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Dämmerlicht © Rodrigo Soldon @ flickr.com (CC 2.0)

Umstritten

Klimaversicherung als Schutz gegen Hunger

Dürren, Wirbelstürme und Überflutungen nehmen infolge des Klimawandels zu und richten vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika schwere Schäden an. Warum also nicht Versicherungen dagegen abschließen? Erste Erfahrungen gibt es bereits.

Von Elvira Treffinger Dienstag, 08.08.2017, 4:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 09.08.2017, 15:52 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Abgemagerte Kinder, erschöpfte Mütter, verzweifelte Gesichter: Aus Ostafrika gehen dramatische Bilder von Millionen Hungernden um die Welt. Doch wie so oft zögert die Staatengemeinschaft, Hilfen für die Dürregebiete zu geben, trotz aller dringenden Appelle. Die Vereinten Nationen bitten um 4,4 Milliarden US-Dollar – bis Ende April war erst ein Fünftel der Summe zugesagt. Auch danach tröpfelten die Hilfen nur. Künftig soll es für die Katastrophenhilfe auch einen anderen Weg der Finanzierung geben: Versicherungen gegen Klimarisiken.

Wetterextreme nehmen durch die Erderwärmung zu. Also sollen sich Länder in Afrika oder der Karibik gegen Dürren, Überflutungen, Starkregen und Wirbelstürme versichern können. Die G7-Staaten brachten dazu auf ihrem Gipfel 2015 im bayerischen Elmau die Initiative InsuResilience auf den Weg. Deutschland stellte dafür bisher 190 Millionen Euro (209 Millionen US-Dollar) Risikokapital bereit. Insgesamt sind es 550 Millionen Dollar.

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Das Besondere der Policen: „Ob der Versicherungsfall eintritt, wird nach festen Parametern wie Windgeschwindigkeiten oder Niederschlag gemessen“, sagt die Volkswirtin Annette Detken, zuständige Abteilungsdirektorin bei der staatlichen KfW-Bankengruppe. „Es sind objektive Indikatoren, die nicht manipulierbar sind. Sie können zum Beispiel anhand von Satellitendaten gemessen werden.“ Eine Zahlung könne also recht schnell erfolgen, wenn zu wenig Regen fällt – oder zu viel. „Dafür muss kein Schaden nachgewiesen werden.“

Arme Staaten können Versicherungsprämie nicht zahlen

In einigen Fällen hat das bereits funktioniert: So erlebte Mauretanien 2014 die schlimmste Dürre seit 15 Jahren. Im Januar des Folgejahres kam das Geld: Die Versicherung African Risk Capacity (ARC) zahlte 6,3 Millionen Dollar an den westafrikanischen Sahelstaat. Seine Prämie hatte 1,4 Millionen Dollar betragen. Ähnlich lief es mit Niger und Senegal. Insgesamt zahlte ARC 26 Millionen Dollar wegen der Dürre. „Diese drei Länder konnten mit den Geldern Nahrungsmittelhilfen für mehr als eine Million Menschen umsetzen und durch Futterhilfen mehr als eine halbe Million Tiere retten“, erklärt ein Sprecher des Entwicklungsministeriums in Berlin.

Arme Staaten, die eine Police zeichnen, werden jedoch nicht aus ihrer Pflicht zur Vorsorge entlassen, und müssen Notfallpläne für den Katastrophenfall vorlegen. Bisher haben 100 Millionen Menschen einen Versicherungsschutz gegen Klimarisiken. Bis 2020 sollen es 500 Millionen sein, entweder über ihre Staaten oder als Einzelpersonen. Die Bundesregierung will auch Schwellenländer wie China dafür gewinnen, weiteres Risikokapital bereitzustellen.

Hungerkrise nicht versichert

Auch Privatunternehmen sollen eingebunden werden. Der Münchner Konzern Munich Re, der am Risikopool solcher Klimaversicherungen beteiligt ist, sieht großen Nachholbedarf. „In Schwellen- und Entwicklungsländern ist der allergrößte Teil der Schäden aus Naturkatastrophen nicht versichert“, erklärt Peter Höppe, der die Geo-Risiko-Forschung des Unternehmens leitet. „Der fehlende Versicherungsschutz führt dazu, dass der Wiederaufbau gerade in den ärmeren Ländern erst verzögert einsetzt.“

Bei der aktuellen Hungerkrise in Ostafrika wirkt leider kein Versicherungsschutz: Die am stärksten unter Dürre leidenden Länder, Äthiopien, Kenia, Südsudan, Somalia und Uganda haben sich in diesem Jahr nicht versichert. Und es sind in einigen Gebieten auch kriegerische Konflikte, die die Not mitverursachen.

Expertin warnt vor Euphorie

Wunder kann eine Klimaversicherung ohnehin nicht bewirken. Die Klima-Expertin von „Brot für die Welt“, Sabine Minninger, warnt vor Euphorie: „Die Versicherungen helfen nicht gegen den schleichenden Klimawandel. Gegen den Anstieg des Meeresspiegels gibt es keine Versicherung.“ Niemand würde wohl die vom Untergang bedrohten Inselstaaten wie Kiribati versichern wollen. Und: „Es wäre fatal, wenn die Debatte um Klimarisikoversicherungen dazu missbraucht würde, nach und nach neue Märkte für die großen Versicherungskonzerne zu erschließen.“

Hinzu kommt, dass das steigende Risiko von Dürren, Fluten und Stürmen auch zu einer Verteuerung der Policen für die armen Länder führt: „Ihre Staatshaushalte erlauben es oft schlicht nicht, das knappe Geld in Versicherungsprämien zu stecken“, sagt Minninger. Für eine realistische Sichtweise der Klimarisiko-Assekuranzen plädiert auch die KfW-Fachfrau Detken: „Solche Versicherungen sind kein Allheilmittel bei der Anpassung an den Klimawandel, aber ein wichtiges, komplementäres Instrument.“ (epd/mig)

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