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NSU, NSU-Tribunal, Ibrahim Arslan, Mölln, Bühne
Ibrahim Arslan, Rede auf dem Tribunal 'NSU-Komplex auflösen', 20.05.2017, Schauspiel Köln © Dörthe Boxberg

Mölln-Überlebender

„Unsere größte Sehnsucht ist, euch unsere Geschichten zu erzählen.“

Die versprochene "lückenlose Aufklärung" im NSU-Komplex ist weit entfernt. Das treibt besonders die Betroffenen um. Im Schauspiel Köln kamen sie zum Tribunal ‚NSU-Komplex auflösen‘ zusammen. MiGAZIN veröffentlicht die Rede von İbrahim Arslan, Überlebender des rassistischen Brandanschlages von Mölln 1992, auf dem Tribunal.

Von İbrahim Arslan Freitag, 02.06.2017, 4:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 08.06.2017, 16:36 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Tolstoj hat mal gesagt:
„Wenn jemand Schmerzen fühlt, dann ist er lebendig,
wenn jemand die Schmerzen anderer fühlt, dann ist er ein Mensch.“

Sehr verehrte Betroffene der nationalsozialistischen und neofaschistischen Gewalt, sehr verehrte solidarische Menschen, meine Genossen und Genossinnen, meine Schwestern und Brüder, meine Familie,

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wir verstehen eure Anwesenheit als Zeichen eurer Solidarität und Respekt unseren Geschichten gegenüber. Danke dafür, danke auch, dass ihr euch die Opferperspektive anhört. Für mich bedeutet das, dass wir von nun an Seite an Seite gemeinsam diesen Kampf führen werden, der uns den Frieden und die Freiheit bringen wird.

Heute ist der Tag, an dem nicht Diplomaten und Politiker reden und verhandeln, heute ist der Tag, an dem Betroffene und Opfer die Hauptzeugen des Geschehenen sprechen und anklagen.

Ich freue mich, gemeinsam mit euch an etwas teilzunehmen, das als einer der größten Demonstrationen und Widerstand für die Freiheit der Betroffenen in die Geschichte eingehen wird.

Info: Betroffene der NSU-Mord- und Anschlagsserie und antirassistische Initiativen kamen vom 17. – 21. Mai 2017 im Schauspiel Köln zum Tribunal ‚NSU-Komplex auflösen‘ zusammen. Nur wenige Schritte von der Keupstraße entfernt, auf die 2004 der NSU einen Nagelbombenanschlag verübte, klagte das Tribunal den NSU-Komplex als Kristallisationspunkt des strukturellen Rassismus und konkrete Täter an. Ziel des Tribunals war es, das Wissen der Betroffenen und Angehörigen in den Mittelpunkt zu rücken.

Das Tribunal ist hervorgegangen und wird getragen von dem bundesweiten Aktionsbündnis „NSU-Komplex auflösen“ sowie von einer Vielzahl von Personen, die sich aus unterschiedlichen Motiven gegen Rassismus engagieren wollen. Mitmachen können alle, die sich mit diesen Zielen identifizieren. Alle Menschen, Gruppen, Vereine, Institutionen, die das Tribunal unterstützen wollen, sind herzlich eingeladen, mit dem Tribunal Kontakt aufzunehmen und sich zu beteiligen. Informationen gibt es unter: www.nsu-tribunal.de

Das, was wir heute anfangen, ist nicht nur ein Politikum, sondern auch ein Bruch des Schweigens, ein Aufschrei der Betroffenen und Opfer gegen die falsch laufende Opfer- und Gedenkpolitik. Wir werden uns von niemanden mehr instrumentalisieren lassen, wir werden uns von niemanden mehr mundtot machen lassen, keiner kann uns unser Gedenken mehr wegnehmen, jeder wird akzeptieren müssen, dass Betroffene nicht Statisten sind, sondern die Hauptzeugen des Geschehenen.

Sehr verehrte Betroffene, nutzt bitte alle hier die Gelegenheit, eure Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen.

Wir wissen, wie oft wir uns auf die Lippen gebissen haben als wir nicht das sagen konnten, was wir eigentlich wollten. Nun ist die Zeit gekommen, um zu schreien, um die Gesellschaft aus ihren Traum zu wecken und in die Realität zurückzuholen.

