MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Bades Meinung

„Flüchtlingskrise“, Einheitsfest und Tod vor der „Festung Europa“

Am Tag der deutschen Einheit hat Klaus J. Bade in seinem Auftaktvortrag zum Theaterprojekt „Integration durch kulturelle Teilhabe“ mit einer Doppelpremiere im Nationaltheater Mannheim an das Massensterben vor den Grenzen der „Festung Europa“ erinnert. MiGAZIN veröffentlicht seinen Vortrag im Nationaltheater am 3.10.2015.

Bade, Klaus J. Bade, Prof. Bade, Klaus Bade
Prof. Dr. Klaus J. Bade, ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration © David Ausserhofer, MiG

VONKlaus J. Bade

Prof. Dr. Klaus J. Bade, geb. 1944, ist Migrationsforscher, Publizist und Politikberater. Er lehrte bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und lebt seither in Berlin. Er war u.a. Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), des bundesweiten Rates für Migration (RfM) und bis 2012 Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin. Bade hatte Fellowships/Gastprofessuren an den Universitäten Harvard und Oxford, an der Niederländischen Akademie der Wissenschaften sowie am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er hat zu Migration und Integration in Geschichte und Gegenwart viele Forschungsprojekte geleitet, einige Dutzend Bücher und zahlreiche kleinere Arbeiten veröffentlicht. Für sein Engagement in Forschung und kritischer Politikbegleitung hat er diverse Auszeichnungen erhalten u.a. das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (www.kjbade.de). Nach wie vor aktuell ist sein letztes Buch "Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungs- gesellschaft", Schwalbach i. T. 2013 (ergänzte 3. Aufl. als eBook 2014).


DATUM5. Oktober 2015

KOMMENTAREKeine

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , ,

Seite 1 2 3

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Ich freue mich, am 25. Jahrestag der deutschen Einheit vor einer so wichtigen Doppelpremiere sprechen zu dürfen: Burkhard Kosminskis Aktualisierung von Arthur Millers modernem Klassiker „Ein Blick von der Brücke“ und Peter Michalziks neues Stück „Mannheim Arrival“ sind aus meiner Sicht ein verheißungsvoller Auftakt im Kontext des wichtigen Theaterprojekts „Integration durch kulturelle Teilhabe“ – aus zwei Gründen:

Zum ersten, weil sich aus aus dem „Blick von der Brücke“ und sicher auch aus dem anschließenden, aus Interviews mit Flüchtlingen komponierten „Mannheim Arrival“ eine doppelte Botschaft ableiten lässt: Es genügt nicht, denen, die es auf oft qualvollen Wegen bis ins Land ihrer Träume geschafft haben, hier einfach die kollektive Scheinidentität „Flüchtlinge“ überzustülpen und zu glauben, der Rest werde sich schon ergeben. Es gilt, hinter dem Etikett „Flüchtling“ den Menschen zu sehen, der sein mentales Gepäck mitbringt, das sich in der Spannung zwischen Akzeptanz und Ausgrenzung auch in interpersonalen Bezügen explosiv auf- und entladen kann. Die Konflikte in unseren Flüchtlingslagern berichten davon. Bei Miller kommt zwar verschärfend die Illegalität hinzu. Vergessen wir aber nicht, dass in Deutschland auch ca. 290.000 nicht registrierte, irreguläre, d.h. de jure illegale Flüchtlinge leben.

Zum zweiten ist diese Doppelpremiere aus meiner Sicht deswegen ein wichtiger Auftakt, weil sie am Tag der deutschen Einheit sinnhaft ein Weiteres deutlich macht: Nach dem Gewinn der äußeren Einheit bleibt es als dauerhafte Aufgabe, die innere Einheit zu schaffen und sie zu bewahren in einer eigendynamisch weiter wachsenden kulturellen Vielfalt im Innern und deren Verstärkung durch die Begegnung mit stets neuen Mitbürgern von außen. Das aber bedeutet für alle Beteiligten nicht weniger als im Brechtschen Sinne die Mühen der Ebene auszuhalten.

