Studie: Bildung schützt nicht gegen Vorurteile © MiG
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Roland Imhoff im Gespräch

Sozialpsychologe: „Kleiner Schritt vom Stereotyp zum Vorurteil“

In Debatten um Migration, Gender oder Bürgergeldempfänger kommen auch vorurteilsbeladene Töne vor. Sozialpsychologe Roland Imhoff forscht zu Stereotypen. Im Gespräch erklärt er, wie sie entstehen und wann sie problematisch werden.

Von Montag, 19.01.2026, 15:57 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 19.01.2026, 15:57 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Migration wird überwiegend entlang des Bilds des kriminellen Ausländers diskutiert, antisemitische Weltbilder gewinnen wieder an Boden, rechtsgerichtete Online-Accounts propagieren traditionelle Geschlechterrollen, Gendern wird bis weit in die Mitte hinein abgelehnt. In der Gesellschaft scheinen sich festgefügte Kategorien darüber, wie die Welt zu verstehen ist, zu verbreiten. Der Mainzer Stereotyp-Forscher Roland Imhoff erklärt, wie Stereotype entstehen und worin ihr möglicherweise negativer Einfluss liegt.

Herr Imhoff, täuscht der Eindruck, oder gewinnen Stereotype und Vorurteile wieder mehr Einfluss auf das Verhalten von Menschen?

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Roland Imhoff: Stereotype sind immer da. Die Sozialpsychologie geht davon aus, dass sie zwingend notwendig sind, um in der sozialen Umwelt zu navigieren. Bei acht Milliarden Erdenbewohnern können wir uns ja nicht alle merken. Eine kognitive Krücke ist hier, dass man versucht, aus zugeschriebener Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kategorie – Mann, Frau, alt, Jude, Friseur – Informationen zu erschließen mit Überlegungen, wie Männer, Frauen, Friseure ebenso sind. Und viele dieser Stereotype sind unverfänglich oder unproblematisch.

Stereotype sind also eine Art Werkseinstellung des Gehirns, um Komplexität zu reduzieren?

Genau. Man schreibt Individuen Eigenschaften zu aufgrund der unterstellten Zugehörigkeit zu einer Kategorie. Das macht das Leben einfacher. Wenn ich nachts nach Hause gehe und mir kommt jemand entgegen, den ich aufgrund von visuellen Eindrücken als Skinhead oder Junkie identifiziere, dann tue ich ihm vielleicht Unrecht, wenn ich die Straßenseite wechsle. Aber ich will ja gar nicht jedes Mal Zeit investieren und vielleicht auch ein Risiko eingehen, um diesen Menschen näher kennenzulernen und danach ein wohlabgewägtes Urteil zu fällen. Wir sind auf solche kognitiven Abkürzungen angewiesen, um uns effizient in der Welt zurechtzufinden. Es wäre also schwer zu belegen, dass es eine Zunahme von Stereotypen gebe.

Wer den politischen oder gesellschaftlichen Diskurs betrachtet, könnte das aber glauben. Geht es also nicht um die Frage, warum wir Stereotype haben, sondern wann sie unser Verhalten stärker oder schwächer beeinflussen?

Ja. Der politische Diskurs kann Verschiebungen erfahren. Das Runterspielen von vermeintlichen Gegensätzen zwischen Männern und Frauen ist ein Gegenbeispiel für Stereotypisierung. Wenn man die Auffassung stark macht, dass Frauen und Männer sich in nichts unterscheiden außer in ihrem Reproduktionsapparat, gibt es vielleicht einen Backlash von rechter Seite, der behauptet, dass Männer eben mutig und Frauen fürsorglich sind.

Geschlechterrollenstereotype gut erforscht

Und aus welchen Gründen besteht man dann so darauf, dass die eigenen Stereotype die Realität abbilden?

Mit am besten erforscht sind Geschlechterrollenstereotype. Hier gibt es innerhalb der vergangenen Jahrzehnte eine stärkere Selbststereotypisierung. Frauen beschreiben sich selbst mehr als fürsorglich und Männer mehr als durchsetzungsfähig als noch vor 20 Jahren. Zumindest in der Tendenz greifen Menschen also in ihrer Selbstwahrnehmung stärker auf Stereotype zurück, die ihnen vielleicht einen Halt geben oder eine Idee, wer sie sein sollen.

Gewinnen in den multiplen Krisen, die wir derzeit erleben, unsere Stereotype auch deshalb Macht über unser Handeln, weil wir in dieser Krise mit anderen Dingen beschäftigt sind, als unsere Wahrnehmung von der Welt zu hinterfragen? Ist das Bedürfnis nach Halt vielleicht auf diese Krisen zurückzuführen?