Nehmen wir uns alle Familie Yozgat als Beispiel. İsmail Yozgat ist der Mensch, der überall seine Forderung nach einer Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße fordert und dies überall öffentlich macht, unabhängig davon, ob jemand betroffen ist oder nicht.

Er zeigt uns, dass jeder sich daran beteiligen muss, um diese Forderung durchzusetzen, genauso wie wir alle daran beteiligt waren, als es hieß: Dönermorde, Bosporus-Ermittlungen, Zuhältermilieu, und nichts dagegen unternommen haben oder unternehmen konnten.

Herr Yozgat, Sie sind ein Vorbild für mich und wahrscheinlich auch für viele andere Menschen hier.

Sie haben mit ihren Forderungen vielen Betroffenen Hoffnung und Mut gegeben, um ihre eigenen Forderungen in die Öffentlichkeit zu rücken, egal wie realistisch die Forderung ist oder nicht. Vielen Dank dafür.

Ich weiß nicht, was noch wunderbarer und schöner ist als aktive und Widerstand leistende Betroffene. Sie lehren uns, dass egal was einem passiert, egal wie schlimm das Schicksal einen trifft, nicht aufzugeben, Mut zu haben und immer noch an das Gute in Menschen zu glauben.

Sie zeigen uns aber auch, dass solche Taten sie nicht schwächt, sondern sie zusammenschweißt, sie stärkt und sie kämpfen lässt.

Mein Name ist İbrahim Arslan, ich bin Opfer und Überlebender der rassistischen Brandanschläge vom 23. November 1992 in Mölln.

Familie Yozgat, Familie Kubaşık, Familie Şimşek, Familie Boulgarides, Familie Turgut, Familie Yaşar, Familie Özüdoğru, Familie Kiesewetter, Familie Kılıç, Familie Taşköprü und alle anderen Betroffenen-Familien, die ich noch kenne und kennenlernen werde, ihr seid nicht allein im Kampf gegen das Vergessen, wir werden diesen schweren Kampf gemeinsam kämpfen. Unser gemeinsames Schicksal, das uns zusammen geschweißt hat, wird uns von nun an unzertrennbar machen gegen Rassismus, gegen Faschismus, für die Gerechtigkeit, für den Frieden.

Mein Name ist İbrahim Arslan, ich bin Opfer und Überlebender der rassistischen Brandanschläge vom 23. November 1992 in Mölln.

Vor 23 Jahren verübten zwei Neonazis – Lars Christiansen und Michael Peters – einen rassistischen Brandanschlag auf meine Familie.  Sie zünden feige, mitten in der Nacht, unser Haus an, und verbrennen zwei Kinder und eine Erwachsene.
Die Kinder, meine Schwester Yeliz Arslan, gerade mal 10 Jahre alt, meine Cousine Ayşe Yilmaz, gerade mal 12 Jahre alt, ersticken qualvoll in den Flammen, meine Oma Bahide Arslan stirbt schmerzhaft an den Flammen, sie verbrennt am lebendigen Leibe.

Mehrere Überlebenden, darunter auch ich, werden schwer verletzt und  traumatisiert.

Unser Haus wurde aus reinem Hass angezündet, es wurde aber auch aus politischen Gründen angezündet. Politische Sätze wie „Das Boot ist voll“; „wir können keinen Asylbewerber mehr aufnehmen“ haben dazu beigetragen, solche menschenverachtende Taten zu vollbringen.

Es waren Neonazis, die sich von der Republik bestätigt gefühlt haben, als sie dies taten.

Wie kann man an dieses Verbrechen gedenken?

Wer hat die Herrschaft über das Gedenken?

Welche Gedenkveranstaltung ist offiziell und welche inoffiziell?

Dies sind Fragen, mit denen sich die Betroffenen und Opfer seit Jahren quälen. Was uns gehört, muss erkämpft werden. Reclaim and Remember, das Erinnern erkämpfen. Kann man sich das vorstellen? Dies sind die leidvollen Erfahrungen der Betroffenen und Opfer. Kann man eine solche rassistische Tat, eine solche rassistische Geschichte, ohne die Opfer und Betroffenen einzubeziehen, gedenken? Wer entscheidet über unser Schicksal?

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