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Klassische Muster auf Stoffen (Symbolfoto) © imke.sta @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Modefirmen in der Kritik

Designer bedienen sich bei indigenen Motiven in Mexiko

Immer wieder nutzen internationale Modefirmen ohne Absprache die Muster der Ureinwohner in Mexiko. Die Betroffenen und die Kulturministerin wehren sich gegen die fragwürdige kulturelle Aneignung.

Von Dienstag, 11.01.2022, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 09.01.2022, 12:49 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Den passenden Faden finden, die Bahn weben, die Stoffe zusammennähen – einen Monat ist Rubí García beschäftigt, bis eine ihrer bunt bestickten Blusen verkaufsfertig ist. „Wir arbeiten von Montag bis Sonntag und trotzdem müssen wir unsere Waren billig verkaufen“, sagt die 24-jährige Mexikanerin. Die Kleidungsstücke sind die einzige Einnahmequelle ihrer Familie, und das Geld ist immer knapp. Entsprechend empört reagiert die Indigene, als sie hört, dass internationale Modefirmen ihre Muster kopieren und teuer anbieten: „Das ist respektlos gegenüber uns und unseren Vorfahren.“

García hat nur zufällig erfahren, dass das spanische Unternehmen Zara Kleidungsstücke verkauft, die im Schnitt und in den Motiven fast identisch sind mit ihren Huipiles, jenen ärmellosen Blusen, die alle hier im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca tragen und die schon ihre Urgroßmütter gewoben haben. Niemand ist in ihr Dorf San Juan Colorado gekommen und hat um Erlaubnis gebeten. Dabei sind die Muster kollektiver Besitz der Mixteken-Gemeinde, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die meisten Frauen leben von dieser Arbeit. „Die Firma sollte sich entschuldigen“, sagt García.

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Das hat auch die Kulturministerin Alejandra Frausto von Zara gefordert. Man sei nicht verschlossen gegenüber dem internationalen Markt, aber die ursprüngliche Bevölkerung sei Trägerin dieses kulturellen Erbes und müsse beteiligt werden, sagte sie. Zusammen mit anderen Politikern hat sie ein „Bundesgesetz zum Schutz kulturellen Eigentums und der indigenen sowie afromexikanischen Volker“ auf den Weg gebracht, das am 30. November endgültig verabschiedet wurde. Demnach kann mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft werden, wer die Motive unerlaubt nutzt. Gemeinden können Schadensersatz einklagen. Die Reform wurde von allen im Parlament vertretenen Parteien unterstützt.

Vorwurf: Kulturelle Aneignung

In den vergangenen Jahren sind in Mexiko immer wieder Designerinnen und Firmen in die Kritik geraten, weil sie ihre Kollektionen ohne Absprache und Gewinnbeteiligung mit traditionellen Motive indigener Gemeinschaften verziert haben – etwa die US-venezolanische Unternehmerin Carolina Herrera oder die französische Modeschöpferin Isabel Marant. Ende November wurde bekannt, dass die Jeansfirma Levi’s auf ihren Hosen und Jacken Stickmuster der Mazateken-Gemeinde San Felipe ohne deren Genehmigung verarbeitet hat. Wieder schrieb Kulturministerin Frausto einen Brief. Levi’s nenne weder den Namen der Gemeinde noch würden die Eigentümer der Motive vergütet, kritisierte sie. Das Unternehmen solle öffentlich erklären, auf welcher Grundlage sie kollektives Eigentum privatisiere und kommerzialisiere.

Der Vorwurf kultureller Aneignung ist umstritten: Musik, Mode, Architektur – viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sind von gegenseitiger Inspiration geprägt. Dass aber Modelabels vom Wissen der Ureinwohner profitieren, während diese leer ausgehen, stößt nicht nur bei Mexikos Regierung auf Kritik. Für Hector Meneses vom Textilmuseum der Stadt Oaxaca sind diese Plagiate ein Ausdruck der Macht. „Die Modefirmen nehmen sich einfach, was sie wollen“, sagt er. „Sie denken, wenn sie das mit den Gemeinden machen, passiert sowieso nichts, weil niemand sich traut, die Stimme zu erheben.“

Wert der Arbeit

Doch die Beschwerden der Indigenen und die Kritik der Kulturministerin Frausto haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Zara hat die Huipiles aus dem Angebot genommen, Isabel Marant entschuldigte sich. Andere kooperieren inzwischen mit den Gemeinden, etwa die australische Modemacherin Pippa Holt. „Wir haben uns zusammengesetzt, die Preise festgelegt und fast alle profitieren davon“, erklärt die Weberin Monica Hernandez aus San Juan Colorado. Die Modemacherin Holt kauft Stoffe und verarbeitet sie für ihre Kollektion. Sie verdient zwar trotzdem wesentlich mehr als die Produzentinnen, zahlt aber zumindest mehr Geld als viele lokale Händler, welche die Kleider, Taschen oder Teppiche an Touristen und Einheimische verkaufen.

Auch deswegen hat Rubí García gar nichts dagegen, wenn ihre Muster und Schnitte auf dem internationalen Markt angeboten werden. Mit ihren sieben Schwestern und ihrer Mutter webt sie im Hof, während der Vater auf dem Feld Bohnen, Mais und Kürbisse anbaut. „Wir teilen gerne das, was wir schaffen“, sagt sie, „aber der Wert unserer Arbeit muss anerkannt und entsprechend belohnt werden“. (epd/mig)

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