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Kakao © dghchocolatier @ pixabay.com (CC0), bearb. MiG

Der Weg des Schoko-Osterhasen

Am Anfang stehen oft menschenunwürdige Arbeitsbedingungen

Beim Anblick der putzigen Schoko-Osterhasen im Supermarktregal denkt kaum jemand an Ausbeutung. Doch wurde der Kakao darin meist in Kinderarbeit hergestellt. Kann ein Gesetz das ändern?

Von Donnerstag, 01.04.2021, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 31.03.2021, 17:23 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die Tage vor Ostern stehen für eine Geschichte des Leids. Auch der Osterhase, in Form von Schokolade, hat oftmals eine Leidensgeschichte – die in Westafrika beginnt. 5.000 Kilometer südlich von Deutschland, in Ghana, arbeiten Kinder mit Macheten auf Kakaoplantagen, bringen Pestizide aus, schleppen viel zu schwere Lasten und versäumen dadurch die Schule. Von einer Tafel Milchschokolade, die hierzulande für 89 Cent verkauft wird, bekommt dort ein Bauer weniger als sechs Cent. Schätzungen zufolge arbeiten alleine in Ghana und im Nachbarland Elfenbeinküste 1,6 Millionen Kinder auf den Plantagen.

In einer globalisierten Welt ist selbst ein Schoko-Osterhase ein hochkomplexes Produkt, das in vielen Arbeitsschritten entsteht. Bis zum Sommer soll der Bundestag das sogenannte Lieferkettengesetz beschließen, das somit auch den Kakao-Bauern in Ghana Schutz bieten könnte. „Rund zehn Prozent der Welternte von Kakao wird in deutschen Fabriken zu Schokolade weiterverarbeitet“, sagt Friedel Hütz-Adams, Wissenschaftler beim Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene in Bonn. Das Lieferkettengesetz werde daher viele Firmen betreffen.

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Beweise für Kinderarbeit

Wird das Gesetz beschlossen, riskieren große Unternehmen ab 2023 bis zu siebenstellige Bußgelder, wenn sie die Risiken in ihren Lieferketten ignorieren. Denn: „In Westafrika ist es überhaupt kein Problem, Beweise für Kinderarbeit und Armutseinkommen zu finden“, sagt Hütz-Adams. Derzeit liegt der sogenannte Farmgate-Preis, den die Bauern für ihre Kakaobohnen erhalten, bei umgerechnet 1.500 Euro pro Tonne. Für existenzsichernde Einnahmen müssten es mindestens 2.500 Euro sein.

Der Weg von der Kakaopflanze zum Supermarktregal ist bisher meist nicht genau zurückzuverfolgen. Die Ernte kommt fast ausschließlich von vielen Kleinbauern, die sich gegenüber den Einkäufern, großen internationalen Konzernen, nicht behaupten können. Nur geschätzt ein Drittel von ihnen ist in Kooperativen organisiert. Über Sammelstellen, die es in den afrikanischen Anbaugebieten überall gibt, wo die Bohnen gereinigt, getrocknet und fermentiert werden, kommt der Kakao in Container, um mit Schiffen übers Meer transportiert zu werden.

Diskussionen um Gerechtigkeit

Schon in diese ersten Schritte sind häufig Subunternehmen der drei Großkonzerne involviert, die den Markt beherrschen, aber deren Namen kaum jemand kennt: Barry Callebaut (Schweiz), Cargill (USA) und Olam International (Singapur). In Europa angekommen, werden in Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden die Bohnen zu Kakaomasse, Kakaobutter, Kakaopulver verarbeitet. Dann übernehmen andere Konzerne wie Lindt oder Storck – und verdienen an der eigentlichen Wertschöpfung. Diese Händler beziehen meist nur noch die Masse oder das Pulver, mit der Kakaobohne selbst kommen sie in der Regel nicht mehr in Kontakt.

Immerhin gibt es in der Branche immer mehr Diskussionen darüber, wie die Herstellung von Schokolade gerechter gemacht werden kann. Es gibt weit verbreitete Siegel wie Fairtrade. Doch selbst die halten bei weitem nicht ein, was der Name suggeriert: Die Menschen, die auf den Plantagen arbeiten, bekommen laut Hütz-Adams im Durchschnitt gerade einmal rund einen Cent pro Tafel mehr – ein erster Schritt, aber noch immer längst nicht genug, um davon leben zu können. Großkonzerne versuchen ebenfalls, dem Bedürfnis der Menschen in reichen Ländern, mit gutem Gewissen zu naschen, entgegenzukommen.

Kein Happy End

Die Firma Tony’s Chocolonely hat beispielsweise eine eigene Stiftung gegründet, um zu gewährleisten, dass die Schokolade „sklavenfrei“ produziert ist. Hier gibt es Fünfjahresverträge mit Kooperativen in Ghana und an der Elfenbeinküste, die Bauern bekommen mehr Geld für den Kakao. Auch andere Konzerne wurden tätig: Lindt hat ein Register von Bauern und Anbauflächen in Ghana. Aldi, Lidl und Rewe haben Projekte zur Unterstützung von Kakaobauern gestartet. Es ist aber noch ein langer Weg.

So nimmt an Ostern zwar die christliche Leidensgeschichte ein gutes Ende. Doch das Happy End im Schokoladensektor steht noch aus. (epd/mig)

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