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Migration und Integration in Deutschland

Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.

Hessischer Integrationsminsiter Jörg-Uwe Hahn (FDP), Frankfurter Neue Presse, 7.2.2013

Geheimnis der Integrationsdebatte

Muslime engagieren sich mehr als viele glauben wollen

In politischen Forderungskatalogen wird von Migranten – gemeint sind meist die Muslime – mehr soziales Engagement gefordert. Doch was wissen wir eigentlich darüber? Eine aktuelle Forschungsstudie gibt Antworten und widerlegt zahlreiche Vorurteile. Von Mario Peucker

Muslime, Islam, Moschee, Männer, Freunde
Muslime © Maks Karochkin @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMario Peucker

Mario Peucker promovierte in Politischer Soziologie und Islamwissenschaften an der University of Melbourne und forscht derzeit an der Victoria University (Melbourne) zu Fragen der muslimischen Gemeindearbeit und zu staatsbürgerschaftlichen Beteiligung von ethnisch-religioen Minderheiten aus international vergleichender Perspektive. Zwischen 2003 und 2010 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am europäischen forum für migrationsstudien (efms) in Bamberg tätig. Nach seinem ersten Buch Active Citizenship in the West (2014, Routledge) erschien kürzlich seine zweite Monographie Muslim Citizenship in Liberal Democracies (2016, Palgrave).

DATUM12. Oktober 2016

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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Die Terminologie der öffentlichen und politischen Integrationsdebatten hat sich über die Jahrzehnte gewandelt – vom „Gastarbeiter“ der 1970er zum „Ausländer“ der 1980er und 1990er, dann kamen die „Menschen mit Migrationshintergrund“ und seit einigen Jahren reden wir primär von „den Muslimen“. Die Themen haben sich aber kaum geändert: es geht nach wie vor um (vermeintliche) Integrationsdefizite: unterdurschnittliche Erwerbs- und Bildungsbeteiligung, Sprachdefizite, soziale Isolation und sozialräumliche Segregation, angeblich mangelhafte Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft und unzureichende Identifikation mit deutschen (‚leitkulturellen‘) Werten und Normen. Die wichtigste Neuerung der letzten Jahre besteht lediglich darin, dass nun auch noch verstärkt über die Radikalisierung von jungen Muslimen debattiert wird.

Doch diese thematische Ausrichtung auf angebliche Integrationsproblem ist bei Weitem nicht der einzige Blickwinkel, mit dem man auf das Leben von Menschen blicken kann, die selbst oder deren Eltern oder (Ur-)Grosseltern nach Deutschland eingewandert sind und die nun hier zuhause sind (integriert oder ‚un-integriert‘, wer auch immer das beurteilen mag). Was bislang nahezu völlig unerwähnt geblieben ist, ist ihr aktives zivilgesellschaftliches und politisches Engagement. In politischen Forderungskatalogen liest man zwar regelmäßig von der Integrationskraft zivilgesellschaftlicher Beteiligung und dass sich ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ – gemeint sind meist die Muslime – mehr engagieren sollen. Doch was wissen wir eigentlich wirklich darüber?

Eine kürzlich erschienene Forschungsstudie zur staatsbürglichen Beteiligung von Muslimen gibt dazu Antworten – und sie widerlegt dabei eine ganze Reihe weit verbreiteter Vorurteile über die (des)integrative Rolle von muslimischen Gemeindeorganisationen und die (Un)Vereinbarkeit von Islam mit liberalen, demokratischen Grundprinzipien in westlichen Gesellschaften.

Die Studie basiert auf intensiven Interviews mit 30 Muslimen, die ausgewählt wurden, weil sie sich auf die eine oder andere Art politisch und/oder zivilgesellschaftlich engagieren. Die Ergebnisse sind nicht statistisch repräsentativ; vielmehr will die Studie individuelle Erfahrungen, Motive und Ziele dieser aktiven Staatsbürger islamischen Glaubens ausleuchten und darin bestimmte Partizipationsmuster aufdecken. Durchgeführt wurde die Studie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Australien; dieser Ländervergleich erlaubte zusätzliche Einblicke in die Bedeutung bestimmter politischer Rahmenbedingungen (‚politische Gelegenheitsstrukturen‘) für die Art und Weise, in der Muslime aktiv partizipieren, sei es in der Moscheegemeinde, einem nichtmuslimischen Verein oder in der Politik.

Engagement ist komplex und vielfältig

Das zivilgesellschaftliche oder politische Engagement von Muslimen ist viel komplexer als man zunächst glauben mag. Dies gilt sowohl für Australien wie auch für Deutschland. Die allermeisten Befragten berichteten von einer vielschichtigen und oft langjährigen Engagementbiografie. Viele von ihnen waren als Freiwillige sowohl in muslimische wie auch nicht-muslimische zivilgesellschaftlichen Gruppen (z.B. Gewerkschaften) und/oder in politischen Organisationen (z.B. Parteien) tätig, und oft engagierten sie sich auch noch unabhängig davon, etwa als freiwillige Wahlhelfer, Schöffen oder als politische Blogger.

Insbesondere muslimische Gemeindeorganisationen spielen eine zentrale Rolle für aktive Staatsbürger islamischen Glaubens. Dies bestätigt die Ergebnisse anderer, representativer Studien in Deutschland. Selbst einige der Befragten, die wegen ihres Engagements in nichtmuslimischen Kontexten (z.B. in einer Gewerkschaft oder als gewählter Stadtrat) ausgewählt wurden, erzählten während des Interviews von ihrer früheren oder noch andauernden Mitarbeit in Moscheen oder anderen mulimischen Gemeindeorganisationen.

