Erfolgreich

Selbstständige Frauen mit Migrationsgeschichte auf der Überholspur

Knapp ein Viertel aller türkeistämmigen Selbstständigen sind Frauen. Für viele ist ihr Migrationshintergrund zugliech auch ihr Vorteil. So auch bei Optikermeisterin Gülcan Urul - interkulturelle Kompetenz ist ihr Geschäftskonzept.

Von Hebah Omar Montag, 21.01.2013, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 23.01.2013, 8:41 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Jeder Fünfte in Deutschland hat Migrationshintergrund – das sind über 15 Mio. Menschen. Viele davon leben schon in dritter Generation in Deutschland – für sie mehr als nur das Land, in dem sie leben, es ist ihre Heimat. So auch die Türkinnen und Türken. Immer mehr entwickeln sie ein großes Interesse an der Selbstständigkeit. Seit den 90er Jahren verdoppelte sich die Zahl türkischstämmiger Gründungen auf 33.000. Und es werden von Tag zu Tag mehr.

Besonders Migrantinnen entwickeln eine immense wirtschaftliche Dynamik. Bereits 22 Prozent aller türkeistämmigen Selbstständigen sind Frauen. Vor allem in der zweiten und dritten Generation gründen sie erfolgreich eine eigene Existenz. Im Bereich Dienstleistungen rund um Kosmetik, Friseur oder Lebensmittel machen sich heute bereits deutlich mehr Migrantinnen als deutsche Frauen selbstständig. Für sie geht es nicht nur ums Geld verdienen – im Vordergrund steht die Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung.

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Erfolgreich mit Migrationshintergrund
Das Klischee der Dönerbudenbesitzer oder Gemüsehändler, mit denen türkische Migranten oft verbunden werden, trifft auf Gülcan Urul keinesfalls zu. Die 36-Jährige hat 2003 als erste türkische Optikerin in NRW ihre Meisterprüfung absolviert und sich im Anschluss ihren großen Wunsch von der Selbstständigkeit erfüllt.

Doch hier musste sie schnell erkennen, dass sie es als Migrantin schwerer hat als ihre deutschen Unternehmerinnen. „Für die Geschäftsübernahme habe ich bei verschiedenen Banken einen Kredit angefragt, doch mit meinem türkischen Namen hatte ich keine Chance, mir blieb als Finanzierung nur meine Bank übrig, die sich kooperativ gezeigt hat, da sie mich als langjährige Kundin kennen. Ich hatte keine Vergleichs- oder Auswahlmöglichkeiten und war sehr eingeschränkt“, so Urul. Doch auch wenn sie mehr mit der deutschen Bürokratie zu kämpfen hat als deutsche Unternehmerinnen, hat sich die Optikermeisterin nicht verunsichern lassen und sich kurz darauf wie geplant selbstständig gemacht.

Ihr Geschäft in der Dortmunder Nordstadt ist genau wie sie – multikulti. „Wenn Kunden zu uns ins Geschäft kommen, wird jeder zunächst auf Deutsch angesprochen, bis wir feststellen, aus welcher Herkunft diese Person kommt – dann geht es in der Sprache weiter, die der Kunde bevorzugt. Wir sprechen selber in diesem Geschäft sieben Sprachen“, sagt die Geschäftsfrau.

Und genau das ist ihr Erfolgskonzept. Neben deutsch sprechen ihre Mitarbeiter noch türkisch, polnisch, russisch, englisch, französisch und seit Neuestem sogar portugiesisch. Die Optikerin setzt bei der Auswahl ihrer Beschäftigten bewusst auf unterschiedliche Nationalitäten. Sprachkenntnisse ihrer Beschäftigten haben höchste Priorität. Und das hat seinen Grund: Ihr Geschäft liegt in einem Stadtteil mit hohem Migrantenanteil und die Beratung in der eigenen Muttersprache wird von den Kunden sehr gerne oft in Anspruch genommen.

Für ihre Personalpolitik wurde Gülcan Urul sogar mit dem Gründerpreis der IHK und dem interkulturellen Wirtschaftspreis ausgezeichnet.

Business-Netzwerk für Migrantinnen
Migrantinnen, die sich selbstständig machen, werden vom Business-Netzwerk PETEK unterstützt. Vorsitzende Birnur Öztürk versucht seit 2005 auf der Plattform, Unternehmerinnen und Führungsfrauen mit Migrationshintergrund zu vernetzen. Sie weiß, wie schwer es besonders Migrantinnen in der Berufswelt haben.

„Wir Frauen haben Schwierigkeiten in der medialen Öffentlichkeit. Oft wird negativ über uns berichtet – nach wie vor konzentriert sich die Wahrnehmung der türkischen Frau auf erschreckende Meldungen über Zwangsheirat, familiäre Gewalt oder Ehrenmorde. Dass viele türkischstämmige Migrantinnen auch Erfolge erzielen, über eine gute Schul- und Berufsausbildung verfügen und ihr Leben selbstbestimmend und selbstbewusst meistern, findet kaum Beachtung bzw. wird häufig übersehen, obwohl es sehr viele erfolgreiche Unternehmerinnen gibt“, betont Öztürk.

Einer der wichtigsten Aufgaben von „PETEK Businessnetzwerk“ ist es deshalb, mehr positive unternehmerische Beispiele und weibliche Vorbilder zu schaffen, um auch andere Frauen zu ermutigen, eigene Existenzen zu gründen.

Geschäftsfrau und Mutter Gülcan Urul ist genau solch ein positives Beispiel. Sie hat sich selbst und ihr Traum verwirklicht und ihren Migrationshintergrund erfolgreich in ihr Konzept integriert. Sie wünscht sich, dass sie und andere erfolgreiche Unternehmerinnen weiteren Migrantinnen Mut machen können, den Weg in die Selbstständigkeit zu wagen.

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