MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Danke, dass Sie gekommen sind, sich mit Ihrem Fleiß und Ihrer Kraft für unser Land eingesetzt haben, und danke, dass Sie geblieben sind.

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Unicef-Studie

Dauerhafter Kinderarmut in Einwandererfamilien

Die meisten Kinder in Deutschland wachsen in Wohlstand auf. Abgehängt bleiben jedoch häufig Kinder von Alleinerziehenden und Einwanderern. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef fordert mehr Teilhabe für die Betroffenen.

Kinder, Jugendliche, Spielen, Silhouette, Schatten
Spielende Kinder © broma auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef warnt vor dauerhafter Kinderarmut auch in Deutschland. Zwar wüchsen die meisten Mädchen und Jungen im internationalen Vergleich in begünstigten materiellen und sozialen Verhältnissen auf, betonte der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Jürgen Heraeus, am Donnerstag in Berlin. Dennoch gebe es ein deutlich höheres Risiko insbesondere bei Kindern von Alleinerziehenden sowie in eingewanderten Familien.

Auffällig sei eine regional sehr unterschiedliche Verteilung von relativer Kinderarmut in Deutschland, sagte der Berliner Mikrosoziologe Hans Bertram, der für Unicef eine entsprechende Analyse erstellt hat. Als Indikator für relative Kinderarmut in Deutschland gilt, wenn die Familie weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommen) zur Verfügung hat. Demnach wachsen in manchen Städten im Ruhrgebiet wie Essen oder Dortmund oder auch in Berlin zwischen 30 und 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren in Haushalten auf, die von staatlichen Transferleistungen wie Hartz IV leben. In München seien es dagegen nur zehn Prozent.

Auch habe sich die Situation vor allem in den neuen Bundesländern deutlich verbessert: So gebe es in Dresden nur noch 15 Prozent der Kinder, die von sozialen Transferleistungen lebten. In Leipzig habe sich der Wert in den vergangenen Jahren von 40 auf 25 Prozent verbessert, betonte der Wissenschaftler.

Risikogruppen: Eingewanderte und Alleinerziehende

Den Angaben zufolge tragen Kinder von Alleinerziehenden ein doppelt so hohes Risiko, in relativer Armut aufzuwachen, wie ihre Altersgenossen in Familien mit beiden Elternteilen. Unicef verwies darauf, dass Mitte der 1990er Jahre in Deutschland rund zehn Prozent aller Kinder bei alleinerziehenden Müttern aufwuchsen, heute seien es etwa 16 Prozent. „Diesen Wandel der Lebensformen, der für einen Großteil der relativen Kinderarmut verantwortlich ist, hat Deutschland bisher familien- und steuerpolitisch noch nicht verarbeitet“, kritisierte Heraeus.

Besonders häufig arm seien zudem Kinder aus eingewanderten Familien, deren Mütter selbst keine Schul- oder Berufsausbildung haben. So seien 2011 – bereits vor der verstärkten Flüchtlingseinwanderung – etwa in Essen 35 Prozent aller Kinder, deren Mütter einen Migrationshintergrund haben, von relativer Armut bedroht gewesen. In Hamburg seien es 20 und in München zehn Prozent gewesen.

Zukunftsbild: Soziale Abhängigkeit

„Wenn Kinder und Jugendliche erleben, dass ihre Familien völlig von staatlichen Sozialleistungen abhängen, wird ein Zukunftsbild sozialer Abhängigkeit statt Selbstständigkeit und Selbstverantwortung vermittelt“, erklärte der Soziologe Bertram. Heraeus betonte: „Trotz vieler Investitionen und einer vergleichsweise guten Wirtschaftlage ist es in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht gelungen, die Chancen für benachteiligte Kinder deutlich zu verbessern.“

Unicef fordert mehr Anstrengungen von Bund, Ländern und Gemeinden, um die Teilhabe benachteiligter Kinder zu stärken. So sollten zum Beispiel spezielle Leistungen für Familien wie etwa eine Kindergrundsicherung entwickelt werden, damit alle Kinder unabhängig von der Lebensform ihrer Eltern vor Armut geschützt werden könnten. Spezielle Qualifizierungsangebote für Mütter und junge Frauen mit Migrationshintergrund und ohne Schul- oder Berufsausbildung seien zudem „ein Schlüssel für die Förderung und die Integration ihrer Kinder“. (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...