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Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Perspektivwechsel

Woher kommst Du? Ich meine wirklich?

Woher kommst Du? Darf man diese Frage stellen? Ist das einfache Neugier oder steckt mehr hinter dieser Frage? Tupoka Ogette kennt diese Frage zur Genüge, die Motivation dahinter auch – ein neuer Perspektivwechsel:

VONTupoka Ogette

Die Verfasserin berät als Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung vor allem in den Bereichen Antirassismus, vorurteilsbewusste Bildung, Diversity und Empowerment. Als Trainerin und Beraterin ist sie neben dem Unternehmensbereich vor allem in Bildungsstätten (Schulen, Kitas,) Stiftungen und NGO's tätig. Mehr über sie unter: tupokaogette.de.

DATUM13. November 2014

KOMMENTARE36

RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

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Es ist 6.30 Uhr Samstagmorgen. Ich steige – herausgeputzt und mit meiner Flipchartrolle im Gepäck – in das Taxi, das mich erwartet.

„Zum Hauptbahnhof.” sage ich. „Nehmen Sie bitte die Stadtautobahn, das geht um diese Uhrzeit meistens schneller. Danke. „Eine eulenartige Sonnenbrille soll meine noch müden Augen vor dem Tageslicht schützen. Ich bemerke, wie der Taxifahrer immer wieder neugierig in den Rückspiegel schaut, um mich zu betrachten. Er rutscht auf seinem Fahrersitz hin und her, ich merke, ihm brennt etwas auf den Lippen. Oh nein, denke ich. Nicht vor dem ersten Kaffee.

Aber da kann er sich schon nicht mehr bremsen. „Sagen se mal, aus welchem schönen Land kommen SIE denn?”. Ich blicke kurz hoch und sage mit freundlicher aber wie ich finde fester Stimme: „Aus dem schönen Land Deutschland!”

Ich schaue weiter nach draußen. Ich versuche entspannt zu wirken. Innerlich aber bin ich angespannt. Der Taxifahrer scheint unzufrieden. Er rutscht weiter auf seinem Sitz hin und her. „Naja, ich meine, ich wollte eigentlich wissen, wo ich denn demnächst mal gut Urlaub machen kann? Da wo sie herkommen, ist es doch sicher warm?” Ich schweige. Leicht verunsichert, aber nur leicht, fährt er fort: „ Sie haben doch noch was anderes in Ihrem Blut. Was ist denn das?” Ich seufze resigniert. Um diese Uhrzeit und ohne wenigstens ein Gramm Koffein in mir, schaffe ich es nicht mehr, dagegen zu halten. Also spule ich die Antwort ab, die er hören will. „Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater ist…. aus Tanzania.” „Aha!” ruft er. Sichtlich erleichtert, als fallen ihm drei Zentner Gewicht von den Schultern. „Wusste ich es doch. Ich war schon mal in Kenia. Schön da. Die Menschen sind so offen….. „ er redet weiter, aber ich höre nicht mehr zu.

Wenn ich (weißen) Menschen in meinen Workshops und Seminaren sage, dass mich die Frage „Woher kommst Du?” und alle ihre verschiedenen Variationen nervt und dass das auch mit einer Form von Rassismus zu tun hat, die sich „othering”1 nennt, treffe ich oft auf eine Welle der Empörung. Selbst Workshopteilnehmer, die bis jetzt gutwillig zugehört und wirklich versucht haben, sich auf das Thema einzulassen, streiken oft spätestens jetzt.

„Das wird man ja wohl noch fragen dürfen!” „Ich bin eben interessiert an anderen Menschen!” oder „Jetzt hört es aber auf, ich bin doch nur neugierig!”.

Also erzähle ich Ihnen folgende Geschichte:

Ein vierjähriger Junge wird von einer erwachsenen Person gefragt: „Woher kommst Du?” Er antwortet: „Vom Spielplatz”. Der gleiche Junge wird zwei Jahre später gefragt: „Woher kommst Du?” „Aus Vietnam!” „Wie alt bist Du?” „Sechs.” „Wie lange bist Du schon hier?” „Zehn Jahre!”. Eine kuriose Konversation mit einem verwirrten Kind? Nein. Das Kind hat gelernt, dass es aufgrund bestimmter äußerer Merkmale mit Informationen zu einer Migrationsgeschichte antworten soll. Obwohl er in Deutschland geboren ist.

