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Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum äußert sich zu Plagiatsvorwürfen gegen Adidas © Eyepix/NurPhoto/AFP

Eklat um Adidas-Sandale

Anthropologe: Das erinnert an die Tradition von Rassismus und Kolonialismus

Nach der Debatte um Plagiatsvorwürfe aus Mexiko gegen Adidas und dessen Sandale sieht der Anthropologe Mirco Göpfert eine Chance für eine Zusammenarbeit mit der indigenen Gemeinschaft. Im Gespräch erklärt er, was hinter den Vorwürfen kultureller Aneignung steckt.

Donnerstag, 28.08.2025, 10:51 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.08.2025, 10:52 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Kürzlich sorgte die von Adidas vorgestellte Sandale „Oaxaca Slip-On“ international für Schlagzeilen. Eine Gemeinde aus Mexiko warf dem Sportartikelkonzern vor, das Design ohne deren Zustimmung kopiert zu haben. Was ist das eigentlich, kulturelle Aneignung?

Mirco Göpfert: Dabei wird irgendein kulturelles Erzeugnis, ein Musikstil etwa, ein Kleidungsstück oder schlicht ein Name, von Leuten übernommen, die damit eigentlich nichts zu tun haben – und sich dann meist bereichern. Das hat etwas Unanständiges an sich.

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Adidas hat sich mittlerweile entschuldigt und die Sandale vom Markt genommen. Bei einem Besuch einer Adidas-Vertreterin bei der zapotekischen Gemeinschaft war auch Mexikos Nationales Institut für Urheberrecht vertreten. Geht es in solchen Fällen vor allem ums Geld?

Wenn die lokalen Schuhmacher einen materiellen Schaden verbuchen, lässt der sich vermutlich schwer beziffern. Aber eine Art geistiges Eigentum ist die Sandale schon, auch wenn sie streng genommen der Gemeinschaft gehört. Denn ähnlich wie das Wikipedia-Wissen und Open-Source-Software ist die Sandale eine Art Gemeingut. Bei Wikipedia ist aber klar: Geld verdienen darf man damit nicht. Das steht in den Lizenzen.

Und dieses Gemeingut der zapotekischen Gemeinschaft hat Adidas nun geklaut?

Genau genommen wurde nichts geklaut. Das Design der sogenannten Huarache-Sandalen steht allen offen. Aber Adidas hat daraus etwas gemacht, womit der Konzern viel Geld hätte verdienen können. In vergleichbaren Fällen kam von dem Geld in den Ursprungs-Communities oft nichts an. Die westafrikanischen Tuareg-Gemeinschaften zum Beispiel wussten lange gar nicht, dass Volkswagen einen SUV nach ihnen benannt hat.

Auch die indigenen Schuhmacher verdienen mit den Huarache-Sandalen Geld. Wo ist das Problem?

Die Chancen sind ungleich verteilt. Ein global agierendes Unternehmen wie Adidas hat ganz andere Werkzeuge in der Hand als die Mitglieder der Gemeinschaft, die diese Sandalen herstellen, vielleicht nur für den eigenen Gebrauch. Adidas kann die Sandalen viel günstiger herstellen, breiter bewerben und verkaufen.

Warum ist es für viele Gemeinschaften so schmerzhaft, wenn sich andere an ihrem kulturellen Erbe bedienen?

Über Interesse und Wertschätzung freuen sich vermutlich alle Menschen. Als Mitglied einer indigenen Gemeinschaft würde ich mich also vielleicht freuen, wenn mein kulturelles Erbe auf einmal wahrgenommen und auch wertgeschätzt wird – und sei es nur ein Alltagsgegenstand wie eine Sandale. Aber wenn andere daraus vor allem Profit schlagen wollen, dann würde mich das an die lange Tradition von Rassismus und Kolonialismus erinnern.

Flipflops, Parka, Tattoos – das alles sind kulturelle Aneignungen. Sollten wir jetzt konsequenterweise unsere Kleiderschränke entrümpeln?

Das muss jeder selbst wissen. Mit 20 Jahren bin ich für mein Studium nach Ghana gereist und habe mir Hemden aus lokalen Stoffen nähen lassen. Ich fand die einfach wunderschön. Heute hängen sie immer noch in meinem Schrank, aber ich würde einen Teufel tun, damit auf die Straße zu treten.

Lebt Kultur nicht vom Nachmachen und Variieren?

Das stimmt – und übrigens auch von Gespräch und Widerspruch. Verstehen Sie mich nicht falsch: Alle sollten sich frei fühlen, so ein Hemd zu tragen oder sich tätowieren zu lassen. Aber dann müssen sie sich auch den Gesprächen stellen, die auch sehr bereichernd sein können. Weil wir uns dann damit beschäftigen, woher die Klamotten kommen, die wir tragen.

Warum finde ich die schick? Weil sie „irgendwie afrikanisch“ aussehen? Wieso finde ich das, was „irgendwie afrikanisch“ aussieht, denn reizvoll? In der Geschichte der Popmusik lässt sich klar nachzeichnen, wieso bestimmte Rhythmen des afroamerikanischen Blues auf einmal dem prüden weißen Publikum reizvoll erschienen: Weil sie ein Hauch des Exotischen, des Wilden umgab.

Wie könnte ein besserer Austausch aussehen?

Nachdem der Eklat um die Adidas-Sandale entstanden ist, gibt es jetzt Gespräche zwischen Adidas und der zapotekischen Gemeinschaft – und auch Workshops, in denen über Möglichkeiten der Zusammenarbeit im Produktdesign nachgedacht wird. So kann ein echtes Interesse entstehen für kulturelle Ausdrucksformen und geistige Errungenschaften. Gerade ein großes Unternehmen wie Adidas ist dazu in der Lage, Fachleute aus indigenen Gemeinschaften mit ins Boot zu holen. (epd/mig) Aktuell Panorama

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