MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Vergeltung

Ausländer in Köln angegriffen

In Köln haben Türsteher, Rocker und Hooligan Ausländer angegriffen, um die Silvesternacht zu rächen. Muslime beklagen neue Hassdimension. Und ausgerechnet Horst Seehofer ruft zur Besonnenheit und Differenzierung auf.

Köln, Rhein, Dom, Kölner Dom, Hohenzollernbrücke
Der Kölner Dom im Rheinland © Ben Fredericson (xjrlokix) auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Nach den Attacken auf Ausländer in Köln verstärkt die Polizei ihre Einsatzkräfte in der Innenstadt. Man werde in der nächsten Zeit mit „sehr sehr starken Kräften, die weit über das Normalmaß hinausgehen“, präsent sein, sagte der Leiter der Direktion Gefahrenabwehr, Michael Temme, am Montag. „Dabei werden wir alle rechtlichen und personellen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, ausnutzen.“ Hooligans, Rechtsradikale und Rocker aus der Türsteherszene hatten sich am Sonntagabend verabredet, um in der Kölner Innenstadt auf Menschenjagd zu gehen.

Bei den Zwischenfällen gehe es eindeutig um „fremdenfeindliche Straftaten“, sagte der Leiter der Direktion Kriminalität, Norbert Wagner. Insgesamt seien vier Angriffe gezählt worden. Dabei seien Migranten afrikanischer, pakistanischer und syrischer Herkunft geschlagen und getreten worden. Zwei der Opfer seien im Krankenhaus behandelt worden.

In einer nichtöffentlichen Facebook-Gruppe hatte es geheißen, nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln wolle man ordentlich aufräumen. Ob der Aufruf im Zusammenhang mit den Angriffen steht, war zunächst nicht klar. In der Silvesternacht hatte ein Mob junger Männer am Kölner Hauptbahnhof zahlreiche Frauen sexuell belästigt und bestohlen. Inzwischen liegen über 500 Strafanzeigen vor. Unter den Verdächtigen sind auch viele Flüchtlinge.

Muslime beklagen „neue Dimension des Hasses“

Der Zentralrat der Muslime beobachtet nach den Übergriffen in der Silvesternacht eine „neue Dimension des Hasses“ auf Muslime. Der Vorsitzende des Zentralrats, Aiman Mazyek, sagte dem Kölner Stadt-Anzeiger, seit Jahresbeginn habe die Zahl der Anfeindungen und Drohungen gegen seinen Verband zugenommen. Allein am vergangenen Donnerstag, als bekanntwurde, dass es sich bei einigen mutmaßlichen Tätern um Asylbewerber aus muslimischen Ländern handelt, seien in der Geschäftsstelle des Islamverbands 50 Drohanrufe sowie Hunderte Hassmails und -briefe eingegangen – so viele wie sonst in zwei Wochen.

Übergriffe haben Meinung über Ausländer verändert

Die Übergriffe auf Frauen in Köln haben einer Umfrage zufolge bei der Mehrheit der Deutschen (60 Prozent) die Meinung über Ausländer nicht verändert. Dagegen gaben 37 Prozent der Befragten in einer am Sonntagabend in Köln veröffentlichten Forsa-Umfrage an, sie hätten nach den Übergriffen eine kritischere Meinung. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) befürchten den Angaben zufolge, dass durch die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge die Kriminalität zunimmt. 40 Prozent teilen diese Sorge nicht.

Frauen fühlen sich der Umfrage zufolge auch nach den massenhaften Übergriffen mehrheitlich sicher (59 Prozent) oder sehr sicher (28 Prozent) in ihrer Stadt. Dagegen gaben elf Prozent der Befragten an, sich weniger sicher zu fühlen. Drei Prozent fühlen sich an ihrem Wohnort überhaupt nicht sicher.

Seehofer warnt vor Polarisierung der Gesellschaft

Angesichts dieser Entwicklungen warnte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) vor Schwarz-Weiß-Malerei beim Thema Flüchtlinge. Dem Thema werde man nur mit Differenziertheit gerecht, sagte Seehofer am Montag in München. Die Polarisierung der Gesellschaft vor allem nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln nehme besorgniserregend zu. Er sei strikt gegen eine „Olympiade der Parolen“, wie sie etwa „Pegida“ jetzt zunehmend betreibe, betonte der CSU-Chef. Rechtsextremismus müsse massiv bekämpft werden. Dabei hatten Politiker seiner Partei nach Bekanntwerden der Übergriffe in Köln den Migrationshintergrund der Tatverdächtigen betont. (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Anzeige

4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Babs sagt:

    „Allerdings hatten Politiker seiner (partei) nach Bekanntwerden der Übergriffe in Köln den Migrationshintergrund der Tatverdächtigen betont.“

    Das darf man ohne schlechtes Gewissen machen, solange es den Tatsachen entspricht. Nur was manche daraus folgern ist nicht immer ganz korrekt…

