Film, Plakat, Schattenstunde, Nationalsozialismus, Antisemitismus
Plakat zum Film "Schattenstunde"

Kinofilm „Schattenstunde“

Beklemmendes Psychogramm eines Suizids

Der Speyerer Regisseur Benjamin Martins hat einen bewegenden Film über die letzten Stunden des Schriftstellers Jochen Klepper und seiner jüdischen Frau und Stieftochter gedreht. Von den Nazis in die Enge getrieben, wählten sie den Tod.

Von Donnerstag, 27.01.2022, 5:18 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 26.01.2022, 17:25 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

„Wir schwimmen nur über einen kleinen Teich“, sagt Jochen Klepper (1903-1942) in der Stunde höchster Not. „Auf der anderen Seite sehen wir uns wieder.“ Seit einem Jahr hatte der evangelische Schriftsteller und Liederdichter mit seiner jüdischen Frau Johanna und seiner Stieftochter Renate den gemeinsamen Suizid geplant, wenn der Tag der Deportation durch die Nationalsozialisten kommen sollte. Am 10. Dezember 1942 sah die in Berlin lebende Familie das Ende ihres Lebenswegs erreicht: Nach der endgültigen Ablehnung des Ausreiseantrags für Johanna und Renate drehten die Kleppers den Gashahn auf.

Der Kinofilm „Schattenstunde“ des Speyerer Regisseurs Benjamin Martins erzählt die letzten Stunden der christlich-jüdischen Familie, die in ihrer Verzweiflung doch auf ein Leben nach dem Tod mit Gott hoffte. Der Film läuft bundesweit am 27. Januar, dem internationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, in den Kinos an. Der Auftakt findet im Nationaltheater Mannheim statt.

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Der 80-minütige, kammerspielartige Film, der auf den Tagebuchaufzeichnungen Kleppers beruht, ist ein beklemmendes Psychogramm eines in die äußerste Enge getriebenen Mannes und seiner Familie: Klepper lehnt die Scheidung von seiner Frau ab, in ihrer gefühlten Ausweglosigkeit wählen die drei gläubigen Menschen den Tod.

Intensive Bilder, starke Dialoge

In ihrer letzten Stunde hält sie ihr Gottesglaube, die Zuversicht, sich „auf der anderen Seite“ wiederzusehen. Die Lyrik des im niederschlesischen Beuthen geborenen Pfarrerssohns ging in Gesangbücher und Liedsammlungen ein. Lieder wie „Er weckt mich alle Morgen“, „Die Nacht ist vorgedrungen“ und „Der du die Zeit in Händen hast“ werden bis heute in Kirchengemeinden gesungen.

„Schattenstunde“ ist ein bewegender Film mit intensiven Bildern und starken Dialogen, der ein schwieriges und gerade unter Christinnen und Christen bis heute kontrovers diskutiertes Thema aufgreift: Darf man in äußerster Not, wenn es keine Rettung mehr geben mag, die Hand an sich selbst legen? Ist Suizid wirklich „Sünde“ oder ist er im Angesicht Gottes eine mögliche Entscheidung?

Suizide tausender Menschen

Trauriger Hintergrund des Films sind die bisher kaum in den Blick genommenen Suizide von Tausenden Menschen, die in sogenannter christlich-jüdischer „Mischehe“ in Nazi-Deutschland lebten, sagt der Regisseur Martins. Besonders Christoph Kaiser (Klepper) gelingt es zu zeigen, dass letztlich die Liebe und der Glaube über das Böse zu siegen vermögen: nicht der zynische Massenmörder Adolf Eichmann (Dirk Waanders) und auch nicht der dämonische, Zweifel streuende „Schatten“ (Boris Becker).

Beklemmend ist die Atmosphäre des Films, der 2019 in Speyer und seinem Umland gedreht wurde. Regisseur Martins ließ ihn im Quadratformat 1:1 aufnehmen: Je mehr das Leben der Familie eingeschränkt wird, umso mehr verengt sich auch das Blickfeld der Zuschauerinnen und Zuschauer. Die Wände der Wohnung der Kleppers rücken zusammen, bedrängen die Verzweifelten. Das rund 100.000 Euro teure Filmprojekt ist Teil einer gesellschaftlichen Initiative „Speyer macht sich stark“, die sich gegen Rechtsextremismus und Populismus richtet.

Unterhaltsame Umsetzung

Sein Ziel sei es gewesen, das schwere Thema des Films auf eine auch unterhaltsame Weise mit „Fantasieelementen“ umzusetzen, sagt Regisseur Martins. So wird Klepper von Marionetten mit seinem Konterfei als „Verräter“ beschimpft, als er bei Eichmann, dem Organisator des nationalsozialistischen Judenmords, erfolglos um die Schonung seiner Familie bittet. Auch Humor blitzt in der Abschiedsszene auf: Hans (Klaus Rodewald), der Freund der Familie, kehrt peinlich berührt zurück, weil er glaubt, seinen Hausschlüssel vergessen zu haben. Vor dem Suizid hängt Johanna (Beate Krist) zur Warnung der Hausbewohner noch ein Schild „Vorsicht Gas!“ auf.

Quälend lange hält Martins die Kamera auf den „Suizid“ der drei Protagonisten des Films, verdeutlicht den Schrecken der Tat. Erst nach Minuten weicht das Leben aus Jochen, Renate (Sarah Palarczyk) und Johanna Klepper, die sich unter dem Bild des segnenden Jesus Christus zum Sterben auf den Boden gelegt haben. „Wie es so ist auf der anderen Seite?“, fragt Johanna. „Wunderschön, wie sonst“, sagt Jochen Klepper. (epd/mig)

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