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Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010

Schüsse in Heilbronner Bäckerei

Daimagüler: „Tatbegehung und Opferauswahl ähnelt NSU-Morden sehr.“

Die Empörung im Netz über den Pistolen-Angriff auf eine türkeistämmige Kassiererin mit Kopftuch in einer Heilbronner Bäckerei reißt nicht ab. Spekuliert wird über einen NSU-Zusammenhang. Die Polizei winkt ab. NSU-Opferanwalt Daimagüler widerspricht im Gespräch mit dem MiGAZIN.

Mehmet Gürcan Daimagüler vertritt im NSU-Prozess die Angehörigen von zwei Mordopfern © Heinrich-Böll-Stiftung @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Mehmet Gürcan Daimagüler vertritt im NSU-Prozess die Angehörigen von zwei Mordopfern © Heinrich-Böll-Stiftung @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Ein 30-jähriger Mann betritt eine Bäckerei und schießt mit einer Pistole auf die Kassiererin hinter dem Tresen und flüchtet. Der Laden gehört einem Kleingewerbetreibenden mit türkischen Wurzeln. Die Kassiererin ist ebenfalls türkeistämmig, muslimisch und trägt ein Kopftuch. Sie kommt mit dem Schrecken davon. Der Täter schoss nicht scharf, sondern mit einer Luftdruckpistole.

In sozialen Netzwerken zieht ein Video der Sicherheitskamera, das das Geschehen zeigt, große Kreise. Viele Nutzer spekulieren über einen Zusammenhang mit den NSU-Morden. Die Polizei hingegen sieht keine Verbindung zum NSU. Das sei „an den Haaren herbeigezogen“. NSU-Opferanwalt Mehmet Gürcan Daimagüler widerspricht der Polizei im Gespräch mit dem MiGAZIN. Den NSU-Bezug nicht zu sehen, das sei an den Haaren herbeigezogen.

MiGAZIN: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hält den Migrationshintergrund des Opfers sowie das Kopftuch der Kassiererin für nicht erwähnenswert in ihrer Pressemitteilung. Auf die polnischen Wurzeln des Tatverdächtigen weist sie aber hin.

Mehmet Daimagüler: Beides überrascht mich – leider – nicht. Hate-Crime-Aspekte wie Islamophobie, Rassismus oder Antisemitismus werden bei vielen Straftaten vonseiten der Polizei immer wieder nach Möglichkeit ignoriert, obgleich es oft eindeutige Indizien gibt. Dabei ist oftmals die Auswahl des Opfers ein deutliches Indiz gerade dann, wenn es keine persönliche Beziehung zwischen Tatverdächtigem und Opfer gibt, wie im Heilbronner Fall.

Die Tatsache, dass die Nationalität von Tatverdächtigen in aller Regel nur dann explizit genannt wird, wenn es sich nicht um einen Deutschen handelt, muss nicht weiter kommentiert werden. Ich denke, dass sich jeder vorstellen kann, warum das so ist.

Wie schätzen Sie die Aufregung im Netz ein? In sozialen Netzwerken spekulieren viele Nutzer über einen Zusammenhang mit dem NSU?

Mehmet Daimagüler: Man muss abwarten und schauen, was ermittelt wird. Dass die Menschen sofort einen NSU-Zusammenhang herstellen, kann man ihnen nicht verdenken. Gerade weil in den letzten Wochen das Thema NSU medial wieder so präsent war.

Sehen Sie Ähnlichkeiten zu den NSU-Morden? Wenn ja, welche?

Mehmet Daimagüler: Der Ablauf der Tat in Heilbronn – ausgerechnet Heilbronn – ähnelt ja hinsichtlich Tatbegehung und Opferauswahl sehr den NSU-Morden. Insbesondere kannten sich Tatverdächtiger und Opfer nicht. Zudem war das Opfer Muslimin bzw. Türkischstämmig und Kleingewerbetreibende bzw. Angestellte eines Kleingewerbebetreibers. Es wurde auch kein Bekennerschreiben hinterlassen und eine – wenn auch unscharfe – Schusswaffe benutzt. Schließlich und endlich wurde die Tat am helllichten Tag begangen und das in einer Stadt, wo der NSU bereits einen Mord begangen hatte.

Dem Polizeisprecher zufolge ist eine Verbindung zum NSU „an den Haaren herbeigezogen„. Ist ein Zusammenhang wirklich abwegig?

Mehmet Daimagüler: Den NSU-Bezug nicht zu sehen – das ist an den Haaren herbeigezogen.

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