
Minneapolis
Wahrheit unter Druck: Wenn Lügen regieren
Nicht die Lüge ist das Gefährliche, sondern ihr Erfolg – so wie die Bilder aus Minneapolis. Wenn Fakten zu Loyalitätsfragen werden, kippt die Demokratie. Warum Autoritäre nicht überzeugen müssen – und weshalb 2 + 2 = 4 politisch ist.
Von Joachim Glaubitz Dienstag, 13.01.2026, 10:39 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13.01.2026, 10:39 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Wir haben im Fernsehen gesehen, was passiert ist. Wir sehen es auf allen Kanälen. Wir können es hören. Wir wissen es.
Der Mord eines ICE-Beamten an Renee Good ist auf Video dokumentiert. Es gibt hier keine offene Wahrheitsfrage. Die Bilder sind eindeutig, der Ablauf nachvollziehbar.
Und dennoch behauptet der Präsident der Vereinigten Staaten, die Getötete sei eine „professionelle linke Agitatorin“ gewesen, sie habe den Beamten absichtlich überfahren wollen, der Schuss sei Notwehr gewesen. Er sagt, er habe das Video gesehen.
Das ist keine Auslegungssache. Das ist eine klare Lüge.
„Das Entscheidende ist nicht, dass gelogen wird. Entscheidend ist, dass diese Lüge funktioniert.“
Doch das Entscheidende ist nicht, dass gelogen wird. Entscheidend ist, dass diese Lüge funktioniert. Sie funktioniert, weil sie Zugehörigkeit erzeugt, Loyalität einfordert und Zweifel als Verrat markiert. In autoritären Systemen wird die Führungsperson selbst zur Quelle der Wahrheit. Ihre Aussage fordert Geltung ein – selbst dann, wenn sie offensichtlich falsch ist.
George Orwell hat diesen Mechanismus früh beschrieben: „Die Partei befahl dir, die Beweise deiner Augen und Ohren zu verwerfen. Das war ihr letzter, wichtigster Befehl.“ (1984)
„Fakten verlieren zunehmend ihre ordnende Kraft.“
Wir leben in einer Welt, die uns mit Informationen überflutet. Zu jedem Ereignis existieren widersprüchliche Deutungen: Erzählungen und Gegenerzählungen, moralische Bewertungen, historische Bezüge, emotionale Aufladungen. Fakten verlieren dabei zunehmend ihre ordnende Kraft.
In dieser Unübersichtlichkeit funktionieren politische Haltungen immer seltener als begründete Positionen. Sie dienen zunehmend der Selbstvergewisserung und dem Gefühl von Sicherheit in einer komplexen Welt. Wahrheit wird nicht mehr gesucht, sondern ausgewählt. Nicht überprüft, sondern gefühlt.
„Autoritäre Systeme profitieren davon, wenn es keine gemeinsam geteilte Wirklichkeit mehr gibt.“
Diese Entwicklung ist kein bloßes Nebenprodukt von Social Media oder individueller Überforderung. Sie wird aktiv begünstigt. Autoritäre Systeme profitieren davon, wenn es keine gemeinsam geteilte Wirklichkeit mehr gibt. Wo Menschen sich ihre Wirklichkeit selbst zusammensetzen, lässt sich Wahrheit leichter verschieben, manipulieren und zu steuern.
Wenn nicht mehr zählt, was überprüfbar ist, sondern was sich richtig anfühlt, wird jede Aussage gleichwertig. Wahrheit verliert ihren verbindlichen Charakter. Sie wird austauschbar. Genau hier setzt autoritäre Politik an: Sie muss Menschen nicht einmal davon überzeugen, dass eine bestimmte Lüge wahr ist. Es reicht, sie daran zu hindern, überhaupt noch an Wahrheit zu glauben.
Hannah Arendt beschreibt diesen Zustand in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“: „In einer sich ständig wandelnden unverständlichen Welt hatten die Massen den Punkt erreicht, an dem sie gleichzeitig alles und nichts glaubten, alles für möglich und nichts für wahr hielten (…) Die Massenpropaganda entdeckte, dass ihr Publikum jederzeit bereit war, das Schlimmste zu glauben, egal wie absurd es auch sein mochte, und nicht besonders dagegen war, hintergangen zu werden, weil es sowieso jede Aussage für eine Lüge hielt.“
Auch Orwells berühmte Formel von 2 + 2 = 5 verweist genau darauf. Sie ist das Symbol totaler Herrschaft. Freiheit existiert nur dort, wo Menschen sagen dürfen, dass es nicht stimmt. Sobald Macht festlegt, was offensichtlich falsch und was wahr sein soll, beginnt Autoritarismus.
Diese Grenze ist heute überschritten.
Autoritäre Machthaber gewinnen nicht vor allem, weil sie Waffen, Gerichte oder Medien kontrollieren. Sie gewinnen, weil sie das Denken verengen und gezielt verändern. Weil es mit der Zeit immer schwerer wird, sich Solidarität vorzustellen. Gerechtigkeit. Oder eine andere Zukunft.
„Ohne informierte Bürger gibt es keine Demokratie. Ohne kritisches Denken keine echte Verantwortung.“
Ohne informierte Bürger gibt es keine Demokratie. Ohne kritisches Denken keine echte Verantwortung. Und ohne die Bereitschaft, das eigene Weltbild infrage zu stellen, keine Freiheit.
Kein Zögern. Kein Zaudern. Es geht um mehr als eine Krise – es ist ein Notfall. Das ist der Moment, in dem Neutralität zur Gefahr wird.
Widerstand beginnt nicht mit großen Gesten. Er beginnt damit, sich zu weigern, das Offensichtliche zu verleugnen. Damit, darauf zu bestehen, dass das, was wir sehen und hören, Bedeutung hat. Dass 2 + 2 = 4 bleibt. Und dass Wahrheit nicht von Macht festgelegt werden darf. Meinung
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