MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.

Hessischer Integrationsminsiter Jörg-Uwe Hahn (FDP), Frankfurter Neue Presse, 7.2.2013

Tränenmeer

Kirchentag geißelt Umgang mit Bootsflüchtlingen und Seenotrettern

Flucht und Migration sind in der öffentlichen Diskussion zuletzt in den Hintergrund gerückt: Die große Flüchtlingszuwanderung von 2015 ist vorbei, und die Klimadebatte überlagert auch dieses Thema. Aber nicht beim Kirchentag: Dort fallen klare Worte.

Kirche © Sebastian Rittau @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Kirche © Sebastian Rittau @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Ausgelassene Stimmung, Tanz, wummernde Bässe – und dann plötzlich Stille: Vor Beginn eines großen Open-Air-Konzerts mit Adel Tawil in der Dortmunder Innenstadt halten am letzten Abend des evangelischen Kirchentages mehr als 15.000 Menschen auf dem überfüllten Hansaplatz fünf Minuten schweigend inne und gedenken der im Mittelmeer ertrunkenen Bootsflüchtlinge. Banner mit den Namen zehntausender Opfer wurden kurz zuvor in einem Trauermarsch zur Reinoldikirche, dem Dortmunder Wahrzeichen, getragen und dort unter Glockengeläut am Turm hochgezogen – zwei Tage lang hatten Teilnehmer sie aufgeschrieben. Der Kirchentag legt den Finger in eine offene Wunde Europas.

Von Skandal und einer Schande für die europäischen Staaten ist in Dortmund mehrfach die Rede, von Todesbooten in einem Tränenmeer, von einem Friedhof der Menschenrechte. „Europa verliert seine Seele, wenn wir so weitermachen“, mahnt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. „Europa darf nicht töten, auch nicht durch unterlassene Hilfeleistung“, sagt Kirchentagspräsident Hans Leyendecker und spricht von einem Verbrechen: „Man lässt zur Abschreckung die Flüchtlingsboote untergehen und die Flüchtlinge ertrinken.“

„Ein Skandal“

Als „Roter Faden Migration, Integration, Anerkennung“ durchzog das Thema mit mehr als hundert Diskussionen, Workshops, Ausstellungen und Aktionen das gesamte Programm und bildete damit einen Schwerpunkt des fünftägigen Kirchentages, de am Sonntag zu Ende ging. „Gemeinsam haben wir ein starkes Signal für humanitäres Handeln und gegen jedes ‚Weiter so‘ gesetzt“, bilanzierte die Schirmherrin, Präses Annette Kurschus von der gastgebenden Evangelischen Kirche von Westfalen. Die Bandbreite reichte von Kirchenasyl über die Rolle von Religionen im Zusammenleben bis zu Integration im Sport.

Im Brennpunkt stand aber vor allem die Seenotrettung. Auf der Flucht vor Krieg, Terror und Not seien allein in den vergangenen fünf Jahren 18.000 Menschen zwischen Afrika und Europa ums Leben gekommen, 500 Tote seien es bereits in diesem Jahr, sagte Kurschus. „Das ist ein Skandal.“ Die unter anderem von Kirchen, Pro Asyl, Sea-Watch und dem Bündnis „Seebrücke“ getragene Banner-Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“ sollte auf die vielen Schicksale aufmerksam machen, auch die von unbekannten Toten – für sie blieben Leerstellen auf den Transparenten an der Reinoldikirche.

Rekowski: Verfehlte EU-Politik

Der EKD-Migrationsbeauftragte Manfred Rekowski nannte die Toten Opfer einer verfehlten EU-Politik. „Mit jedem Ertrunkenen kommt auch unsere eigene Humanität und Würde in Gefahr“, warnte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. „Was im Mittelmeer passiert, ist eine Schande“, sagte auch der Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, der einst auf den Todeslisten der Mafia stand und von Leyendecker als einer der wichtigsten Streiter für Menschenrechte in Europa gewürdigt wurde. Migration gebe es zu allen Zeiten in allen Gesellschaften, und der heutige Umgang damit widerspreche der eigenen Kultur und Geschichte.

Orlando warb auf einem Podium vor mehreren tausend Menschen eindringlich für die Initiative „Sichere Häfen“, der sich in Deutschland rund 60 Städte angeschlossen haben – sie wollen Bootsflüchtlinge aufnehmen. Bedford-Strohm sagte dazu in Richtung Bundesregierung: „Die Bereitschaft und die Möglichkeiten sind da, niemand kann mehr sagen, wir können die Flüchtlinge nicht aufnehmen.“

Lackmustest

Der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) kritisierte, dass die Bundesregierung bislang nicht auf das Angebot der Kommunen eingegangen sei. Die Rettung von Flüchtlingen aus Seenot sei „der Lackmustest, ob wir ein zivilisiertes Europa und ein zivilisiertes Land sind“.

Scharf fiel auch die Kritik an der Kriminalisierung von Seenotrettern aus. Nicht diejenigen Menschen müssten sich rechtfertigen, „die im Moment als einzige überhaupt noch Leben retten, sondern diejenigen, die es verhindern“, verlangte Bedford-Strohm. Die EKD muss nun überlegen, ob sie selbst noch stärker aktiv wird: Teilnehmer des Kirchentages forderten sie in einer Resolution auf, ein eigenes Schiff zur Seenotrettung ins Mittelmeer zu schicken. (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

Ein Kommentar
Diskutieren Sie mit!»



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...