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Was reimt sich auf Allah?

Flüchtlinge rappen über ihre Träume

Bei einem Rap-Workshop in Hannover lernen jugendliche Flüchtlinge abseits von Büchern und Sprachunterricht Deutsch: Sie schreiben, reimen und dichten ein Lied über ihre Zukunft.

VONKatharina Hamel

DATUM6. Mai 2016

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„Hey, was seid ihr denn heute so schüchtern?“, ruft der Rapper Spax in die Runde. Die Jungs und Mädchen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und dem Irak, die dicht gedrängt um ihn und den Laptop stehen und sitzen, kichern verlegen. „Wir machen das noch mal“, sagt der Kursleiter. Aus den Computer-Boxen ertönt ein eingängiger Beat mit wiederkehrendem Klavier-Solo. Drei, zwei, eins – dann legen die Flüchtlinge im Alter von 15 bis 17 Jahren los mit ihrem Sprechgesang: „Jeder Mensch hat einen Traum, ein Zuhause, Wurzeln wie ein Baum.“

Wurzeln – die Vokabel kannte Feven vor dem Rap-Workshop noch nicht. Drei Nachmittage lang hat sie zusammen mit sieben anderen Jugendlichen ihre Wünsche für die Zukunft in Reime und Raps formuliert. „Wir haben aufgeschrieben, wovon wir träumen“, sagt die 15-Jährige, die nach ihrer Flucht aus Eritrea 2014 ohne Familie in Deutschland ankam. Und so heißt es im Chorus: „Ich will leben so wie du. Ich will lernen so wie du.“

Auch ihre Flucht-Erlebnisse spielen in dem Lied eine Rolle. „Der Weg war lang und beschwerlich. Voller Hunger, voller Durst, jeder Schritt war gefährlich“, rappen die Jungen und Mädchen gemeinsam. Einige wippen dabei mit den Füßen oder dem Kopf im Takt, andere wirbeln die Hände durch die Luft, wie es auch berühmte Hip-Hopper bei Auftritten tun.

„Am Anfang wussten wir nicht, worüber wir schreiben oder reden sollen“, erzählt einer der Jungs. „Aber Spax hat uns sehr geholfen. Er ist ein guter Lehrer.“ Organisiert wurde der Kurs von der Internationalen A-cappella-Woche Hannover in Kooperation mit dem Bündnis „Niedersachsen packt an“ und dem Diakonischen Werk Hannover. Er soll den Jugendlichen die deutsche Sprache außerhalb von Sprachkursen und Büchern näher bringen. Der deutschsprachige Rapper Spax, der die Hip-Hop-Szene in Deutschland vor allem in den 90er Jahren geprägt hat, unterstützt sie dabei. Mit seinen politischen und sozialkritischen Texten und in Musik-Projekten für Jugendliche an Schulen und Theatern setzt er sich regelmäßig gegen Rassismus und Sexismus ein.

Der 43-jährige Kursleiter ist beeindruckt von den Sprachkenntnissen der Jugendlichen. „Es ist unfassbar, wie schnell die Jungs und Mädchen Deutsch lernen“, lobt der Hannoveraner, der eigentlich Rafael Szulc heißt. Einer der Teilnehmer sei erst seit zwei Monaten in Deutschland. Einen Dolmetscher hätten die Jugendlichen nicht benötigt. „Hände, Füße und Geduld haben gereicht.“

Beim Dichten und Texten hätten sie auch versucht, die Muttersprachen der Workshop-Teilnehmer in das Lied einzubauen, betont Spax. Dabei sei ihm bewusstgeworden, wie sehr sich deutsche und arabische Grammatik unterschieden. Anders als ins Englische könne man nicht einfach Wort für Wort übersetzen. „Das Wort Gesundheit gibt es im Arabischen zum Beispiel gar nicht.“ Es müsse mit mehreren anderen Worten erklärt werden.

Besonders kniffelig sei es auch gewesen, einen Reim auf „Allah“ zu finden. Dafür hätten sie sich fast eine ganze Stunde Zeit genommen, sagt Spax. „Das war ein weiter, aber spannender Weg.“ Schließlich fanden sie einen passenden arabischen Satz, der übersetzt so viel bedeutet wie: „Ich bin bereit, alles zu tun.“ (epd/mig)

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