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Die Strafarbeit der Drittklässlerin © privat

Germanistikprofessorin

Deutschpflicht auf dem Schulhof ist „Unsinn”

Deutschpflicht auf dem Schulhof "ja" oder "nein"? Diese Frage sorgt immer wieder für hitzige Diskussionen. Laut Germanistikprofessorin Heike Wiese ist das Verbot von Sprachen "Unsinn", die Befürchtungen sind unbegründet.

Von Montag, 14.09.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 12.09.2020, 22:36 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die Berliner Germanistikprofessorin Heike Wiese hat es als „Unsinn“ bezeichnet, dass Schulkinder auch in den Pausen Deutsch sprechen sollen. Das diene weder dem Spracherwerb noch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, sagte Wiese im Gespräch mit dem „Evangelischen Pressedienst“. Außerdem sei es auch in Deutschland normal, dass Kinder mehrsprachig aufwachsen.

Der Wissenschaftlerin zufolge ist eine Beschränkung auf Deutsch im Schulhof der Lernmotivation und dem Spracherwerb eher abträglich. Damit werde der Sprachgebrauch vieler Kinder und ihrer Familien als unerwünscht und unangemessen abgewertet, im Unterschied zu den klassischen schulischen Fremdsprachen. „Während Sprachen wie etwa Englisch oder Französisch stereotyp mit Bildung und Modernität assoziiert werden, werden andere Sprachen wie Türkisch mit sozioökonomisch benachteiligten Gruppen verbunden.“

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Strafarbeit wegen Türkisch auf Schulhof

Germanistikprofessorin Heike Wiese leitet an der Humboldt-Universität Berlin den Lehrstuhl für Deutsch in multilingualen Kontexten und hat gemeinsam mit Rosemarie Tracy und Anke Sennema das Buch „Deutschpflicht auf dem Schulhof? Warum wir Mehrsprachigkeit brauchen“ (Dudenverlag 2020) veröffentlicht.

Im Sommer hatte der Fall einer baden-württembergischen Drittklässlerin für Aufsehen erregt, die eine Strafarbeit schreiben musste, weil sie in der Pause auf dem Schulhof Türkisch gesprochen hatte. Die Familie im Schwarzwaldort Blumberg wehrt sich gegen die Sanktion mit Hilfe eines Anwalts, der beim Kultusministerium eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt hat. Darüber sei nach seiner Kenntnis noch nicht entschieden worden, sagte der Heidelberger Rechtsanwalt Yalçın Tekinoğlu dem „Evangelischen Pressedienst“.

Wiese zufolge befördert eine Deutschpflicht auf dem Pausenhof auch nicht den für die Schule wichtigen Deutscherwerb. In den Pausen werde umgangssprachlich und jugendsprachlich gesprochen. Das sei anders als im Unterricht, wo das formelle Standarddeutsch zähle, das sich eng an einem Sprachgebrauch der Mittelschicht orientiert, erläuterte Wiese.

Mehrsprachigkeit führt nicht zu Defiziten

Außerdem sei die Befürchtung, die Kinder würden sonst kein Deutsch lernen, unberechtigt. „Wenn die Kinder in Deutschland aufwachsen, lässt es sich gar nicht vermeiden, dass sie Deutsch lernen“, erklärte Wiese. Das fange schon im Kindergarten an, beim Einkaufen in der Bäckerei oder auf der Straße. Auch in der Familie werde unter Geschwistern meist vorwiegend Deutsch gesprochen.

Mehrsprachigkeit führe daher nicht zu Defiziten, sondern zu einem größerem sprachlichen Reichtum und damit zu mehr Kommunikationsmöglichkeiten, sagte die Wissenschaftlerin. Wenn sich andere Schüler dadurch ausgegrenzt fühlen, weil sie eine Sprache nicht verstehen, sollte nicht die Benutzung dieser Sprache pauschal verboten werden, sondern es sollten Werte wie Höflichkeit und Wertschätzung vermittelt werden. (epd/mig)

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