Filiz’ Kolumne

Die Angst des Bundesinnenministers vor dem „Muselmann“

Wieso hat Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich die Ergebnisse der Studie "Junge Muslime in Deutschland" derart "konterkariert? Diese Frage stellt sich Filiz Polat ,Grüne-Landtagsabgeordnete in Niedersachen, in ihrer neuesten MiGAZIN-Kolumne.

Von Filiz Polat Freitag, 30.03.2012, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 03.04.2012, 3:32 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Eine Studie „Lebenswelten junger Muslime“ vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegeben, hat Bundesinnenminister Friedrich dazu veranlasst – noch bevor er selbst die Ergebnisse der Wissenschaftler gelesen zu haben scheint – über die BILD-Zeitung Muslime pauschal zu verunglimpfen und vor radikalen Muslimen zu warnen.

Zu Recht erklären die islamischen Landesverbände, dass Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich fehl am Platz sei. Denn allein das Vorgehen macht deutlich, dass ihm an einer politischen Zuspitzung mehr gelegen ist, als an einer differenzierten Debatte. Hinzu kommt, dass die Ergebnisse in keiner Weise repräsentativ sind. Die Autoren weisen selbst auf die Schwächen in der Repräsentativität ihrer Studien hin: „Wichtig ist an dieser Stelle noch einmal darauf hinzuweisen, dass diese und die folgenden Prozentangaben keinesfalls weder auf alle in Deutschland lebenden Muslime im Allgemeinen noch auf alle in Deutschland lebenden jungen Muslime im Alter von 14 bis 32 Jahren hochgerechnet werden können und dürfen.“ (S. 277)

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So beruhen die ca. 16 % „deutscher Muslime“, die laut der Studie als „streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“ bezeichnet werden, auf einer Gruppe von 25 Personen aus den insgesamt 162 Befragten. Angesichts der vier Millionen Muslime ist es daher eine Farce, wenn der Bundesinnenminister hier vom ‚Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten‘ spricht. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion warnte gar vor einem wachsenden Fanatismus und bezeichnete die hohe Zahl nicht integrierter und auch nicht integrationsunwilliger Muslime als ‚erschreckend‘. Damit sind Politiker in einem hohen Amt wieder einmal Stichwortgeber für plumpen Populismus. Der Bundesinnenminister und sein CSU-Parteifreund schüren damit höchstpersönlich einmal mehr die Angst in der Bevölkerung vor vermeintlich gefährlichen Muslimen und tragen damit in Deutschland zur wachsenden Islamfeindlichkeit bei.

Vor dem Hintergrund der Anschläge und der Morde durch eine rechtsterroristische Organisation und dem bekannt gewordenen Versagen der Behörden in diesem Zusammenhang stellen solche Äußerungen eine Schande für unser Land dar. Gleichzeitig werden zum wiederholten Male wissenschaftliche Studien von einem Ministerium missbraucht. Die Autoren der Studie sind zu Recht entrüstet. Sie müssen mit Ansehen wie öffentlich ihre Forschungsergebnisse verzerrt und missinterpretiert werden. Gleichzeitig muss man allerdings auch konstatieren, dass die Studie selbst eklatante unwissenschaftliche Aspekte aufweist.

Die Studie geht von einem einseitigen Integrationsbegriff aus. Allein das Zugehörigkeitsgefühl zur Aufnahmegesellschaft und die Annahme der Kultur zu dieser werden als Gradmesser der Integration gewertet. Das Problem dieser Bewertung ist schlicht und einfach, dass dieses Zugehörigkeitsgefühl natürlich vom Klima innerhalb der Aufnahmegesellschaft abhängt. Eine Freundschaft muss selbstverständlich von beiden Seiten ausgehen. Die renommierte Wissenschaftlerin Naika Foroutan bringt es in ihrer Stellungnahme zur Studie auf den Punkt: „Man kann auch nicht fühlen, dass man dazugehört, wenn die soziale Gruppe zu der man sich angeblich zugehörig fühlt, dies nicht bestätigt oder Ausschluss suggeriert.“

Dies wird sogar von den Forschungsergebnissen bestätigt. Denn als Grund für das fehlende Zugehörigkeitsgefühl nennen die Teilnehmer, dass sie „von „den Deutschen“ niemals als Deutscher anerkannt würde, egal wie lange man schon in Deutschland lebt und wie gut man beispielsweise die Sprache spricht. Als ursächlich für diese Ablehnung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft sehen die Teilnehmer eher rassistische Motive als religiöse, weil nichtreligiöse Muslime ebenso diskriminiert werden.“ Wir müssen also einmal mehr die Frage stellen, was den Innenminister motiviert hat, die Ergebnisse der Studie in der Art und Weise zu konterkarieren. Ist es die eigene Angst vor dem „Muselmann“?

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  1. hannibal sagt:

    Vielleicht sollt sich die Autorin dieses Beitrages einmal mit den „ganz normalen Türken“ auf der Straße unterhalten, gerne auch mit denen mit dt. Pass (qua Geburt). Sie würde sich wundern, wie ein Großteil sich klar als türkisch, als Türke deffiniert. Und sein Heimatland, obwohl er in Deutschland geboren wurde. als die Türkei bezeichnet,

    Kein Wunder. Das wird ihm ja auch bei den Auftritten von Erdogan in Deutschland, und laufend von den türk./islamischen Verbänden immer wieder eingehämmert.