„Ist doch nicht schlimm.” lese ich aus den Augen der Teilnehmenden meines Workshops. Ist doch interessant. Und das Kind soll sich doch nicht dafür schämen wo es herkommt.

Also erzähle ich weiter: Ich selbst bin in Leipzig geboren. Ich sprach Deutsch wie alle, dachte und träumte in Deutsch, aß gern Leipziger Allerlei und konnte bei Bedarf einen phänomenalen sächsischen Dialekt hinlegen. Leipzig war meine Heimat. Die Menschen außerhalb meiner Familie, im Kindergarten, auf der Straße, in der Straßenbahn, sahen das anders. Ständig und immer wieder suggerierten sie – mal mehr und mal weniger subtil, dass ich nicht so aussah, wie man hier aussieht, und ergo nicht von hier sein konnte. Unzählige Male wurde ich gefragt, wo ich denn WIRKLICH herkam, was für eine „Mischung” ich war, wo meine Wurzeln liegen und ob ich denn nicht mal wieder zurück wolle. Ich wurde für mein gutes Deutsch gelobt.

Im Gymnasium, später in Berlin, sollte ich im Geschichtsunterricht über meine Heimat erzählen. „Also in Leipzig…” fing ich an. „Nein, sagte die Lehrerin mit ernstem Blick, Deine richtige Heimat, im Busch.”

Meine Erfahrungen decken sich oft eins zu eins mit denen meiner Schwarzen oder PoC2-Workshopteilnehmern. Seien es Erwachsene oder Kinder. Letztens, in einem Seminar der Heinrich-Böll-Stiftung, bat ich die Schwarzen und die Teilnehmenden of Color mal Sprüche aufzuschreiben, die sie nie wieder hören wollen. Die Frage „Woher kommst Du, war in verschiedenen Versionen in vier der 15 genannten Sätze enthalten.

  1. othering = andern, jemanden zu dem/der Anderen machen, durch Ausgrenzung in Sprache und Aktion.  []
  2. PoC- Person of Color (Plural: people of color) ist ein Begriff aus dem anglo-amerikanischen Raum für Menschen, die gegenüber der weißen Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß gelten und sich wegen ethnischer Zuschreibungen („Sichtbarkeit“) alltäglichen, institutionellen und anderen Formen des Rassismus ausgesetzt fühlen.  []
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36 Kommentare
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  1. Nils sagt:

    Super Artikel! In der Soziologie lässt sich das theoretisch fassen als ethnic oder symbolic boundary making. Die Frage „Woher kommst Du?“ stärkt dann diese Grenze.

  2. Karim sagt:

    Ja in der Soziologie. Die Soziologie hat heute leider nur noch einen Zweck: So viele Opfer wie möglich zu kreieren, um öffentliche Gelder locker zu machen – zum Beispiel für Seminare der Heinrich-Böll-Stiftung. (Ich bin selbst Soziologe)

    Zum Thema: Ich kenne dieses Problem, aber es ist längst kein Problem mehr für mich. Ich sage dann einfach: Ich komme aus Deutschland, aber mein Vater ist Marokkaner. Früher habe ich das auch als Rassismus wahrgenommen. Bis ich mich irgendwann fragte: Was können die Menschen eigentlich für deine Identitätskomplexe? Wenn du Deutscher sein möchtest, dann bist du das auch, also was interessieren dich die Schubladen der anderen? Es gibt feinfühlige Menschen, die die Frage durchaus gekonnt umgehen und trotzdem herausfinden, was sie wissen möchten, und es gibt Idioten, die das eben nicht können. Solche Artikel bewirken doch nur, dass die Menschen dauer-empört durch das Leben laufen. DAS macht kaputt, nicht die doofe Nachfrage eines Taxifahrers. Außerdem finde ich es bemerkenswert, dass die Autorin selbst zugibt, am beschriebenen Morgen genervt gewesen zu sein. Ich frage mich: Welches Recht haben wir, unseren Mitmenschen fragen verbieten zu möchten, weil wir sie unbequem finden und unseren Kaffee noch nicht hatten? Ich finde das höchst dekadent.