  2. Magistrat sagt:

    Ich warte noch auf den Zusatz der Polizei, dass bei den Angriffes der besorgten Nazis ein fremdenfeindlicher Hintergrund eindeutig ausgeschlossen werden kann.
    Während also in unseren Städten eine gewalttätige Hatz gegen die Muslime stattfindet, schweigen die Medien. Eine Messerattacke in Marseille schafft es auf die Titelseite der Zeit (http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-01/frankreich-marseille-messer-attacke-kippa-verzicht). Was im eigenen Land passiert wird totgeschwiegen. Jegliche Übergriffe aufgrund der Religion sind zu verurteilen! Auch Muslime leiden unter dem selben Gefühl, nicht mehr ungefährdet in die Öffentlichkeit zu gehen, wie die Juden in dem Artikel es – zu recht – beschreiben. Es ist einfach heuchlerisch und erschreckend, wie das Leid auf der einen Seite mediale Beachtung findet und auf der anderen sogar noch Ressentiments befeuert werden! Alle Gewalt gehört gleichermaßen verurteilt. Minderheiten gehören ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit geschützt

  3. […] Ausländer in Köln angegriffen In Köln haben Türsteher, Rocker und Hooligan Ausländer angegriffen, um die Silvesternacht zu rächen. Muslime beklagen neue Hassdimension. Und ausgerechnet Horst Seehofer ruft zur Besonnenheit und Differenzierung auf. (…) Angesichts dieser Entwicklungen warnte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) vor Schwarz-Weiß-Malerei beim Thema Flüchtlinge. Dem Thema werde man nur mit Differenziertheit gerecht, sagte Seehofer am Montag in München. Die Polarisierung der Gesellschaft vor allem nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln nehme besorgniserregend zu. Er sei strikt gegen eine „Olympiade der Parolen“, wie sie etwa „Pegida“ jetzt zunehmend betreibe, betonte der CSU-Chef. Rechtsextremismus müsse massiv bekämpft werden. Allerdings hatten Politiker seiner nach Bekanntwerden der Übergriffe in Köln den Migrationshintergrund der Tatverdächtigen betont. Quelle: Migazin […]

  4. H.Ewerth sagt:

    „Die Meinung über Ausländer habe sich verändert“? Hallo in Deutschland hatte eine Mehrheit noch nie eine „gute Meinung“ über Gastarbeiter gehabt, deshalb gab es ja auch nur eine „Gastarbeiterpolitik“

    Alleine seit dem Mauerfall sind ca. 160 Menschen Opfer rechter Gewalttaten geworden, und hat man sich in Deutschland darüber in der Mehrheit so aufgeregt wie jetzt über Sexuelle Übergriffe? Bei Großveranstaltungen wie dem Oktoberfest, sind solche Übergriffe täglich zu verzeichnen.

    Ich bin seit 1974 mit einer Ausländerin verheiratet, und kann nur aus meiner Erfahrung sagen, ich habe mich oft für das Verhalten vieler Deutsche gegenüber meiner Frau geschämt,, auch die Behörden waren nicht besser. „Gastarbeiter“ impliziert doch schon im Wort Ausgrenzung, und so wurden und werden Menschen mit Immigrations Hintergrund auch immer behandelt.

    Im Übrigen sollte sich jeder Deutsche einmal das Grundgesetz durchlesen: Unser Grundgesetz sagt klar, was gilt. In Artikel 2, Absatz 1 heißt es: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Im Zusammenspiel mit Artikel 3 Absatz 3 („Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“) zeigen sich ganz unmissverständlich die Garantie der freien Entfaltung der Persönlichkeit und ihre Grenzen. Um ein Beispiel zu nennen: Frauen und Männer haben gleiche Rechte, und haben Frauen und Männer gleiche Rechte liebe Deutsche Männer? Werden gleich bezahlt?

    Auch sollte Deutschland und der gesamte Westen nicht Ursachen und Wirkung verwechseln. Flüchtlinge sind Opfer eines westlichen Staatsterrors, welcher noch schlimmer war und ist als alle Anschläge von Terroristen zusammen genommen. Wie viele unschuldige Zivilisten wurden auf Grund von Lügen und Völkerrechtswidrigen Kriegen getötet? Wie viele Drohnen Einsätze, haben wie viele unschuldige Zivilisten in den Regionen getötet? Wie viele Länder, wurden und werden vom Westen destabilisiert und ins Chaos gestürzt, mal die einen mal die anderen Despoten mit Waffenlieferungen unterstützt? Wie vielen Unschuldigen Kindern fehlt ein Arm, ein Bein, oder sind von Streumunition getötet worden? Ach ich vergaß, dass sind nach zynischer Lesart des Westens ja nur Kollateralschäden, aber werden westliche Bürger getötet, dann sind das Opfer und werden mit weiteren Bombardierungen gerächt? Sind das die westlichen Werte? Der Westen wie schrieb Jean Ziegler in seinem Buch sehr treffend
    . „EIN IMPERIUM DER SCHANDE“



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...