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Heimat oder Herkunft?

Das Theaterstück „Schwarz gemacht“ von Alexander Thomas untersucht afrodeutsche Identität

Ab dem 15. April 2015 zeigt das ETB | IPAC die Wiederaufnahme des Theaterstücks „Schwarz gemacht“ von Alexander Thomas. Diese erhellende, unerwartete Geschichte ist eines der ersten Theaterstücke überhaupt mit einem afrodeutschen Protagonisten. Es erzählt die Identitätssuche eines afrodeutschen Schauspielers während der NS-Zeit. Regisseur Daniel Brunet gibt Einblick in die Entstehung dieses zum Teil kontrovers diskutierten Stücks.

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Daniel Brunet @privat, bearb. MiG

VONDaniel Brunet

Daniel Brunet wurde 1979 in Syracuse, New York geboren und studierte Theater und Film am Boston College. Als Fulbright Stipendiat kam er 2001 nach Berlin. Seitdem arbeitet er als selbstständiger Theatermacher und Übersetzer, u. a. am Forum Freies Theater, Düsseldorf, Haus der Kulturen der Welt, Berlin und Performance Space 122, New York. Für seine zahlreichen Übersetzungen z.B. von Falk Richter, Roland Schimmelpfennig, Heiner Müller, Dea Loher wurde Daniel Brunet mehrfach ausgezeichnet. Seine Aufsätze und Übersetzungen erscheinen in Pen America, The Mercurian, Asymptote, Theater, TheatreForum, Contemporary Theatre Review und alt.theatre. Seit 2012 ist er Producing Artistic Director am English Theatre Berlin | International Performing Arts Center (ETB | IPAC), wo er 2012 die Colorblind?-Reihe zeigte und u.a. das jährliche Festival The Expat Expo für internationale Kunst aus der Berliner Freien Szene etablierte.

DATUM14. April 2015

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Oktoberfest, Maschinenbau, Wirtschaftswunder, Drittes Reich, blondes Haar, blaue Augen – so die gängigsten Assoziationen zu Deutschland im Ausland. Zugegeben, ich bin auch vor 14 Jahren mit diesen Bildern im geistigen Gepäck aus den USA nach Deutschland eingewandert. Schnell erkannte ich die wahre Vielfalt Deutschlands. Was ich als ein sehr homogenes Land eingestuft hatte, hat in der Tat eine Migrationsgeschichte, die älter als mein Heimatland und die Bundesrepublik Deutschland selber ist. Hier war ein Land mit einer großen und stetig wachsenden Diversität der Bevölkerung – ein Deutschland, in dem die Eingeborenen aussehen, wie die Menschen an jeder anderen Ecke des Erdballs auch und dabei die unterschiedlichsten Dialekte – wie z. B. ausgeprägtes Berlinerisch, Schwäbisch oder auch Fränkisch – sprechen.

„Blackfacing“-Skandal in Berlin 2012

Umso stärker hat mich als Theatermacher der „Blackfacing“-Skandal in Berlin 2012 getroffen. Zwei Theater in zwei sehr verschiedenen Inszenierungen hatten schwarze Bühnenfiguren von schwarz geschminkten weißen Schauspielern spielen lassen. Die Verteidigung eines dieser Theater, dass es keine geeigneten schwarzen Schauspieler in Deutschland gebe, war nicht nur enttäuschend, sie war auch schlichtweg falsch.

Daraufhin habe ich die Reihe „Colorblind?“ am English Theatre Berlin | International Performing Arts Center initiiert. In Form von szenischen Lesungen sollte den Fragen nach ethnischer Identität auf der Bühne und in dramatischer Literatur auf den Grund gegangen werden. Natürlich brauchte ich dafür diverse deutsche und nicht-deutsche Schauspieler und Dank eines glücklichen Zufalls waren der afroamerikanische Schauspieler und Autor Alexander Thomas und der afrodeutsche Schauspieler Ernest Allan Hausmann in der Besetzung der ersten Lesung. Ich war überrascht als mir am ersten Probentag Alexander sagte, er habe ein Stück über Ernest geschrieben. Ich dachte, die beiden hätten sich gerade erst kennengelernt und sagte das Alexander so. Na, antwortete er, nicht über Ernest persönlich, aber über Afrodeutsche.

„Ich fand viel mehr als ich erwartet hatte.“

Auslöser für Alexander, dieses Stück, „Schwarz gemacht“, zu schreiben, war das Bild einer afrodeutschen Klassenkameradin im Schuljahrbuch seiner deutschen Frau. Wie er im Vorwort schreibt: „Ich habe angefangen meine Frau zu bombardieren mit dem, was ich jetzt als ganz typische Fragen und Vermutungen über Afrodeutsche erkenne: „Woher kommt sie? War sie aus Afrika? Aus der Karibik?“ Meine Frau musste ständig wiederholen, dass das Mädchen deutsch sei. Sie war in Deutschland aufgewachsen, sprach Deutsch und ihre Empfindungen und Ansichten schienen dieselben wie die jedes anderen deutschen Kindes zu sein. Daraufhin habe ich angefangen die Geschichte von Afrodeutschen zu recherchieren. Ich fand viel mehr als ich erwartet hatte.“

Identität ist eine komplizierte Angelegenheit. Kommt sie direkt aus dem Individuum, aus einer Gesellschaft, aus einem Nationalstaat? Kann man sie frei bestimmen oder wird sie (zum Teil) von Außen zugeschrieben?

Fast über ein Jahrzehnt Recherchearbeit floss in „Schwarz gemacht“, das genau diese Identitätsfragen stellt – datiert auf das Jahr 1938 in Berlin, als sich die Definition von „Deutschsein“ existentiell zuspitzt. Das Fundament der Dramenhandlung bilden widersprüchliche Erfahrungen verschiedener Afrodeutscher und afrikanischer Migranten unterschiedlicher Generationen, deutsche Filmgeschichte sowie Erkenntnisse über die mindestens bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückgehende Geschichte von Afrikanern im politischen und geografischen Konstrukt, das heute Deutschland heißt. So gibt es Deutsche mit afrikanischen Wurzeln wohl seit dem Kolonialismus im späten 19. Jahrhundert und vermutlich sogar viel früher, im Zusammenhang mit der kurbrandenburgischen Kolonie „Groß Friedrichsburg“ (1683-1717).

Die Hauptfigur Klaus ist eine fiktive Komposition aus den Leben und Erfahrungen vier sehr unterschiedlicher Männer: den Afrodeutschen Theodor Michael, Hans-Jürgen Massaquoi, Hans Hauck und dem Schauspieler Louis Brody, geboren 1892 als Ludwig M’bebe Mpessa, in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun.

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