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Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Gesinnungsprüfung

Theologe kritisiert behördliche Einmischung bei Flüchtlingstaufen

Theologen werfen Behörden Gesinnungsprüfungen bei Anhörungen vor. Bei Abfragen werde Wissen als Fleißleistung abgetan, Wissenslücken als Täuschungsversuch gewertet. Derweil meldet die Evangelische Kirche mehr taufen von Flüchtlingen.

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Ein Kirchenturm © H. Füller @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Der evangelische Theologe und Migrationsexperte Thorsten Leißner hat behördliche Einmischungen bei Erwachsenentaufen von Flüchtlingen kritisiert. Bei staatlichen Anhörungen habe er wiederholt regelrechte „Gesinnungsprüfungen“ erlebt, sagte Leißner am Montag bei einem Fachtag der hannoverschen Landeskirche in Hannover. Er mahnte: „Der christliche Glaube ist grundsätzlich nicht überprüfbar.“ Allerdings müsse der Staat selbstverständlich prüfen, welche Gefahren sich ergäben, sollte ein getaufter Flüchtling abgeschoben werden.

Leißner war bis 2016 theologischer Referent für Menschenrechte und Migration der Evangelische Kirchen in Deutschland (EKD). Unter anderem habe er bei seiner Arbeit beobachtet, wie Flüchtlinge zu ihrem Glauben ausgefragt worden und dabei in Zwickmühlen gerieten seien. So seien etwa Gebete oder Glaubensbekenntnisse abgefragt worden. „Wenn dann jemand etwas richtig aufsagte, wurde das als bloße Fleißleistung abgetan. Antwortete jemand zögerlich oder gar nicht, hieß es, derjenige könne es nicht sonderlich ernst meinen mit dem Christentum.“

Kirche: Mehr Taufen von Flüchtlingen

Ende Juni hatte die Evangelische Kirche mehr taufen von Flüchtlingen gemeldet. Im Jahr 2016 habe es in westfälischen Gemeinden mindestens 835 solcher Taufen gegeben. In den Jahren 2013 bis 2015 waren es insgesamt schätzungsweise lediglich rund 200 Taufen. Von den im vergangenen Jahr Getauften kamen nach einer Erhebung 506 aus dem Iran, 137 aus Afghanistan und 49 aus Pakistan. Die übrigen kamen aus anderen Ländern oder machten keine Angaben dazu.

Besorgt äußerte sich der landeskirchliche Zuwanderungsbeauftragte Helge Hohmann über die steigende Zahl abgelehnter Asylanträge von getauften Flüchtlingen. Dabei gebe es oft „äußerst problematische Begründungen“ des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Zwar müssten das Bundesamt und die Gerichte ausschließen, dass ein Übertritt zum Christentum allein taktische Gründe habe, räumte Hohmann ein. Es werde jedoch kaum berücksichtigt, dass der taufende Pfarrer „selbstverständlich sorgfältig geprüft hat, wie ernst es der betreffenden Person damit ist“.

Mangelhafte Übersetzungen

Die Kirchen hätten ein hohes Verantwortungsbewusstsein gegenüber Taufen von Flüchtlingen, betonte der Leißner. Transparenz und klare Kriterien seien für eine Erwachsenentaufe unabdingbar. „Ob es Menschen mit oder ohne Zuwanderungsgeschichte sind, spielt beim Taufbegehren keine Rolle.“

Für Flüchtlinge sei es dennoch bis heute nicht immer einfach, sich den christlichen Glauben anzueignen, sagte Leißner. „Aktuell mangelt es noch immer an der Qualität von Übersetzungen in Glaubenskursen.“ Es sei durchaus vorgekommen, dass ein Übersetzer die christliche Terminologie nicht verstanden habe. „Da wurde dann aus der Trinität das heilige Dreieck. Das mag in anderen Zusammenhängen erheitern, in einer solchen Situation ist es aber fatal.“ (epd/mig)

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