    Warum das so ist ?

    Nun, würden sich diese Gruppe z.B. so wie die eingewanderte Gruppe der Polen zu Anfang des letzten Jahrhunderts, oder Einwanderer aus anderen Staaten in den letzten Jahrzehnten praktisch „nahtlos“ in die deutsche Gesellschaft einfügen, wären diese Verbände mit der Zeit was ?

    ÜBERFLÜSSIG. Es geht also um Macht und Einfluss.

  2. gedanke sagt:

    Es gibt eben Politiker die in anderen Posten besser aufgehoben wären,bestes Beispiel unsere Ex Dosenpfandministerin.
    So wie Ausländer speziell Türken hier in diesem Lande behandelt werden und dann erwarten Deutsche Politiker Loyalität ?
    Es ist gut so ,nicht jeder Türke eignet sich zum Buckeln und gerade das missfällt den Deutschen und weckt beharrlichkeit.

  3. Migrantin sagt:

    @Hannibal
    Das hat mit den Verbänden nichts zu tun.

    Die Mehrheit der in Deutschland geborenen Türken hat deswegen Schwierigkeiten, sich klar als deutsch zu definieren, weil die Mehrheit der Deutschen diese Menschen nicht als Deutsche akzeptiert (auch nicht mit Geburtsort München und deutschem Pass). „Passdeutsche“ nennt sich das dann oder „Türken mit deutschen Pass“, wie man oft in den Medien liest.

    Wenn sie schwarze Haare haben und Ali heissen, lachen Ihnen Deutsche verächtlich ins Gesicht, wenn Sie sagen, dass Sie Deutscher sind. Und deswegen sagen Sie lieber, dass sie Türke sind. Und mehr noch: Genau diese Problematik ist der eigentliche Kern des Integrationsproblems und genau deswegen werden viele Kinder und Enkel der Eingewanderten auch „traditionsbewusster“ als Ihre Eltern es jemals waren. Sie wollen eben auf irgendetwas stolz sein dürfen und sich nicht so behandeln lassen, wie Ihre Eltern.

    Das soll hier nichts rechtfertigen, aber man sollte das Problem schon verstehen, um die richtigen Lösungen zu finden. Die Migrantenverbände dafür verantwortlich zu machen ist zu einfach, auch wenn einige rechte oder religiöse Verbände die Menschen genau da abholen, wo dieses Defizit besteht.

    Die deutsche Gesellschaft muss sich klar darüber werden, dass eine Integration unmöglich ist, solange Migranten suggeriert wird, dass sie niemals Deutsche sein werden.

  4. Sinan Sayman sagt:

    Türken müssen sich zu Deutschland bekennen, Franzosen dürfen gerne französich bleiben, das ist dann auch tres chic und gibt diesem Land ein Hauch v. Großstadt, jajaja..

  5. Bachfischer sagt:

    „wenn sie schwarze Haare haben und Ali heissen, lachen Ihnen Deutsche verächtlich ins Gesicht, wenn Sie sagen, dass Sie Deutscher sind.“

    Pauschalisierend, hetzend, übertreibend. So kommen wir nicht weiter. Ich kenne genug Türken, die schwarze Haare haben und Ali heißen. Nur die habe sich eben etwas angepasst und sind von ihrem hohen türkischen Ross runtergekommen. Gute Freunde sind das. Wer Türke bleiben will, kann dies ja gerne tun: aber bitte in der Türkei. Alles andere wäre doch auch Landesverrat am anatolischen Heimatland, oder nicht?

  6. Sugus sagt:

    @ Migrantin
    „Wenn sie schwarze Haare haben und Ali heissen, lachen Ihnen Deutsche verächtlich ins Gesicht, wenn Sie sagen, dass Sie Deutscher sind.“
    Nun, daß diese sagen, daß sie Deutsche sind, habe ich höchst selten erlebt, weder in den 70ern, noch in den 80ern, noch in den 90ern, noch später. Deswegen halte ich die These für fragwürdig, daß es sich um eine Re-Aktion auf Ausgrenzung durch Deutsche handelt; natürlich ziemlich bequem, wenn man wieder den Deutschen die Schuld zuschieben kann.
    Und selbst wenn sich der schwarzhaarige Ali glaubhaft als Deutscher definieren sollte: dazu gehört, um nicht „auf zwei Hochzeiten zu tanzen“, der totale Abbruch aller staatsbürgerlicher Bindungen zur Türkei, d.h.
    -Loyalität 100% zu Deutschland
    -keine doppelte Staatsbürgerschaft
    -keine türkische Staatsbürgerschaft „light“, keine Pembe kart etc.

  7. Migrantin sagt:

    „Wer Türke bleiben will, kann dies ja gerne tun: aber bitte in der Türkei. Alles andere wäre doch auch Landesverrat am anatolischen Heimatland, oder nicht?“

    Pauschalisierend, hetzend, übertreibend. Das trifft es.

  8. Zensus sagt:

    Leserkommentar:
    „Die deutsche Gesellschaft muss sich klar darüber werden, dass eine Integration unmöglich ist, solange Migranten suggeriert wird, dass sie niemals Deutsche sein werden.“
    Das ist der deutschen Gesellschaft schon immer klar!
    Deswegen ist es auch, wie es ist – und wird so bleiben.
    So what?

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