  3. Vielen Dank für diesen Artikel. Ich beschäftige mich noch nicht sehr lange mit kritischem Weißsein und merke, wie sehr ich immer wieder solche Schilderungen brauche, um langsam aber sicher zu begreifen, wie alltäglicher Rassismus funktioniert. Und dass ich mich selber noch oft genug so verhalte.

  4. Eric W. sagt:

    Da ich optisch relativ wenig von meiner japanischen Mutter geerbt habe (weder schwarze Haare noch Augen) wurde ich zwar nie gefragt woher ich wirklich komme, dafür aber ob ich adoptiert bin. Ist das jetzt auch Rassismus? Falls ja, gibts dafür auch so einen tollen Begriff? Reverse-Othering?

  5. Zwiebelchen sagt:

    Die Diskussion über dieses „Woher kommst du“ ist ja nicht ganz neu, erreicht aber gerade wohl einen neuen Höhepunkt. Sie verknüpft die Aspekte Anderssein (also subjektiv „anders als ich“) und Neugierde. Ab wo Neugierde belästigend wird, ist ja auch bei anderen Themen eine eigene Diskussion. Andererseits ist Neugierde das, was die Menschen vorran bringt – halt nicht alle Formen von Neugierde.

    Ich bin „weiß“, also in Deutschland „natio-ethno-kulturell“ unauffällig. Nun lebe ich aber nicht nur in Deutschland, sondern ich wohne auch in Bayern. Ich bin aber nicht in Bayern geboren. Das sieht man mir nicht an, aber man hört es an der Sprachfärbung. Und das führt nun dazu, dass ich schonmal gefragt werde „Wo sind Sie dann her?“.

    Ist das jetzt auch Rassismus? Muss ich mich deswegen beschweren? Sollte ich die Leute, die so etwas fragen zurecht weisen? Es ist klar – solange die eingeborenen Bayern sich nicht als extra Rasse definieren, sind es zwei verschiedene Ebenen (allerdings das auch nur in den Köpfen einiger Leute, die sich über Begriffe wie „Rasse“ selber definieren). Letztlich ist die Frage, wo die Grenze ist. Neugierde ist eben nicht nur schlecht und manchmal macht der Ton die Musik.

    Und ja: mit nur ein wenig Einfühlungsgefühl kann man sich denken, dass manche Fragen einfach nur nerven. Werden sie trotzdem gestellt, ist das aber eher individuelles Fehlverhalten (es ist einfach, Trottel zu finden), und kein gesamtgesellschaftliches Versagen.

    Vielleicht kann Tupoka Ogette oder jemand anders auch mal einen Artikel schreiben über die vielen Leute, die nicht „Woher kommst du“ fragen, denen die Hautfarbe so egal wie die Haarfarbe ist. Ach ja: die meisten Bayern fragen mich nicht nach meinem nicht 100-prozentig bayerisch klingenden Slang. Aber Bayern gehört ja schon eine Weile zu Deutschland.

  6. caro sagt:

    ich finde es mal wieder typisch, dass unter den artikel, wo eine person über ihre eigenen erfahrungen schreibt, und wie sie sie einordnet,dann gleich jemand anderes meint, schreiben zu müssen, dass das nicht so ist.
    warum kann das nicht einfach so stehen bleiben? natürlich ist es nervig und übergriffig, andauernd nach der „herkunft“ gefragt zu werden, obwohl die antwort für den_die fragesteller_in schon feststeht: „nicht von hier/keine_r von uns“ und das ist das problem! so wie es auch oben im text beschrieben steht. und das hat nichts mit persönlichen identitätskonflikten zu tun, weil man eben nicht in deutschland einfach so deutsch sein kann, wenn man das will, weil diese unsägliche blut-und-boden-ideologie noch so fest in den köpfen sitzt, dass es eben auch ein bestimmtes bild davon gibt, wie ein_e deutsche_r aussieht, auch wenn das nichts mit der realität zu tun hat.

