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Die typisch Deutschen

? und Recht und Freiheit!

Jeder Bürger unseres Landes kennt die drei bedeutenden Worte, mit welchen unsere Nationalhymne angestimmt wird. Doch wie sieht es mit dem wirklichen Wert dieser drei Worte aus? Und vor allem, wie verhält es sich mit ihnen in unserer gelebten Realität?

Von Sezen Tatlıcı Dienstag, 05.04.2011, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 08.04.2011, 0:40 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

Freiheit. Ein hoch geschätztes Gut, das wir allzu oft für selbstverständlich erachten. Unser Land ist frei. Auch wir sind es. Wir kennen das Gefühl nicht, in einem totalitären Staat für seine Meinung einzutreten. Wohl scheint es mir, dass je öfter in der Öffentlichkeit die Rede davon ist, wirklich frei zu leben, desto weniger ist uns dies bewusst.

Recht. Auf der ganzen Welt lassen Menschen ihr Blut, um Rechte zu erlangen, die wir jedoch schon längst in unserem Grundgesetz verankert haben. Mit Rechten gehen jedoch immer auch Pflichten einher. Manch einer kennt weder seine Rechte, geschweige denn seine Pflichten. Unsere Rechte erscheinen uns als immer dagewesen – sind jedoch hart erkämpfte Werte, die es anzuerkennen gilt.

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Einigkeit. Ein jeder Bürger sollte wissen, wofür jenes Wort im Titel steht. Ein Wort, das so leichtfertig bei jedem Länderspiel laut mitgesungen wird. Ein Wort, das merkwürdigerweise gleich als Erstes unserer Nationalhymne fällt und so leicht von den Lippen geht. Und dennoch ist es dasjenige Wort, das am wenigsten Bedeutung in unserem Alltag findet: die Einigkeit. Vielleicht steht sie auch gerade deshalb am Anfang der Hymne, damit wir unser besonderes Augenmerk darauf richten. Man sollte meinen, dass Einigkeit ein wichtiger Wert in unserem Zusammenleben sein sollte. Doch die Einigkeit, von der ich träume, haben wir im Gegensatz zu Recht und Freiheit leider noch nicht. Und nein, ich plädiere hier nicht dafür, dass wir uns immer und in allem einig sein müssen. Nichts liegt mir ferner, als eine „Gleichmachung“ aller hier lebenden Menschen anzustreben. Heimat, Verantwortung, Identität, aber von allen diesen Dingen ist es Respekt, über den wir Einigkeit erlangen müssen. Warum fällt uns allen dies denn so unendlich schwer?

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Das Erste und wirklich Wichtigste über das es einig zu werden gilt, ist die Tatsache, dass alle Menschen, die in diesem Land leben, auch zu ihm gehören. Wir alle gemeinsam sind der wichtigste Teil dieses Landes – das Volk. Genauso wie es in einem Unternehmen die Arbeiter sind, aus welchem ein Unternehmen seine Kraft schöpft, so sind wir es, die diesem Land Leben verleihen. Wir müssen uns einig darüber werden, dass wir alle mit denselben Bedingungen und Widrigkeiten konfrontiert sind.

Einig müssen wir uns auch, so finde ich, über unsere Wortwahl werden, um dann zu verstehen, dass ein respektvoller Umgang untereinander unsere wirkliche Einigkeit ausmachen wird. Die meisten Menschen (egal welcher Herkunft) machen sich über die verwendeten Begrifflichkeiten keine Gedanken und gebrauchen beispielsweise unentwegt das Wort „Deutsch-Türkin“, wenn sie über mich reden. Dieses Wort, unter anderen, ist in meinen Augen unsinnig. Denn in der deutschen Sprache ist das letztere eines zusammengesetzten Wortes dasjenige, welches die primäre Bedeutung des Gesamtwortes ausmacht. Das Erste beschreibt das Zweite nur genauer. So wie in dem Wort „Vogelkäfig“. Primär ist es ein Käfig. Das Wort Vogel beschreibt die Art des Käfigs nur näher. Daher sollte es doch Turko-Deutsche heißen. Damit könnte ich mich eher abfinden, da das Wort die gleiche Struktur wie Afro-Deutsche oder Afro-Amerikanerin hat. Man ist Deutsche – mit türkischen Wurzeln. Turko-Deutsche würde demnach als einziges Wort wirklich passen. Deutsch-Türken sind wir nicht. Dem Wort nach sind dies nämlich Türken mit deutschen Wurzeln. Und dies impliziert wieder, dass man nicht in dieses Land gehört. Ich bin nämlich de facto keine Türkin – ich bin Deutsche. Und das Wort Deutsch-Türke wird für meine Begriffe inflationär gebraucht, scheinbar so, als ob sich nie jemand Gedanken darüber gemacht hat. Ich glaube aber an die Macht der Worte. Daher denke ich, dass es äußerst wichtig ist, die richtigen oder zumindest treffenden Begrifflichkeiten zu verwenden.

In diesen Schulklassen fragen wir die Schüler nach der eigenen Identität und stellen nicht nur hier fest, dass das Konstrukt des Lokalpatriotismus in Deutschland mittlerweile wunderbar funktioniert. „Ich bin Berliner“ und „Kreuzberg for Life“ sind nur einige dieser Antworten.

Integration impliziert beispielsweise, dass man draußen steht und Anstrengungen in Kauf nehmen muss, um in eine „Gruppe“ aufgenommen werden zu können. Die nächste Frage lautet dann natürlich, wer diese Gruppe genau ist und wer dazu befugt ist, einen Menschen per Ritterschlag zum Integrierten zu ernennen?

