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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Gretchenfrage

Bundespräsident diskutiert mit Gästen über Rolle der Religion in der Demokratie

Von der "Rückkehr der Religion" ist die Rede. Debatten über den Islam scheinen das zu belegen. Am Dienstag diskutiert der Bundespräsident mit Gästen darüber und stellt eine eigene Gretchenfrage: Wie viel Religion braucht und verträgt die Demokratie?

Von Corinna Buschow Mittwoch, 27.02.2019, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.02.2019, 17:45 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Jedes Jahr verlieren die beiden großen christlichen Kirchen Mitglieder. Zugleich boomt das Thema Religion. Immer wieder werde über die Grenzen der Religionsfreiheit gestritten, analysierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag in seiner Veranstaltungsreihe „Forum Bellevue“ und zählte ein paar Themen auf: Kruzifix-Urteil, Kopftuchstreit, die Beschneidung von Jungen, kirchliches Arbeitsrecht, Moscheebau und Sterbehilfe. „Widersprüchlich“ nannte er das Bild, das derzeit mit dem Thema Religion in der Öffentlichkeit verbunden ist.

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Für mehr Klarheit hatte er für seine Reihe, in der es um Herausforderungen für die Demokratie geht, Religionsexperten nach Berlin eingeladen: den Religionssoziologen Hans Joas, den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide und die Journalistin Evelyn Finger („Die Zeit“). Sie diskutierten über die heutige Bedeutung von Glauben für die Gesellschaft, über Trennung von Staat und Kirche und eine Frage, die Steinmeier in Ableitung des umstrittenen Satzes, dass der Islam zu Deutschland gehört, so stellte: „Welcher Islam gehört zu Deutschland?“

Kinderehen und die Missachtung von Frauenrechten gehörten sicher nicht dazu, betonte Steinmeier. Khorchide sagte, der innerislamische Streit sei ähnlich wie bei den Kirchen vor Jahrhunderten. Es gehe darum, wie wörtlich die heilige Schrift zu nehmen sei. An dieser Trennlinie entscheide sich wohl die Reform- und Demokratiefähigkeit des Islams, sagte Steinmeier.

Steinmeier warnt vor Überheblichkeit

Der Bundespräsident warnte gleichzeitig vor Überheblichkeit der christlichen Gemeinschaft beim Urteil über die Modernisierungsfähigkeit des Islams: „Es steht uns Christen gut an, uns daran zu erinnern, wie lange es gebraucht hat, bis die Kirchen ein positives Verhältnis zum modernen Verfassungsstaat gefunden haben.“ Sehr viele Protestanten hätten in der Weimarer Republik der Monarchie nachgetrauert, sagte Steinmeier und verwies auch darauf, wie lange in den Kirchen Homosexualität „buchstäblich verteufelt“ worden sei. „Und auch die ersten Frauenordinationen in der evangelischen Kirche liegen so furchtbar lange auch noch nicht zurück“, betonte der Bundespräsident.

Steinmeier rief die Deutschen zu mehr Toleranz zwischen den Religionen sowie zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen auf. Kein Mensch dürfe wegen seines Glaubens diskriminiert oder ausgegrenzt werden. Keinesfalls dürfe zugelassen werden, „dass Menschen beleidigt oder angegriffen werden, weil sie ein Kopftuch, eine Kippa oder ein Kreuz tragen“, sagte er.

„Religionskritik ist keine Religionsfeindschaft“

Die Journalistin Finger erzählte dabei von scharfer Kritik, die sie in Zuschriften erhält, wenn sie auf ihrer Seite liberale Islam-Vertreter zu Wort kommen lässt. Sie habe sich angewöhnt, das zu ignorieren, und halte die Debatten für wichtig, sagte sie. Das gelte auch bei der Aufklärung des Missbrauchs in der katholischen Kirche. „Religionskritik ist keine Religionsfeindschaft“, sagte Finger und plädierte für eine klare Trennung von Staat und Religion.

Der Soziologe Hans Joas zeigte sich überzeugt, dass dies am Ende nicht zum Nachteil der Religion sei. Eine starke Trennung trage dazu bei, „dass Religion vital bleibt“, sagte er. In den USA habe es früh eine verfassungsrechtliche Trennung von Staat und Kirche gegeben. Gleichzeitig gebe es dort eine besonders starke Vitalität von Religion. (epd/mig)

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