschätzt leicht, was Möbel in solchen Situationen bedeuten. Ein Bett ist nicht nur Komfort, sondern Gesundheit. Ein Tisch ist nicht nur Deko, sondern Struktur: Mahlzeiten, Papierkram, Lernen, Gespräche. Ein Kleiderschrank ist nicht nur Stauraum, sondern ein Stück Normalität und auch Privatsphäre. Ausgerechnet diese scheinbar kleinen Dinge entscheiden mit darüber, ob der Neuanfang stabil wird – oder ob er im Alltag jeden Tag neu ins Wanken gerät.
Hier berührt das Thema Möbel unmittelbar die Frage der Teilhabe. Denn ohne Grundausstattung wird vieles schwerer: Kinder lernen schlechter, wenn der Küchentisch fehlt oder ständig belegt ist. Arbeitssuche wird komplizierter, wenn Unterlagen in Tüten liegen. Und wer Besuch scheut, weil es „zu leer“ aussieht, zieht sich zurück – aus Scham, nicht aus freien Stücken. So entsteht Isolation nicht nur durch Sprache oder fehlende Kontakte, sondern auch durch eine Wohnung, die noch kein Zuhause sein darf.
Gerade für Menschen mit Fluchtgeschichte kommt hinzu: Viele haben erlebt, dass Entscheidungen über ihr Leben lange von außen getroffen wurden. Eine eigene Wohnung ist dann mehr als Quadratmeter. Sie ist ein Ort der Selbstbestimmung. Umso bitterer, wenn der Start finanziell scheitert – und ausgerechnet der Schritt in die Unabhängigkeit wieder von Mangel und fremden Entscheidungen geprägt wird. Wer hier stolpert, stolpert nicht über Komfort, sondern über Voraussetzungen für Normalität.
Die Kostenfalle zwischen Mietvertrag und Alltag
Diese Belastungsprobe hat einen Namen: der Übergang zwischen Mietvertrag und Alltag. Der Umzug aus der Unterkunft in eine Wohnung ist oft ohnehin ein finanzieller Spagat: Kaution, erste Miete, Umzug, vielleicht neue Kleidung für Arbeit oder Schule. Gleichzeitig ist in vielen Städten Wohnraum knapp – wer etwas findet, findet es selten „möbliert“ und oft nicht mit Küche. Die Freude über den Zuschlag kippt dann schnell in die Frage: Wie soll das alles in den ersten Wochen funktionieren?
Dann kommt die Rechnung für das Nötigste: Matratze, Bettgestell oder zumindest ein Lattenrost, ein kleiner Tisch, zwei Stühle, ein Regal, Lampen, Gardinen, Haushaltsgeräte. Wer alles neu kaufen muss, merkt schnell, wie unrealistisch der Satz „Man kann ja klein anfangen“ manchmal ist. Klein anfangen kostet auch Geld. Und wer schon bei Kaution und Umzug jeden Euro dreimal umdreht, erlebt diese Einkaufsliste nicht als „Startpaket“, sondern als zweite Miete – nur eben im Möbelhaus.
Und selbst wenn es theoretisch Unterstützung gibt: Sie muss beantragt, geprüft, bewilligt werden. Nicht selten steht aber der Umzugstermin fest, während die Wohnung noch leer ist. Für Betroffene kann das bedeuten: Wochenlang auf dem Boden schlafen, improvisieren, ständig organisieren – in einer Phase, in der eigentlich Ruhe und Stabilität dringend wären. Das Problem ist dabei weniger die Idee der Hilfe, sondern das Tempo: Ein Zuhause lässt sich nicht auf „in vier bis sechs Wochen“ vertagen.
Secondhand als Rettungsanker – und als Hürde
Damit überhaupt etwas in die leeren Räume kommt, läuft Erstausstattung in der Praxis deshalb häufig über Gebrauchtmöbel: Sozialkaufhäuser, Möbellager, Spendeninitiativen, Nachbarschaftshilfe. Manche Träger arbeiten sogar als „sozialer Möbelservice“ mit Kommunen zusammen und statten Wohnungen aus. Für viele ist das die einzige realistische Möglichkeit, in kurzer Zeit eine Grundausstattung zusammenzubekommen – ohne sich zusätzlich zu verschulden.