Der Begriff Migrant (auch Migrationshintergrund) hat ebenfalls diesen exkludierenden Charakter, der besagt, dass man hier fremd ist und sich gefälligst auch fremd fühlen solle. Man ist hierher gekommen und kein bereits bestehender Teil dieser Gesellschaft. Ich bin aber hier geboren – wie kann ich dann ein „Migrant“ sein? Der in die Medien zurückgekehrte Begriff Ausländer verschärft diese Ansicht weiter.

Worüber wir uns sicherlich ohne große Mühe alle einig sind, ist, dass es niemandem behagt, wenn er sich ausgeschlossen fühlt. Wenn wir uns darauf aufbauend einig darüber werden, welche Wortwahl wir gebrauchen, wird dies einen ersten wichtigen Beitrag für den Respekt untereinander leisten. Ein Neudeutscher sollte sich hier genauso heimisch fühlen dürfen, wie ein Altdeutscher.

Aus diesen und anderen Gründen ist meine ablehnende Haltung gegenüber der Verwendung dieser exkludierenden Worte so verhärtet. Und bis wir soweit sind, uns gegenseitig „nur“ als Deutsche zu sehen und zu bezeichnen, verwende ich die Brückenbegriffe Altdeutsch und Neudeutsch. Zugegeben stellen auch sie nicht den Idealzustand in unserer Vorstellung der wirklichen Einigkeit dar. Trotzdem sind sie inkludierend und meiner typisch deutschen Meinung nach ein Schritt in die richtige Richtung.

Es ist immer einfacher zu spalten, als zu einen. Und als Bürgerin dieses Landes erachte ich es als enorm wichtig, mit allen hier lebenden Menschen an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten – dieses Ziel führt über die Einigkeit darüber, dass wir alle nebeneinander und uns keineswegs gegenüber stehen. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf die Dinge lenken, die uns verbinden – die uns einen. Unsere Zukunft, das ist im Zuge des demografischen Wandels mittlerweile jedem klar, wird durch unsere Jugend getragen. Genau aus diesem Grund umfasst meine Vereinsarbeit als Hauptaugenmerk ein Schulprojekt.

In diesen Schulklassen fragen wir die Schüler nach der eigenen Identität und stellen nicht nur hier fest, dass das Konstrukt des Lokalpatriotismus in Deutschland mittlerweile wunderbar funktioniert. „Ich bin Berliner“ und „Kreuzberg for Life“ sind nur einige dieser Antworten. Diese Zugehörigkeit auf das Land zu übertragen, in dem Berlin/Kreuzberg nun einmal liegt, fällt manch einem Neudeutschen sichtlich schwer. Auf die Nachfrage zu diesem Umstand erfolgt nur eine klare Antwort: „Sie wollen uns nicht hier haben!“ Dass es Altdeutsche gibt, die dies tatsächlich nicht wollen, ist auch mir bitterlich klar. Dennoch ist mir diese Sichtweise zu einseitig und Verallgemeinerungen sind bekanntlich nie hilfreich. Wer das Selbstvertrauen besitzt, um sich als Deutscher zu definieren, wird endlich seine Wurzeln „schlagen“ (dürfen) und mit dieser Tatsache entwickelt sich dann auch eine Aufnahme der Verantwortung für das Handeln in seinem eigenen Land.

Die Vorgehensweise dazu ist für mich klar: definieren statt integrieren. Wer sich als Deutsche/r definiert, muss sich nicht integrieren – er gehört dazu. Diese Sichtweise wirkt sich motivierend auf die Neudeutschen aus, da sie damit selbst verinnerlichen, dass sie sich nicht „einfügen“ müssen, sondern vielmehr, genau wie alle anderen Menschen, fest hier verankert sind. Das Gefühl der Zugehörigkeit wird gestärkt, was wiederum bewirkt, dass eine Motivation zur Reflexion der eigenen Schwächen steigt. Wir müssen uns demnach auf unsere Stärken konzentrieren, anstatt uns gegenseitig immerzu auf unsere Defizite hinzuweisen.

Solange wir uns nicht darüber einig werden, dass wir alle uneingeschränkt zu dieser Gesellschaft gehören, werden sich die Fronten zwischen Alt- und Neudeutschen weiter verhärten. Und das wäre für uns alle von Nachteil.

Ein türkisches Sprichwort besagt, dass an einer Hand kein Finger dem anderen gleicht – dennoch hat jeder Einzelne seinen berechtigten Platz. Wieso sollte es dann in unserer Gesellschaft anders sein?

Demnach gilt es für uns sowohl den Altdeutschen aufzuzeigen, dass wir ein fester, gleichwertiger Teil unserer gemeinsamen Heimat sind, als auch den Neudeutschen zu vermitteln, dass sie deutsch sein „dürfen“, ohne damit ihr Herkunftsland zu „verraten“. Dies ist der Punkt, über den wir Einigkeit erlangen müssen – auf beiden Seiten. Das Deutschsein muss folglich neu definiert werden. Ein Joshua, eine Sezen, ein Max oder auch ein Abdullah gehören unweigerlich hierher – denn wir sind typisch deutsch, wie alle anderen Menschen in unserem Land auch. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, für die Einigkeit in unserer Heimat einzutreten – und dieses Ziel erreichen wir nur als Kollektiv.

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