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Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Ein syrischer Flüchtling erzählt

„Ich bin so dankbar hier zu sein, endlich in Sicherheit“

Ein syrischer Flüchtling erzählt von seiner Odyssee über den Westbalkan nach Deutschland. Psychischer Druck, Anschreien und körperliche Übergriffe seien normal gewesen. Die aktuellen Bilder vom gesperrten Bahnhof, von Zügen die in Lager umgeleitet werden, machen ihn fassungslos.

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Symbolfoto © Ian Sane @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONDaniel Staffen-Quandt

DATUM7. September 2015

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Shukra Molla Ali ist erst seit 20 Tagen in Deutschland. Vor knapp zwei Wochen kam er nach Würzburg, dort lebt er seither in einem Festzelt. 173 Männer schlafen dort in alten Feldbetten, dicht an dicht, keinerlei Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit. Und doch: Der 34 Jahre alte Syrer ist zufrieden. „Ein Zelt ist nicht die beste Lösung“, sagt er, „aber man hilft uns“. Er ist geflohen, aus Aleppo, jahrelang lebte er mitten im Bürgerkrieg, bis es einfach nicht mehr ging. Sechs Monate dauerte die Odyssee, Schlimmes hat er dabei erlebt, wie viele andere Flüchtlinge.

Es ist kühl an diesem Freitagmorgen, in dem Festzelt im Würzburger Stadtteil Zellerau ist es ruhig, die meisten Männer schlafen noch. „Die Jungs sind voll in Ordnung“, sagt Security-Mitarbeiter Andreas Stender. Er ist so eine Art Zeltchef und gleichzeitig Mädchen für alles. Wenn es irgendwo hakt, kommen die Flüchtlinge und auch die Ehrenamtlichen zu ihm. „Good morning, my friend“, sagt er zu Shukra und gibt ihm einen kräftigen Handschlag. „Tea or Coffee?“ will er wissen. Der 34-jährige Syrer kommt gerade aus einer der Container-Duschen vor dem Zelt.

Seine Geschichte ist die von vielen – und trotzdem einzigartig traurig. Jahrelang hatte der junge Mann eine eigene Männerboutique in Aleppo, verkaufte trendige Klamotten. Davon zeugen auch heute noch Fotos auf seinem Handy, das er bei sich hat. Bis im Sommer 2012 der Krieg in seine Stadt kam. Knapp drei Jahre hielt er es dort noch aus, die meiste Zeit arbeitete er weiter in seinem Laden, immer zwischen den Fronten der Rebellen und des Assad-Regimes. Irgendwann kamen die Panzer, die Kampfflugzeuge, irgendwann wollte er einfach nur noch weg.

Shukra kratze sein Hab und Gut zusammen, machte es zu Geld und sich auf den Weg. Zunächst in die Türkei – doch dort erlebte er zum ersten Mal, wie wenig willkommen Flüchtlinge sein können. Also machte er sich auf ins westtürkische Izmir. Dort suchte er nach jemandem, der ihn nach Griechenland bringt, nach Europa, in die EU. Der Schlepper war schnell gefunden, ein Großteil seines Geldes weg. Nachts wurde er zusammen mit Dutzenden anderen in ein Schlauchboot gepfercht. „Der Motor ging kaputt, wir trieben stundenlang auf offener See“, erinnert er sich.

Nach mehreren Notrufen über das Handy wird das Boot endlich von der griechischen Küstenwache aufgegriffen, die Passagiere – darunter auch viele Frauen und Kinder – werden nach Samos und später nach Athen gebracht. Doch dort beginnt für den 34-Jährigen erst der eigentliche Irrweg durch ein Europa, das er für einen sicheren Zufluchtsort gehalten hatte. Mit dem Zug und zu Fuß kämpft er sich mit Freunden durch Mazedonien bis nach Serbien und schließlich nach Ungarn durch, immer auf der Hut vor Grenzschützern und Polizisten. Schließlich wird er doch geschnappt.

In Ungarn stecken ihn die Behörden in ein Lager. Die Beamten hätten ihn und die anderen Flüchtlinge schlecht behandelt. Psychischer Druck, Anschreien und körperliche Übergriffe seien normal gewesen. „Für mich war klar: Hier kann ich nicht bleiben“, erzählt er. Als er nach Budapest verlegt wird, ergreift er die Chance, geht zum Bahnhof, kauft sich eine Fahrkarte und fährt weiter über Österreich nach Deutschland. „Vor drei Wochen ging das noch“, sagt er. Die Bilder vom gesperrten Bahnhof, von Zügen die in Lager umgeleitet werden, machen ihn fassungslos.

Umsomehr strahlt er, wenn er über seine Ankunft in Deutschland berichtet. Die Polizisten in Rosenheim hätten ihn mit einem Lächeln begrüßt, seien höflich gewesen, hätten allen Essen und Trinken gegeben. „Die Menschen hier in Deutschland sind die besten, die ich in meinem ganzen Leben bislang kennengelernt habe“, sagt Shukra. Und das, obwohl er noch keine drei Wochen hier ist und seither schon zig mal von Rosenheim nach München nach Schweinfurt und Würzburg verlegt wurde: „Ich bin so dankbar hier zu sein, endlich in Sicherheit.“

Für die Zukunft wünscht er sich, seine zwei Schwestern und seine Mutter zu sich holen zu können. Sie harren derzeit im Norden Syriens aus, im von den Kurden kontrollierten Gebiet. Dorthin sind sie zu Beginn des Bürgerkriegs geflohen – doch nun bedrohen sie dort die Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS). Ob er dauerhaft in Deutschland bleiben will – oder eines Tages zurück nach Syrien möchte, sollte dort wieder der Frieden einkehren? „Ich weiß es nicht, das kann ich im Moment einfach nicht sagen. Ich wünsche mir nur, dass ich zur Ruhe kommen kann.“ (epd/mig)

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  1. […] Symbolfoto © Ian Sane @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG Shukra Molla Ali ist erst seit 20 Tagen in Deutschland. Vor knapp zwei Wochen kam er nach Würzburg, dort lebt er seither in einem Festzelt. 173 Männer schlafen dort in alten Feldbetten, dicht an dicht, keinerlei Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit. Und doch: Der 34 Jahre alte Syrer ist zufrieden. „Ein Zelt ist nicht die beste Lösung“, sagt er, „aber man hilft uns“. Er ist geflohen, aus Aleppo, jahrelang lebte er mitten im Bürgerkrieg, bis es einfach nicht mehr ging. Sechs Monate dauerte die Odyssee, Schlimmes hat er dabei erlebt, wie viele andere Flüchtlinge. weiterlesen […]



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