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Migration und Integration in Deutschland

Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.

Hessischer Integrationsminsiter Jörg-Uwe Hahn (FDP), Frankfurter Neue Presse, 7.2.2013

Heimat oder Herkunft?

"Du hast nicht nur eine Herkunft. Du hast zwei. Eine gute und eine schlechte"

Ab dem 15. April 2015 zeigt das ETB | IPAC die Wiederaufnahme des Theaterstücks „Schwarz gemacht“ von Alexander Thomas. Diese erhellende, unerwartete Geschichte ist eines der ersten Theaterstücke überhaupt mit einem afrodeutschen Protagonisten. Es erzählt die Identitätssuche eines afrodeutschen Schauspielers während der NS-Zeit. Regisseur Daniel Brunet gibt Einblick in die Entstehung dieses zum Teil kontrovers diskutierten Stücks.

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Daniel Brunet @privat, bearb. MiG

VONDaniel Brunet

Daniel Brunet wurde 1979 in Syracuse, New York geboren und studierte Theater und Film am Boston College. Als Fulbright Stipendiat kam er 2001 nach Berlin. Seitdem arbeitet er als selbstständiger Theatermacher und Übersetzer, u. a. am Forum Freies Theater, Düsseldorf, Haus der Kulturen der Welt, Berlin und Performance Space 122, New York. Für seine zahlreichen Übersetzungen z.B. von Falk Richter, Roland Schimmelpfennig, Heiner Müller, Dea Loher wurde Daniel Brunet mehrfach ausgezeichnet. Seine Aufsätze und Übersetzungen erscheinen in Pen America, The Mercurian, Asymptote, Theater, TheatreForum, Contemporary Theatre Review und alt.theatre. Seit 2012 ist er Producing Artistic Director am English Theatre Berlin | International Performing Arts Center (ETB | IPAC), wo er 2012 die Colorblind?-Reihe zeigte und u.a. das jährliche Festival The Expat Expo für internationale Kunst aus der Berliner Freien Szene etablierte.

DATUM14. April 2015

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Während der verwaiste Theodor Michael zuletzt als Zwangsarbeiter und Komparse in Heinrich Goebbels Propagandafilmen die NS-Zeit in Berlin überlebte, war Hans-Jürgen Massaquoi durch seine deutsche Mutter damals ziemlich gut geschützt. Hans Hauck, ein sogenanntes „Rheinlandkind“, geboren 1920 im Saarland, Sohn einer deutschen Mutter und eines algerischen Vaters, der nach dem Ersten Weltkrieg als französischer Soldat im Rheinland stationiert war, war zuerst der Hitlerjugend beigetreten und kämpfte später in der Wehrmacht gegen Russland. Louis Brody hingegen hat zwischen 1915 und 1951 ununterbrochen in Dutzenden Filmen in Deutschland gespielt – von expressionistischen Meisterwerken wie „Metropolis“ bis hin zu Propagandafilmen wie „Jud Süß“ oder „Carl Peters“ – und hat dabei nicht nur überlebt, sondern wurde für seine schauspielerische Tätigkeit auch sehr gut bezahlt.

„Du hast nicht nur eine Herkunft. Du hast zwei. Eine gute und eine schlechte“

Aus diesen besonderen, zum Teil kaum vorstellbaren Biographien hat Alexander Thomas Klaus geschaffen, einen jungen, stolzen, afrodeutschen Schauspieler, dessen innerer Konflikt darüber, ob sich seine Identität durch Heimat oder Herkunft definiert, nach außen widergespiegelt wird in seiner verzweifelten Suche nach Anerkennung als deutscher Reichsbürger durch das NS-Regime.

Klaus freut sich, seinem Land zu dienen, indem er als Schauspieler in Propagandafilme auftaucht, um für die Rückgabe der entzogenen deutschen Kolonien zu werben. Obwohl er innerlich immer noch mit der Behauptung seiner Mutter- „Du hast nicht nur eine Herkunft. Du hast zwei. Eine gute und eine schlechte“ – kämpft, sieht er sich durchaus als Deutscher, ohne Wenn und Aber oder Bindestrich.

Konfrontiert auf der einen Seite mit den sich quasi täglich ändernden Gesetzen darüber, wer oder was „deutsch“ sei oder nicht, auf der anderen Seite durch Auseinandersetzungen mit Maurice, einem afroamerikanischen Aktivisten und Musiker, der in Berlin gestrandet ist und illegal Jazz in einem Nachtclub spielt, muss Klaus letztendlich seine Identität selber bestimmen.

Sobald Alexander mir eine Fassung dieses sonderbaren Stücks geschickt hatte, nahm ich es in die „Colorblind?“-Reihe auf – natürlich mit Ernest Allan Hausmann in der Hauptrolle. Schon bei der ersten Probe in November 2012 wurde mir klar, dass es eine Uraufführung als Vollinszenierung bekommen müsste. Im Februar 2014 war es so weit: „Schwarz gemacht“ wurde unter meiner Regie am 26. Februar 2014 uraufgeführt. Ich freue mich, die Inszenierung jetzt wiederaufnehmen zu können.

Deutschland im 21. Jahrhundert ist ein anderes, viel heterogener, viel bunter als immer noch sehr viele Menschen wahrhaben wollen

Heutzutage, knapp achtzig Jahre nach der Handlung des Theaterstücks, wo sich Deutschland zu einem der am schnellsten wachsenden Migrationsländer der Welt wandelt, sind diese grundsätzlichen Identitätsfragen auch hierzulande wichtiger als je zuvor. Die immer stärker wachsende, globale Migrationsrate hat eine neue Welt und eine neue Ordnung entstehen lassen, die ein neues Denken erfordern. In einer globalisierten Welt müssen wir erst recht aufhören, Menschen Identitäten aufgrund ihres Aussehens zuzuschreiben. Deutschland im 21. Jahrhundert ist ein anderes, viel heterogener, viel bunter als immer noch sehr viele Menschen wahrhaben wollen.

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