Beides muss nicht sein. Man könnte auch argumentieren, dass das eine Pendelbewegung ist. Dass es immer Versuche gibt, die Gesellschaft zu liberalisieren, die aber manchen Menschen zu schnell gehen, die das Pendel dann in die andere Richtung zurückstoßen und eindeutige Sicherheit haben wollen. Aber beide Modelle sind von der Logik her nicht unvereinbar. Das Pendel zurückzuschubsen kann ja auch damit zu tun haben, dass man zumindest in einem Bereich eine Sicherheit haben möchte. Wenn die Welt brennt und das Klima wärmer wird, dann will ich ja vielleicht wenigstens wissen, wie ich mich als Mann oder Frau so verhalten kann, dass ich hegemonialen Vorstellungen entspreche. So wie ich die Forschung überblicke, gibt es aber keinen eindeutigen Beleg für das eine oder das andere.

Wenn man davon ausgeht, dass Stereotype Repräsentationen sind, die verstärkt werden, wenn man sie immer wieder anspricht, dann liegt doch nahe, dass Medien eine Rolle für die Verbreitung dieser Stereotype spielen.

Das kann ja gar nicht anders sein. Stereotype sind kulturell geteilte Vorstellungen, und die können sich in einer komplexen Wissensgesellschaft ja nicht nur Mund zu Mund weiterverbreiten. Es braucht also einen geronnenen Wissensspeicher, und das sind natürlich Medien, aber auch Literatur oder Filme. Interessant wäre, zu wissen, ob es bei den Medien Eigendynamiken gibt, die zu einer noch stärkeren Überzeichnung neigen als Menschen ohnehin schon, und die eine Eskalation der Stereotypisierung vorantreiben. Die Forschung zu Algorithmen in den sozialen Medien hat sich aber in der Vergangenheit stärker mit Desinformation und Fake News auseinandergesetzt als mit der Frage, ob zum Beispiel besonders überzeichnete Darstellungen von bestimmten Gruppen einen Vorteil bei den Algorithmen haben.

Politik könnte Einfluss von Vorurteilen mildern

Ist es ein Problem für uns als Gesellschaft, wenn der Einfluss von Stereotypen größer wird?

Das kommt stark auf das jeweilige Stereotyp an. Es gibt ja gewaltige Asymmetrien zwischen Männern und Frauen, zum Beispiel bei Gewaltkriminalität oder bei riskantem Verhalten im Straßenverkehr. Wenn man sich anschaut, wie Männlich- und Weiblichkeit traditionell konstruiert werden und welche überdauernden gesellschaftlichen Kosten das verursachen kann, dann geht damit schon eine Menge von Problemen einher. Aber das Problem ist nicht die Beurteilung anderer. Sondern die Selbststereotypisierung, dass also Menschen sich mit solchen Stereotypen gemein machen und sie als Norm verstehen, wie sie sich zu verhalten haben.

Fremdstereotypisierung ist doch aber auch nicht unproblematisch, wenn man an antijüdische oder antimuslimische Diskurse denkt oder an Debatten um die Leistungsbereitschaft von Empfängerinnen und Empfängern von Bürgergeld.

Der problematische Bruder des Stereotyps ist das Vorurteil, und interreligiöse oder interethnische Stereotype sind von einer negativen Bewertung selten ganz frei. Sie sind oft aufgeladen mit einer Abwertung und der Bereitschaft, zu diskriminieren oder den Zugang zu gleichen Ressourcen zu verweigern. Wenn ich der Meinung bin, dass Arbeitslose faul sind, legt das nahe, dass es nicht angebracht ist, Bedürftige zu unterstützen, weil die an ihrem Schicksal selbst schuld seien. Das ist natürlich ein problematischer Schluss. All diese Prozesse können von Stereotypen befeuert werden, aber ich würde nicht so weit gehen und sagen, das sei im Stereotyp automatisch angelegt. Aber es ist ein kleiner Schritt vom Stereotyp zum Vorurteil.

Wie könnte die Politik den Einfluss von Vorurteilen abschwächen?

Es gibt ja immer die Möglichkeit, dass unsere Vorstellungen, wie die Welt ist, sich der Welt anpasst, wie sie wirklich ist. Wird die Welt bunter, diverser, vielfältiger, sickert das irgendwann in unsere Köpfe ein. Da gibt es Institutionen mit Signalwirkung. Wenn ich aber ein Kabinett vorstelle, das zu 90 Prozent aus Männern besteht, dann ist das nicht hilfreich, um Geschlechtsrollenstereotype aufzuweichen. Oder wenn ich nur Kabinettsmitglieder habe, deren Familie seit 20 Generationen auf deutscher Scholle lebt. Repräsentation aller gesellschaftlichen Gruppen in dem Maß, das ihrem Anteil entspricht, ist also sicherlich anzustreben, damit sich Stereotype der Realität anpassen. Wir werden nicht verändern können, dass wir uns auf Stereotype verlassen. Aber wir können den Raum innerhalb dieser Stereotype reicher und breiter gestalten. (epd/mig) Leitartikel Panorama

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