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Rassismus, Demo, Transparent, Ausländerfeindlichkeit
Das Problem heißt Rassismus (Archivfoto) © strassenstriche.net @ flickr.com (CC 2.0)

"Vergeben" und "Voll"

Rassismus in Deutschland: Tausend Mal erlebt

Die Wohnung ist vergeben, der Nachtclub voll, das Bahnticket wird gleich zweimal kontrolliert. Menschen mit vermeintlich ausländischem Aussehen erleben immer häufiger Diskriminierungen. Experten sehen positive Entwicklungen, aber auch rassistische Strukturen in der Gesellschaft.

Von Freitag, 17.07.2020, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28.07.2020, 16:03 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Wenn Tarık Yaşar im Club Feiern will, denkt er auch in Hautfarben. „Mit weißen Freunden komme ich leichter rein“, sagt der 30-jährige Dortmunder mit türkischen Wurzeln. Dass er so denken muss, wird auch nach der Corona-Feierpause so sein, ist sich der IT-Kaufmann sicher. „Black Lives Matter“-Demonstrationen hin oder her. „Es wird sich zeigen, wie viel von der Bewegung im Alltag ankommt“, sagt Yaşar. „Solche Denkweisen legt niemand schnell ab.“

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Für ihn als vermeintlich muslimischer Mann ist es normal, dass Clubs angeblich „voll“ sind, während Deutsche mit heller Haut einfach Eintritt zahlen. Direkt gesagt wird es meist nicht. „Tausend Mal erlebt“ hat er das, um dann vor verschlossener Tür zu stehen. „Ihr gehört zusammen, ja?“, wird er gefragt, wenn er mit weißen Freunden in der Schlange steht. Ihre Hautfarbe wird seine Eintrittskarte.

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Diskriminierung seit 2015 verdoppelt

Das Ausmaß des Problems zeigt der Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Die Zahl der Beschwerden wegen Diskriminierung waren 2019 höher als im Vorjahr. Am häufigsten ging es dabei um rassistische Diskriminierung. Es wandten sich 1.177 Mal Menschen an die Beratung, weil sie im Alltag und im Arbeitsleben aufgrund ihrer ethnischen Herkunft Diskriminierung erlebt hatten. Seit 2015 haben sich die Fallzahlen damit verdoppelt.

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Am häufigsten (36 Prozent) berichteten Betroffene von Diskriminierung im Beruf oder bei der Jobsuche. Am zweithäufigsten – 26 Prozent der berichteten Fälle – ging es um Benachteiligungen bei Alltagsgeschäften wie in der Gastronomie, beim Einkauf oder bei Versicherungs- und Bankgeschäften. Jeder zweite Betroffene gab zudem an, Wohnungen wegen – zugeschriebener – Herkunft nicht bekommen zu haben, manchmal stand es schon in der Immobilienanzeige.

Türkeistämmige berichten am häufigsten über Benachteiligung

Eine Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration von 2018 zeigt ebenfalls, dass sich Menschen mit äußerlich sichtbarem Migrationshintergrund häufiger diskriminiert fühlen als solche ohne sichtbare ausländische Wurzeln: 48 Prozent im Vergleich zu 17 Prozent. Menschen, die zusätzlich noch mit Akzent sprechen, gaben zu 59 Prozent an, Diskriminierung erlebt zu haben.

Türkeistämmige Menschen berichten am häufigsten über Benachteiligungen (54 Prozent). Muslime fühlen sich mit 55 Prozent häufiger diskriminiert als Christen (29 Prozent) oder Menschen ohne Religionszugehörigkeit (32 Prozent).

Della: Rassismus in den Strukturen unserer Gesellschaft

Auch Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland kennt diese Alltagserfahrungen. „Rassismus steckt in den Strukturen unserer Gesellschaft“, sagt Della. „Er ist verankert bei Behörden, auf dem Wohnungsmarkt, im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt. Das ist der Kern des Problems – und das entfaltet sein Gift in alle Bereiche des Lebens.“ Solange die Polizei verdachtsunabhängige Personenkontrollen durchführen darf, „trifft es Nicht-Weiße aufgrund der herrschenden Vorurteilsstrukturen zwangsläufig häufiger, dass sie verdächtigt und durchsucht werden“, sagt Della.

Es brauche daher Gesetze wie das umstrittene neue Antidiskriminierungsgesetz in Berlin. Danach gilt: Wer glaubhaft erklärt, dass er von öffentlichen Stellen diskriminiert wird, kann klagen – und die Beklagten müssen die Nicht-Diskriminierung vor Gericht belegen. „Es braucht aber unabhängige Stellen, die ermitteln: Die Staatsanwaltschaft ist zum Beispiel zu nah bei der Polizei“, sagt Della.

Kohls „Beileidstourismus“ heute undenkbar

Der Rassismus- und Bildungsforscher Karim Fereidooni von der Ruhruniversität Bochum sieht „bereits eine Veränderung in der deutschen Gesellschaft“. Nach den Brandanschlägen von Solingen in den 90er Jahren habe mit Helmut Kohl ein Bundeskanzler einen Vor-Ort-Besuch mit dem Hinweis, „keinen Beileidstourismus zu betreiben“, ausgelassen: „Das wäre heute undenkbar“, sagt Fereidooni. „Nach Hanau war die Bundespolitik da, es wäre sonst auch als Skandal empfunden worden.“

Der NSU-Prozess habe ebenfalls nachwirkende Debatten über strukturellen Rassismus angestoßen. Das zeige auch die Teilnahme vieler weißer Menschen an den „Black Lives Matter“-Demonstrationen: Die Ausgrenzung und Ungleichheit, die Rassismus erzeuge, beträfen eben auch diejenigen, die dadurch privilegiert würden. „Sie wollen nicht in so einer Gesellschaft leben und treten dafür ein.“

Fereidooni: Es gibt keine rassismusfreien Räume

Der Weg ist aber weit, weiß der Forscher. Kinder erlernten schon mit drei Jahren, welche Menschen in Machtpositionen stehen und welche Muster es dabei gibt – und damit auch Rassismus. „Und so wie es keine rassismusfreien Räume gibt, gibt es auch keine Schulen ohne Rassismus.“ Eine Grundschullehrerin, die den achtjährigen Mohamed wegen einer unverschämten Antwort als Macho anspricht und behandelt, sieht Max einfach als frechen Jungen, wenn er sich nicht an die Regeln hält.

„Sie tut Mohamed damit Gewalt an“, sagt Fereidooni, der selbst als Lehrer gearbeitet hat. „Aber auch sie trägt die psychische Gewalterfahrung des Rassismus in sich, sonst würde sie nicht so handeln.“ Eine Auseinandersetzung mit dem Rassismus im eigenen Kopf sei daher dringend erforderlich, weil seine Bilder und Traditionen seit Jahrhunderten transportiert würden. „Die Idee von Menschenrassen mit unterschiedlichen Eigenschaften stammt aus der Kolonialzeit.“ (epd/mig)

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