Muslimische Organisationen: Sprungbrett für gemeindeüberschreitende Zusammenarbeit

Diese Organisationen fungieren oft als niedrigschwellige Zugänge zu einem sich anschließend ausweitenden zivilgesellschaftlichen Engagements. Die meist informelle Freiwilligenarbeit innerhalb muslimischer Gemeindestrukturen hat entgegen weitverbreiteter Befürchtungen und Vorbehalte keine sozial isolierende und vermeintlich desintegrative Wirkung. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Ausnahmslos alle Befragten, die sich früher oder aktuell in der muslimischen Gemeindearbeit engagierten, berichten, dass ihre ehrenamtliche Tätigkeit dort letztendlich zu verstärkten sozialen Kontakten und Kooperationen mit nichtmuslimischen Akteueren der Zivilgesellschaft oder der Politik führte. Diese sozial integrativen Effekte findet man auch bei den Befragten, die sich als aktive Staatbürger in muslimischen Gemeindeorganisationen engagieren, welche vom Verfassungsschutz als ‚legalistische Islamisten‘ eingestuft und beobachtet werden (z.B. Islamische Gemeinde Deutschland, IGMG). Auch dort werden lokale Netzwerke aufgebaut, die letztendlich deren zivilgesellschaftliches Engagement weiter beflügeln und politisches Engagement wahrscheinlicher und effektiver machen.

Ziele: Gesamtgesellschaftliche Verantwortung und Abbau von Vorurteilen

Aktive Staatsbürger islamischen Glaubens nennen verschiedenste Gründen für ihr vielfältiges Engagement. Folgende vier Ziele lassen sich idealtypisch identifizieren.

  • Dienst am Mitmenschen und Beitrag zum Wohle der Gesamtgesellschaft
  • Untersützung von benachteiligten Gruppen innerhalb der Gesellschaft, z.B. sozial Schwache, Frauen oder Migranten allgemein (nicht speziell Muslime!)
  • Abbau von Vorurteilen gegenüber Muslimen oder dem Islam
  • Beitrag zum Wohlergeben der muslimischen Gemeinde

Obwohl die aktive Partizipation innerhalb muslimischer Organisationen von zentraler Bedeutung ist, engagiert sich nur eine sehr kleine Minderheit der Befragten in Deutschland und Australien primär zum Dienste ihrer eigenen muslimischen Gemeinde. Es dominieren hingegen Ziele, die sich um das Wohlergehen von muslimischen und nicht-muslimischen Mitmenschen gleichermaßen drehen. Ein ehrenamtlicher Moscheevorsitzender (der zugleich gewerkschaftlich sehr aktiv ist) beschrieb sein vielfältiges Engagement zum Beispiel wie folgt: ‚Es ist eine Gesamtgesellschaft und dafür hat jeder unabhängig von seiner Religion Verantwortung. Das will ich für mich bewusstmachen und auch anderen zeigen, dass das so ist.‘

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2 Kommentare
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  1. Roman sagt:

    Sehr geehrter Herr Peucker,

    vielen Dank für Ihre Erkenntnisse aus dem wichtigen Forschungsfeld der Engagementforschung. Im Artikel steht: „Repräsentative Studien aus den USA, Großbritannien, den Niederlanden und Australien haben empirisch nachgewiesen, dass Muslime, die sich aktiv am muslimischen Moschee- und Gemeindeleben beteiligen, auch signifikant häufiger in nichtmuslimischen Bereichen der Zivilgesellschaft engagiert und politisch aktiver sind.“. Geht diese Aussage auf den verlinkten March-Artikel (von 2006) zurück?
    Haben Sie (oder andere Leser dieses Beitrags) im Rahmen Ihrer Forschung vielleicht auch aktuellere (quantitative) Erhebungen zum Engagement von Muslimen oder Pers. mit Migrationshintergrund auch in Deutschland gelesen, die Sie hier verlinken oder bibliografieren könnten? Vielen Dank, Roman Lietz

  2. Mario Peucker sagt:

    Hallo Herr Lietz – und alle anderen Interessierten,

    Andrew March (2006) geht die Frage nach Vereinbarkeit von Islam un liberal-demokratischen Prinzipien theoretisch-theologisch an.

    Hier ein paar Hiweise zur empirischen Forschung bzgl der Aussage, dass ‚Muslime, die sich aktiv am muslimischen Moschee- und Gemeindeleben beteiligen, auch signifikant häufiger in nichtmuslimischen Bereichen der Zivilgesellschaft engagiert und politisch aktiver sind.“

    Jamal, A. (2005). The political participation and engagement of Muslim
    Americans: Mosque involvement and group consciousness. American Politics Research, 33 (4), 521–544.

    McAndrew, S., and M. Sobolewska. 2015. “Mosques and political engagement in Britain. Participation or segregation?” In Muslims and Political Participation in Britain, edited by T. Peace, 53–81. London: Routledge.

    Fleischmann, F., Martinovic, B., & Böhm, M. (2015). Mobilising mosques? The role of service attendance for political participation of Turkish and Moroccan minorities in the Netherlands. Ethnic and Racial Studies, 39 (5), 746–763.

    McAndrew, S., & Voas, D. (2014). Immigrant generation, religiosity and civic
    engagement in Britain. Ethnic and Racial Studies, 37 (1), 99–119.

    Read, J. G. (2015). Gender, religious identity, and civic engagement among
    Arab Muslims in the United States. Sociology of Religion, 76 (1), 30–48.

    Beste Gruesse
    Mario Peucker



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