Sylvia Seidel

Sylvia Seidel – Ein anderer Nachruf

Als ich zur Vorweihnachtszeit 1987 Anna zum ersten Mal erblickte, wollte ich meinen Augen kaum trauen. „Die Deutschen“, die wir Migranten als verklemmt oder vielleicht als schüchtern deklarierten, sprangen plötzlich durch den Bildschirm und man spürte etwas von einem Aufbruch.

Von Alpay Yalçın Freitag, 10.08.2012, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 15.08.2012, 1:17 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Dass es Menschen gibt, die unter Depressionen, Angststörungen und Panikattacken leiden, war mir schon immer bewusst. Seit der Dokumentation Höllenleben von Liz Wieskerstrauch kann ich mir auch denken, was solche Störungen auslösen. Verzeihung, nicht was, sondern wer.

Ich stellte mir Menschen vor, die in der Nachkriegszeit von SS-Schergen und KZ-Kapos aufgezogen wurden. Das, was das 3. Reich hinterlassen hatte, diese Härte gegen sich selbst und gegen alles andere, schien die Gesellschaft, und damit auch uns Migranten zu durchdringen, ohne dass wir es natürlich wussten. Man versuchte, diese gestörten Seelen unter dem Deckmantel des Satanismus und sektiererischer Profilneurotiker verschwinden zu lassen. Selbstverständlich sind die in der Dokumentation von Wieskerstrauch erscheinenden Zusammenhänge sehr extrem. Aber die Eigenart die eigenen Kinder zu Höchstleistungen anzutreiben, unter dem Risiko diese dabei zu zerstören, schien uns als deutsche Mentalität. Wie ironisch es ist, viele Kinder von Migranten heute in demselben Dilemma wieder zu finden.

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Als ich zur Vorweihnachtszeit 1987 Anna zum ersten Mal erblickte, wollte ich meinen Augen kaum trauen. „Die Deutschen“, die wir Migranten als verklemmt oder vielleicht als schüchtern deklarierten, sprangen plötzlich durch den Bildschirm und man spürte etwas von einem Aufbruch. Leichtfüßig, adrett und ehrlich, wie man es sich für außerhalb des Bildschirms gewünscht hätte, erklärte mir die Serie, was ich schon wusste, mir aber nicht erklären konnte. 1987 war noch alles grau und junge Migranten waren die Einzigen auf der Straße, die öffentlich Tänzerisches zum Besten gaben. Auch gab es noch nicht massenhaft Fernsehkanäle, durch die man sich durchzappen konnte, und so war das medial vermittelte Bild der Deutschen ein etwas Eingerahmtes und Festgelegtes.

Während ich also fasziniert auf diese junge und selbstbestimmte Rolle starrte, spielte sich im Hintergrund ein Drama ab, dass ich mit heutigen Augen unter dem Oberbegriff „Tragödie“ zusammenfasse. Die Tragödie einer entmündigten Karriere. Entgegen der Rolle spitzte sich im richtigen Leben diese Karriere in einen tragischen Suizid zu. Wenn ich bedenke, was mir mein Umfeld entgegnete, als ich sagte, mir gefiele die Serie und ich sie regelmäßig verfolgen würde, schlug mir etwas entgegen, was ich heute als von-oben-Herablächeln bezeichnen möchte. Entweder war es zu langweilig oder zu „schwul“. Genau dieses Verhalten ist es, die vielen Menschen auf dieser Welt angst macht: Nämlich vergessen und übergangen zu werden.

Mir fällt in diesem Zusammenhang ein Erlebnis ein, dass mich als Jugendlicher sehr nachdenklich gestimmt hat, ich aber aufgrund der damaligen Situationskomik lange Zeit darüber lachen musste. Ein Kind, dessen Mutter es hinter sich herzieht, jammert: „Mama ich kann nicht mehr laufen“, bekommt die Antwort: „Dann kriechst du eben weiter.“ Ich hoffe, dass Migration etwas beiträgt, diese Lebenseinstellung etwas aufzuweichen, sodass wir gemeinsam aufrecht ins Ziel gehen können. Und nicht siechend dahin kriechen.

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