* * *

In Deutschland gibt es ein Paradox im Umgang mit kultureller Vielfalt: Da ist die wachsende, stille Gruppe der Kulturpragmatiker bzw. Kulturoptimisten. Für sie ist kulturelle Vielfalt längst normaler gesellschaftlicher Alltag geworden. Dagegen steht die schrumpfende, aber umso lauter lärmende Gruppe der Kulturpessimisten. Ihnen ist die wachsende kulturelle Vielfalt gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes.

Willkommenskultur trifft auf Bollwerkmentalität, brennende Hilfsbereitschaft auf brennende Flüchtlingsheime. Die Bollwerker, die geistigen und praktischen, mitunter auch biedermännischen Brandstifter sind zwar Ausnahmen, die die Willkommensregel bestätigen; aber hinter Willkommensgrüßen wachsen Zweifel: Schaffen wir das wirklich? Und wenn nein, mit welchen Folgen?

Im ersten Jahresgutachten des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration („Einwanderungsgesellschaft 2010“) haben wir 2010 mit guten Gründen geschrieben: „Integration ist in Deutschland besser als ihr Ruf im Land.“ Viele im Ausland beneiden uns um diese relativ positive Integrationsbilanz. Sie wundern sich über das deutsche Gejammer auf hohem Niveau und insbesondere über „The German Kulturangst“. Sie ist als neues teutonisches Hystericum dabei, in der Rangliste der deutschen kollektiven Todesängste den verblassenden Klassiker zu überrunden, den die Franzosen einst „Le Waldsterben“ zu nennen pflegten. Der Wald ist noch da, die deutschen Kulturpessimisten auch und sie suchen nach neuen kollektiven Todesängsten, die sie entdeckt zu haben glauben in den Themen Einwanderung, Islam und Muslime.

* * *

Aber Deutschland braucht Einwanderung, wie auch andere demographisch alternde und schrumpfende Wohlfahrtsstaaten in Europa, denn: Viele Eltern der Kinder von morgen sind selber gestern schon nicht mehr geboren worden. Und die ehemals starken Jahrgänge bereichern heute zunehmend die Rentnerpopulation.

Aber im krisengeschüttelten Europa gibt es starke Wirtschaftswanderungen – and the Winner is: Germany. Die Neuzuwanderer beiderlei Geschlechts sind mit einem durchschnittlichen Lebensalter von 28 Jahren vergleichsweise jung. Und sie sind im Schnitt deutlich höher qualifiziert als die Erwerbsbevölkerung in Deutschland. Die meisten Zuwanderer stammen aus Europa und besonders aus der EU, vor allem aus Polen, Rumänien, Italien und Spanien.

Kehrseite des Gewinns für den mitteleuropäischen Zuwanderungsraum sind folgenreiche Brain-Drain-Erscheinungen in den europäischen Krisenstaaten. Das kann schon deshalb nicht dauerhaft gut gehen, weil die Exportnation Deutschland auf aufnahmefähige Märkte auch in Europa angewiesen ist.

Und wenn die innereuropäischen Massenwanderungen nach Deutschland in der Zukunft schrumpfen und das demographisch vergreisende Paradies in der Mitte Europas umso mehr auf Zuwanderung aus Drittstaaten fern der EU angewiesen sein wird, also aus ganz anderen, zum Beispiel auch nordafrikanisch-arabisch-muslimischen Kulturen – spätestens dann, so haben wir vorausgesagt, werden die Deutschen spüren, was es heißt, sich mit Kulturängsten demo-ökonomisch selbst im Wege zu stehen.

Und plötzlich hat diese Zukunft scheinbar schon begonnen, nämlich im Blick auf die durchaus ungerufenen, starken Flüchtlingszuwanderungen auch aus nordafrikanischen Krisenregionen.

Seite: 1 2 3
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Anzeige
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...