  7. Songül sagt:

    Schließe mich Karim an.
    „Was können die Menschen eigentlich für deine Identitätskomplexe?“
    Den Eindruck, sie würde ihre afrikanischen Wurzeln am Liebsten unsichtbar werden lassen, hinterließ die Autorin mit einem ihrer vorherigen Artikel hier auf migazin bereits bei mir:

    http://www.migazin.de/2014/09/19/normal-deutschland-warum-sohn-haare/

    Warum unbedingt othering?! Die fragende Person kann durchaus Deutschland als Einwanderungsland verstehen und akzeptieren – und zwar mit all seiner Vielfalt! Schon mal darüber nachgedacht?!

    Ich, selber natio-ethno-kulturell auffällig, frage auch nach, weil ich es spannend finde. Und je selbstbewusster und offensichtlicher, z.B. durch den Kleidungsstil, Haar(schmuck), die Wurzeln nach außen getragen werden, die Traditionen gepflegt werden, umso spannender finde ich es. Das Gegenteil finde ich traurig, wie in dem oben erwähnten Artikel.

  8. Anna Sampori sagt:

    Das Magazin Exberliner hat vor einigen Monaten einen aehnlichen Artikel publiziert (Autorin „Amok Mama“). Ich hatte die Diskussion letztens mit einer Bekannten, in Deutschland geboren, beide Eltern aus Eritrea. Fuer sie war es -wenn feinfuehlig gefragt wurde- kein Problem, sondern Interesse. Sehe ich als Fragende auch so, zumal bei fast jeder neuen Begegnung in einer Stadt auch die Frage kommt: Und, wo kommst du her? Berlin? Kiel? Muenchen? London? Klar geht‘ s hier um Schubladen, aber positiv betrachtet vereinfachen diese das Leben. Solange sie nicht dazu fuehren, dass man mit Vorurteilen konfrontiert wird wie die Schwaben im Prenzlauer Berg, finde ich das in Ordnung. Eine biografische Familieninfo, die nicht ins Detail
    gehen muss. Schade, wenn das von der Autorin als Antirassismustrainerin nicht so gesehen wird.

  9. Thomas sagt:

    @caro:

    Um von „Woher kommen Sie?“ auf „blut-und-boden-ideologie“ zu kommen, benötigt man schon einen gehörigen Identitätskomplex.

    Menschen machen nunmal gerne Konversation. Konversation benötigt Anknüpfungspunkte. Und da ist die Hautfarbe (ähnlich wie Kleidung, Frisur, Wetter, Bahnstreik, etc…) nunmal einer der ersten und offensichtlichsten Punkte, über die man mit Fremden ins Gespräch kommen kann.

    Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass man früh morgens keine Lust auf Konversation hat (geht mir nämlich genauso), aber aus den Smalltalk-Versuchen anderer Menschen Rassismus zu konstruieren ist dann doch etwas gewagt.

  10. Annette sagt:

    vielen dank für diesen artikel.
    ich versuche seit jahren kolleg_innen von mir zu vermitteln, dass es halt nicht „einfach nur“ eine freundliche frage ist, sondern viele menschen verletzt.
    ich zum beispiel werde nie gefragt, woher ich komme – außer ein mal. da war ich mit hamburgern unterwegs und als die meine antwort „aus berlin“ nicht zufrieden waren und begannen theorien aufzustellen woher ich meinen akzent haben könnte . da war ich äußerst verwirrt über das infragestellen meiner antwort – und das war nur ein mal!
    es ärgert mich, dass menschen sich trauen auf diesen privaten bericht zu schreiben , dass es was mit persönlicher überempfindlichkeit zu tun hätte…

    mir scheint manchmal, dieses abchecken von menschen im privaten ergänzt auf brutale weise das racial profiling der polizei. beides richtet sich gegen menschen, die nicht „arisch“ genug aussehen . und wir hatten doch gehofft, diese zeiten seien ein für allemal vorbei.


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