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Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Bild

Aus Sensationslust in den Dschihad

Sind die jungen Europäer, die sich ISIS anschließen, nur sexuell frustriert? Diese Frage stellt Antje Schippmann in der „Bild“ und verdreht Fakten so lange, bis sie in das Boulevardblatt passen. Von Sanjay Patel

Bild, Aus Sex-Frust in den Dschihad
Sreenshot aus bild.de

VONSanjay Patel

Der Verfasser ist Berliner indischer Abstammung. Er studierte Mathematik & Informatik und promovierte im Fachgebiet Künstliche Intelligenz.

DATUM23. Juni 2015

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„Bild“ hetzt! „Bild“ hetzt u.a. gegen Muslime. „Bild“ ist kein journalistisches Produkt, sondern ein Kampagnen- und Hetzblatt. Um journalistischen Mindeststandards zu genügen, müsste die Bild nicht nur journalistisch arbeiten, sondern zunächst einmal überhaupt den Vorsatz haben, den Leser zu informieren. Das ist bei der Bild aber gerade nicht der Fall. (Jens Berger, Nachdenkseiten)

Der jüngste Artikel von Antje Schippmann ist so ein typisches Anschauungsbeispiel für die schon satirisch anmutende „journalistische“ Arbeitsweise von „Bild“:

Zitat aus Bild:

WARUM SICH BESONDERS JUNGE MÄNNER ISIS ANSCHLIESSEN | Aus Sex-Frust in den Dschihad?

Sind die jungen Europäer, die sich ISIS anschließen, nur sexuell frustriert?

Die preisgekrönte britische Regisseurin Deeyah Khan hat in ihrem neuen Dokumentarfilm „Exposure Jihad“ den Zusammenhang zwischen Triebunterdrückung und Radikalisierung untersucht.

Ihr Ergebnis: In neun von zehn Fällen liegt es an den Vätern, die mit Schlägen und übertriebener Härte auf die sexuellen Verlockungen reagieren, denen sie und ihre Kinder im Westen begegnen.

Deeyah Khan ist keine Britin, sondern Norwegerin mit afghanisch-pakistanischen Wurzeln. Ihr Dokumentarfilm untersuchte auch nicht den Zusammenhang zwischen Triebunterdrückung und Radikalisierung.

Die Webseite von Deeyah Khan enthält zahlreiche Verweise, die beschreiben, was sie mit ihrem Dokumentarfilm tatsächlich untersuchen wollte. Weder war es ihr Ziel, den Zusammenhang zwischen Triebunterdrückung und Radikalisierung zu untersuchen, noch kam sie zum Ergebnis, dass sich junge Briten wegen gewalttätigen Vätern und Sexfrust dem Jihad anschlossen.

Die Informationen der offiziellen Webpräsenz von Deeyah Khan scheint für Antje Schippmann irrelevant zu sein. Relevant ist offenbar alleine die Darstellung von „The Daily Beast“, von der sich Schippmann offenbar frei bediente und einen Großteil davon für die „Bild“ übersetzte (natürlich ohne das dem Leser auf die Nase zu binden).

Eine Nachfrage bei Deeyah Khan bei Twitter, ob sie „ihren Äußerungen“ bei „The Daily Beast“ zustimmen würde, ergab ein knappes aber klares „nein“.

Bild-Opfer Nr. 2: Iman Alyas Karmani

Antje Schippmann verdreht jedoch nicht nur die Wirklichkeiten von Deeyah Khan, sondern auch die des Imans Alyas Karmani. Gemäß „Bild“ diskutierte der „ehemalige Islamist“ Alyas Karmani „den sexuellen Konflikt der jungen Muslime, die in derselben sexualisierten Umwelt aufwachsen wie ihre nichtmuslimischen Altersgenossen, doch von ihren Eltern eingebläut bekommen haben, dass Sex vor der Ehe nicht erlaubt ist“.

Zitat aus Bild:

„Es ist wirklich ein Gefühl des Hasses, das man empfindet, weil man das nicht darf“, sagt Karmani. „Diese Jungs wollen einfach nur mit Mädchen zusammen sein, das ist alles.“

Wenn sie sich ISIS oder anderen islamistischen Terrororganisationen anschlössen, geschehe dies aus der Hoffnung auf sexuelle Erleichterung und Erlösung aus der Unterdrückungssituation, sagt Karmani.

„Ich habe dann meine Waffe, die mehr oder weniger auch nur eine Penisverlängerung ist, und kann sagen ‚Schaut her, ich bin jetzt ein Krieger! Ich habe jetzt Macht, bin sexy, Mädchen werden mich anschauen und es gibt sogar Mädchen, die meine Frau sein wollen.'“

„Bild“ untermalt Karmanis Aussagen mit martialischen Bildern, die Muslime mit Rakete und Kanonenrohr eines Panzers zeigen und mit Themen wie Penisverlängerung, Sexfrust und Männlichkeit assoziiert. „Bild“ beschränkt sich jedoch nicht nur darauf die ISIS-Terroristen als Psychos dazustellen, sondern weitet diesen Vorwurf auf muslimische Männer insgesamt aus.

Karmani distanziert sich ausdrücklich von den Darstellungen wie in „The Daily Beast“ und „Bild“. Auf Facebook veröffentlichte er eine ausführliche Klarstellung, wie seine Aussagen einzuordnen sind (siehe Anhang). In dieser Klarstellung wiederholte er auch, was seiner Meinung nach die wesentlichen Triebfedern der Radikalisierung junger Muslime sind:

Außenpolitik: Auswirkungen der westlichen Doppelmoral im „Kampf gegen den Terror“ und Missachtung des Lebens von Muslimen.

Innenpolitik: Islamophobie, Ausgrenzung und Rassismus in Großbritannien durch Medien, Anti-Terror Gesetze, Hassdelikte, Diskriminierung und das Gefühl von der Gesellschaft als suspekte Gruppe betrachtet zu werden.

Weshalb für junge Muslime die von Islamisten in sozialen Netzwerken propagierte Ideologie eines verdrehten und korrupten Islams so verlockend ist.

Alle drei von Karmani genannten Punkte waren bereits vorher öffentlich bekannt. Doch weder „The Daily Beast“ noch die „Bild“ erwähnen die außen- und innenpolitischen Push-Faktoren für die Radikalisierung junger Muslime. Diese Informationen passen nicht in das Schema der „Bild“.

Wie ein Bauchredner legt „Bild“ ihren Puppen Khan und Karmani verdrehte Aussagen in den Mund und müssen herhalten für die „Bild“: muslimische Elternhäuser als hinterwäldlerisch, starrsinnig und autoritär hinzustellen, dass deren Söhne mit martialischem Macho-Gehabe und aus lauter sexuellen Frust zu Terroristen werden. Gleichzeitig stehen Khan und Karmani wie Idioten da, denen „Bild“ dümmliche Erklärungen für die Radikalisierung junger Muslime unterschob.

So arbeiten Bild-Journalisten. Sie passen nicht die kognitiven Strukturen von „Bild“ an die gegebenen Realitäten an, sondern sie deformieren Realitäten solange, bis sie zu den vorgegebenen kognitiven Strukturen passen. Was bleibt ist der übliche fade Beigeschmack, wenn „Bild“ über Randgruppen wie Muslime schreibt oder in diesem Fall von anderen Blättern abkupfert.

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