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Migration und Integration in Deutschland

Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968

8. April, Internationaler Roma-Tag

Roma im heutigen Europa

Berichte über Roma sind fast ausschließlich negativ und vorurteilsbehaftet, wie Debatten über „Armutszuwanderung“ und „Asylmissbrauch“ zeigen. Im Kontrast dazu steht der Internationale Roma-Tag am 8. April. Das Datum erinnert an die Anfänge der Roma-Bürgerrechtsbewegung – eine Geschichte jenseits von Klischees und Stereotypen.

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Roma & Sinti © Adam Jones @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONDaniela Gress

 Roma im heutigen Europa
Daniela Gress ist Historikerin und arbeitet im "Arbeitsbereich Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa" am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg. Als Stipendiatin der Manfred Lautenschläger-Stiftung promoviert sie über die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Masterarbeit wurde mit dem Integrationsforschungspreis des Ministeriums für Integration Baden-Württemberg ausgezeichnet.

DATUM8. April 2015

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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Auf Grund dieser Erfolge fand der Dritte Welt-Roma-Kongress 1981 in Göttingen statt. 1982 gründete sich die nationale Dachorganisation „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“, die bis heute von Romani Rose in Heidelberg geleitet wird. Wenige Monate später erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt den NS-Völkermord an den Sinti und Roma erstmals offiziell an.

Seit seiner Gründung trieb der „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“ die Aufarbeitung der NS-Verfolgung der Sinti und Roma maßgeblich voran. Er leistete damit einen großen Beitrag zum Abbau von Diskriminierungen gegenüber der Minderheit. Mit der gesetzlichen Anerkennung der Sinti und Roma als nationale Minderheit in Deutschland im Jahr 1995 erreichte er ein zentrales Ziel der bundesdeutschen Bürgerrechtsbewegung.

Roma im heutigen Europa

Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene durchliefen die Bürgerrechtsbewegungen der Roma ähnliche Entwicklungen wie andere Menschen- und Bürgerrechtsbewegungen, die seit Ende der 1960er Jahre entstanden. Sie adaptierten dabei sowohl Organisations- und Protestformen von neuen sozialen Bewegungen dieser Zeit als auch Nations- und NS-Aufarbeitungskonzepte von jüdischen Selbstvertretungen. Die Orientierung an diesen beiden Vorbildern führte zu den wesentlichen Erfolgen der Bürgerrechtsbewegungen der Roma bis Ende der 1980er Jahre. Doch wo stehen die Bürgerrechtsbewegungen heute?

Trotz dieser Erfolge sind Antiziganismus und die Ausgrenzung der Minderheiten weiterhin in ganz Europa verbreitet. Die politischen Transformationsprozesse in Osteuropa nach dem Umbruch 1989 führten zu einer Zersplitterung und Polarisierung der europäischen Bürgerrechtsbewegungen der Roma. Zwar erhielten die Bürger Osteuropas mit dem Fall des Eisernen Vorhangs mehr Rechte, für die Roma galten und gelten diese jedoch meist nur auf dem Papier. Immerhin gründete sich eine Vielzahl neuer Bürgerrechtsgruppen. Wirtschaftliche Krisen, die Balkankriege und der Anstieg von Nationalismus und Rassismus in den post-kommunistischen Staaten verschlechterten jedoch die soziale und politische Lage der Roma dramatisch.

Auf internationaler Ebene gingen die Interessen seitdem stark auseinander. Forderungen nach einer Anerkennung der Roma als transnationale europäische Minderheit konkurrierten mit den Status als nationale Minderheiten in den Einzelstaaten. Auch in der Bundesrepublik differenzierten sich unterschiedliche politische Lager aus. Während der „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“ vor allem die Minderheitsangehörigen mit deutscher Staatsbürgerschaft vertritt und entschädigungsrechtliche sowie erinnerungs- und minderheitenpolitische Ziele in den Vordergrund rückt, wollen andere Verbände Verbesserungen im Asylrecht und in der Integration ausländischer Roma in der Bundesrepublik erreichen. Denn seit Ende der 1980er sind viele Roma vor Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen in Ost- und Südosteuropa nach Deutschland geflohen.

Seit Mitte der 1990er Jahre nahmen sich vermehrt auch europäische Institutionen wie der Europarat, die KSZE und die Europäische Union den Problemen der Roma an. Sie riefen unterschiedliche politische Programme zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage ins Leben. Dass diese die Ungleichheit bislang nicht beseitigen konnten, kann unter anderem dadurch erklärt werden, dass es vielerorts noch an einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den europäischen Instrumenten der Roma-Politik und den Roma-Bürgerrechtsorganisationen mangelt. Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel werden von den Einzelstaaten oft nicht abgerufen oder kommen bei den Roma nicht an, auch auf Grund von Korruption und zu kurzfristigen Projektlaufzeiten. Darüber hinaus werden Integrationsprojekte nur selten mit Instrumenten der Antiziganismusprävention verknüpft. Der Abbau von Vorurteilen, die seit Jahrhunderten tradiert werden, ist indes ein langwieriger Prozess. Die Segregation der Roma von den Mehrheitsgesellschaften ist meist das größte Problem.

Gemeinsame Initiativen wagen

Die Bürgerrechtsbewegungen der Roma haben stets versucht, auf die Wandlungsprozesse in Europa zu reagieren. Bislang erhielten sie von den politischen Organisationen jedoch noch keine ausreichende Unterstützung. Stets mussten sie sich ihre Rechte mit Protesten und Eigeninitiativen selbst erkämpfen, obwohl die Verantwortung für die Integration von Minderheiten bei den europäischen Mehrheitsbevölkerungen liegt. Es genügt nicht, den Roma lediglich am Internationalen Roma-Tag Wertschätzung und Solidarität auszusprechen. Um ein gemeinsames Ziel erreichen zu können, sollten die Bürgerrechtsorganisationen als Gesprächspartner beim Abbau von Antiziganismus ernster genommen werden. Die politische Instrumentalisierung von antiziganistischen Vorurteilen zur Einschränkung von EU-Freizügigkeitsrechten und des Asylrechts ist hierfür der falsche Weg.

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  1. […] erste Welt-Roma-Kongress in London statt. Schätzungsweise 10 bis 12 Mio. Roma leben in Europa. → „Bürgerrechte stärken – Antiziganismus abbauen“, migazin.de, […]



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