Secondhand kann vieles erleichtern: Es ist günstiger, oft schnell verfügbar – und manchmal sogar stabiler als Billigmöbel. Gleichzeitig ist der Zugang nicht für alle gleich leicht. Wer kein Auto hat, braucht Lieferung. Wer wenig Deutsch spricht, braucht Hilfe beim Telefonieren, Organisieren, Aushandeln. Wer körperlich belastet ist, kann keine Schränke schleppen. Und wer in einer Unterkunft lebt, hat selten Platz, um „schon mal etwas zu lagern“. Was nach Spar-Tipp klingt, hat also seine eigenen Eintrittsbarrieren – und die treffen besonders die, die ohnehin am wenigsten Puffer haben.
Hier wird aus der scheinbar einfachen Lösung („nimm doch gebraucht“) schnell ein logistisches Projekt. Gerade Familien geraten dann in ein Netz aus Terminen, Abholfenstern, Treppenhäusern und Transportfragen. Und während andere nach dem Umzug Kartons auspacken, müssen manche erst einmal überhaupt etwas finden, das man auspacken kann. Der Stress sitzt damit nicht nur im Geldbeutel, sondern auch im Kalender – und er frisst Energie, die eigentlich für Schule, Sprache, Arbeit und die ersten Nachbarschaftskontakte gebraucht wird.
Schenken – aber würdevoll
Wenn Freundinnen, Nachbarinnen oder Ehrenamtliche helfen, ist das oft Gold wert. Aber auch gut gemeinte Hilfe kann schiefgehen, wenn sie über Köpfe hinweg passiert. Denn eine Wohnung ist ein intimer Ort. Wer neu anfängt, will nicht nur „irgendetwas“ – sondern etwas, das passt, das sich nach Zuhause anfühlt. Gerade deshalb entscheidet sich an der Art der Unterstützung, ob Hilfe als Stärkung erlebt wird – oder als weiterer Verlust von Kontrolle. Ein kurzer Anruf, eine Auswahlmöglichkeit oder ein gemeinsamer Blick in die Wohnung kann hier mehr bewirken als die beste Spende „auf Verdacht“.
Würdevoll helfen heißt deshalb: fragen statt bestimmen – also nicht einfach irgendetwas unter den „Weihnachtsbaum“ legen. Gemeinsam priorisieren: erst Schlafen, dann Licht, dann Essen, dann Stauraum. Und akzeptieren, dass „schön“ nicht Luxus ist, sondern ein Teil von Normalität. Gerade Menschen, die viel Verlust erlebt haben, brauchen nicht noch eine zweite Botschaft: „Für dich reicht’s auch so.“
Was sich ändern müsste
Aus all dem folgt: Wer den Übergang aus der Unterkunft in die Wohnung ernst nimmt, muss Erstausstattung als Teil von Integration und Teilhabe behandeln – nicht als Randnotiz. Es geht nicht um Extras, sondern um Mindeststandards, die ein selbständiges Leben überhaupt erst ermöglichen. Drei Dinge würden sofort helfen:
- Erstens: Transparente, einfache Infos, mehrsprachig und frühzeitig – damit Menschen wissen, was sie beantragen können und welche Wege realistisch sind. Wer erst nach dem Einzug erfährt, welche Anträge nötig sind, verliert wertvolle Wochen – und landet im Zweifel in der nächsten Übergangslösung.
- Zweitens: Schnelle, unbürokratische Lösungen dort, wo die Wohnung sonst wochenlang leer bleibt – denn Stabilität ist kein „Extra“, sondern Grundlage. Das kann auch heißen: Übergangslösungen finanzieren, bevor das eigentliche Verfahren abgeschlossen ist, oder Lieferungen so zu organisieren, dass sie mit dem Einzug Schritt halten.
- Drittens: Unterstützung der Infrastruktur: Möbellager, Sozialkaufhäuser, Liefermöglichkeiten, Reparatur und Aufbereitung – damit Secondhand nicht an Transport und Organisation scheitert. Wer Secondhand empfiehlt, muss auch dafür sorgen, dass es erreichbar ist, und dass Helfen nicht am fehlenden Transporter oder an zu engen Abholzeiten zerbricht.
Am Ende ist es eine Frage, wie eine Gesellschaft Ankommen versteht. Wer nur über Sprache und Arbeitsmarkt spricht, übersieht das Fundament: den Alltag. Und der beginnt manchmal damit, dass in einer leeren Wohnung endlich ein Tisch steht. Nicht als Lifestyle. Sondern als Startlinie – und als stilles Signal: Du bist hier nicht nur geduldet, sondern kannst wirklich anfangen. (sb) Panorama
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