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"Boatpeople"

Vor 40 Jahren startete die Nothilfeaktion Cap Anamur

Viele glaubten irgendwann nicht mehr, dass sie überleben würden. Von Piraten überfallen, von Hitze, Hunger und Durst gequält, verloren Vietnamesen in ihren Booten jede Hoffnung. Doch manche dieser Boatpeople wurden vor 40 Jahren gerettet.

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Die vietnamesische Flagge © Stefan @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONCornelius Pape

DATUM9. August 2019

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Thomas Nguyen kauerte an Deck, als er Schreie hörte und durch eine Luke sah, wie eine Frau vergewaltigt wurde. Piraten hätten das Flüchtlingsboot überfallen, Messer gezückt und alles Wertvolle geraubt, erzählt der heute 71-jährige Vietnamese über seine Flucht vor rund 40 Jahren: Die Lage im Südchinesischen Meer schien aussichtslos. Doch dann tauchte die „Cap Anamur“ auf, ein in Deutschland gechartertes Rettungsschiff. „Ich fühlte mich wie neugeboren“, sagt der in Hamburg lebende Nguyen über seine Rettung im März 1980.

Während des Vietnamkrieges (1964-1975) war er Pilot der südvietnamesischen Luftwaffe. Als der kommunistische Norden siegreich aus dem Konflikt hervorging, demonstrierte das Regime seine Macht an den Verlierern, wie an Nguyen, der in Kriegsgefangenschaft geriet. Viele Vietnamesen wurden wie er für Jahre unter miserablen Bedingungen festgehalten, andere in sogenannte Umerziehungslager verschleppt, gefoltert oder grausam hingerichtet.

Wer entkommen konnte, versuchte zu fliehen. Wie Nguyen stiegen Hunderttausende in Boote und fuhren hinaus aufs Meer. Viele dieser Boatpeople starben auf hoher See. Aber die, die gerettet wurden, seien auch heute noch unglaublich dankbar, sagt Christel Neudeck (76). Es ist 40 Jahre her, dass Rupert Neudeck mit seiner Ehefrau Christel und einigen Freunden das Komitee „Ein Schiff für Vietnam“ gründete – das später nach dem Rettungsschiff in Cap Anamur umbenannt wurde.

Cap Anamur heute eine Erfolgsgeschichte

„Heute gilt Cap Anamur als Erfolgsgeschichte – doch damals war das absolut nicht immer der Fall“, sagt Christel Neudeck mit Blick auf die Anfangsjahre. Rupert Neudeck starb 2016. Mit dem gecharterten Schiff, das am 9. August 1979 von Japan aus Richtung Südchinesisches Meer auslief, konnten bis 1986 etwa 10.000 Menschen gerettet werden.

Info: Cap Anamur veranstaltet am 31. August 2019 die Jubiläumsfeier „40 Jahre Cap Anamur – 40 Jahre Leben retten“. Die Veranstaltung findet im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum statt. Redner sind unter anderem Armin Laschet, Günther Wallraff und Christel Neudeck.

„Die große Bereitschaft in der deutschen Bevölkerung war fantastisch“, sagt Christel Neudeck und berichtet von positiven Reaktionen zur Aufnahme der Vietnamesen. Das Anmieten der „Cap Anamur“ sei ganz über Spenden aus der Bevölkerung finanziert worden, während viele Politiker keine große Bereitschaft zur Hilfe gezeigt hätten. Immer wieder habe man aufs Neue zäh verhandeln müssen, welches Bundesland wie viele Menschen aufnehme.

„Ich dachte, dass ich das nicht überleben würde“

Den Ausschlag für die Hilfsinitiative gab die katastrophale Situation der Geflüchteten im Südchinesischen Meer. Während die Menschen lange in maroden und überladenen Booten darauf hofften, gerettet und von Nachbarstaaten Vietnams aufgenommen zu werden, litten sie unter Hunger und Durst, sengender Hitze und Unwettern. Immer wieder wurden Boatpeople von Piraten überfallen, vergewaltigt und erniedrigt.

Die Piraten hätten vor allem nach Geld und Gold gesucht, erzählt Huyen-Tran Chau (56), die im Dezember 1981 in ein seeuntaugliches Boot gestiegen war. „Ich dachte, dass ich das nicht überleben würde“, sagt Chau – und berichtet von einem Überfall, bei dem der Piraten-Kapitän sie holen ließ und ihre Bluse aufknöpfte: „Ich weiß nicht warum, aber er knöpfte sie wieder zu und ließ mich gehen. Ich hatte großes Glück“, sagt die heute in Gießen lebende Alterspädagogin, die kurz nach diesem Erlebnis von der „Cap Anamur“ aufgenommen wurde.

Cap Anamur bis heute im Einsatz

Auch heute ist der Verein „Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte“ mit Sitz in Köln im Einsatz für Flüchtlinge, allerdings nicht mit einem eigenen Rettungsschiff, sondern ausschließlich an Land im Sudan, im Libanon und in Somalia. Er widmet sich vor allem dem Bau von Schulen und Krankenhäusern, der Ausbildung medizinischen Personals und der Versorgung von Menschen in Not.

Für Christel Neudeck bleibt die Seenotrettung eine moralische Notwendigkeit. „Ich bin traurig darüber, dass offenbar eine mutlosere Zeit angebrochen ist“, sagt sie mit Verweis auf die ihrer Ansicht nach geringere Aufnahmebereitschaft heute. Hilfe dürfe nicht davon abhängen, ob ein Mensch ökonomisch verwendbar sei oder woher er komme: „Dass man Menschen nicht ertrinken lassen darf, das ist eine absolute Selbstverständlichkeit.“ (epd/mig)

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Ein Kommentar
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  1. Peter Enders sagt:

    In Urbana-Champaign (Illinois) aß ich regelmäßig in einem kleinen Restaurant von Boots-Flüchtlingen. Es war überaus sympathisch anzuschauen, wie die Töchter mithalfen, sobald sie aus der Schule zurückgekehrt waren. Weshalb sie geflohen waren, habe ich mich nicht getraut zu fragen.
    Herr Nguyen hat aktiv an einem der grausamsten und rücksichtslosesten Kriege teilgenommen, und zwar nicht als Wehrpflichtiger. Die Grausamkeiten der einen Seite rechtfertigen nicht die Grausamkeiten der anderen Seite, machen sie jedoch mitunter verständlich. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass Nord-Vietnam massenhaft Gift über USA-Wälder versprüht hat. Dass sich die USA ihrer Schandtaten heimlich geschämt hat, wird im Film „Rocky“ deutlich. Der Vietnam-Veteran Rocky sagt gegen Filmende zu seinem Ausbilder: „Wir möchten doch nur, dass unser Land uns so liebt, wie wir es lieben.“
    Hier wird so getan, als sei die Lage dieser Menschen die gleiche gewesen wie die der politisch und rassistisch Verfolgten im 3. Reich. Ich sehe da ganz erhebliche Unterschiede.



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