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The Cut

Ein Angebot, sich dem Trauma zu stellen

Fatih Akın hat für seinen neuen Film „The Cut“ viele Steine abbekommen. Kritiker fühlen sich um eine politische Auseinandersetzung betrogen. Akın wiederum ging es nicht darum, den Völkermord zu thematisieren. Er versteht seinen Film als ein Angebot. Am Sonntag feierte sein Film Premiere in Hamburg.

VONDilan Yılmaz

Die Verfasserin (geb. 1986 in Velbert) studierte Germanistik/Anglistik. Ihre Masterarbeit verfasste Yilmaz zur „Integrativen Funktion von Funkhaus Europa am Sendebeispiel von Cafe Alaturca“. 2012 gewann sie den „Örsan Ögmen Reportage-Wettbewerb“ mit einem Audiobeitrag, der die Chancen und Probleme der Bilingualität bei türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland aufzeigt.

DATUM30. September 2014

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In „The Cut“ erzählt Fatih Akın die Geschichte eines armenischen Schmieds, Nazareth Manoogian (Tahar Rahim), der mit seiner Frau und seinen Zwillingstöchtern im türkischen Teil des Osmanischen Reiches lebt. Eines Nachts werden alle armenischen Männer des Dorfes gewaltsam von ihren Familien getrennt und in die nahegelegene Wüste verschleppt. Hier sollen sie Zwangsarbeit verrichten, bis der Befehl erteilt wird, alle Männer umzubringen. Um an Munition zu sparen, sollen die Männer mit dem titelgebenden „Cut“ getötet werden.

Durch mehrere „glückliche“ Umstände überlebt Nazareth das Massaker, doch er verliert alles, seine Familie, seine Stimme und seinen Glauben. Ziellos verbringt der verstummte Schmied seine Jahre, bis er erfährt, dass seine totgeglaubten Töchter leben. Jetzt beginnt seine große Reise, die sich von den Wüsten Mesopotamiens über Havanna bis zu den Prärien North Dakotas erstreckt und ein Jahrzehnt überschreitet. Auf der Suche nach seinen Töchtern begegnet Nazareth verschiedenen Menschen, manche sind ihm wohlgesonnen, andere sind der Teufel in Menschengestalt.

Dem „Teufel“ widmet sich der Film, der gleichzeitig den Abschluss der Trilogie „Liebe-Tod-Teufel“ darstellt. Das Böse im Menschen ist der Gegenstand, mit dem sich Akın im Film auseinandersetzt. „Ich glaube, Boshaftigkeit existiert in uns vom Moment unserer Geburt an. Was ich faszinierend fand, war die Tatsache, dass Boshaftigkeit ein Prozess ausgehend vom Guten ist, und das Gegenteil dieses Phänomens ebenso existiert“, sagt Akin.

„The Cut“ ist das Produkt aus dem ursprünglichen Vorhaben Akıns, das Leben von Hrant Dink zu verfilmen. Der armenische Journalist wurde 2007 auf offener Straße erschossen. Da sich keine türkische Besetzung für den Journalisten fand und den türkischen Schauspielern das Drehbuch „zu drastisch“ war, wurde dieses Projekt auf Eis gelegt. Akın widmete sich einem neuen Skript zu, von dessen Realisierung er träumte, die Geschichte von anatolischen Emigranten in die Vereinigten Staaten. Er kombinierte Teile vom Dink-Skript mit dem neuen Projekt und so kam „The Cut“ zustande, der seine Premiere vergangene Woche bei den Filmfestspielen in Venedig feierte. Als einzige deutsche Beteiligung an den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig, wurde der Film auch als „deutsche Hoffnung“ bezeichnet, auch wenn es zu keiner Auszeichnung gereicht hat.

Die Reaktionen zum Film variieren stark. Allgemein lässt sich eine weniger euphorische Tendenz beobachten. Der Film sei überraschend unpolitisch. Der Mord an den Armeniern sei lediglich der Auslöser für die tragische Geschichte des Helden, mehr allerdings auch nicht, heißt es vonseiten der Filmkritiker. So fühle man sich um eine politische Auseinandersetzung betrogen.

Warum Akın die Armenier im Film mit einem stark armenischen Akzent Englisch sprechen lässt, wohingegen alle anderen in ihrer Muttersprache sprechen, leuchtet den Kritikern ebenfalls nicht ganz ein. Der Film leide an dieser Entscheidung von Akın, der Zuschauer sei irritiert und baue eine Distanz zum Film auf. Der Held habe diesen naiven, nichtssagenden Blick, die Geschichte sei zu lang geraten, die Erzählweise zu konventionell ausgefallen. Insgesamt hat Akın von deutschen Filmkritikern in Venedig viele Steine abbekommen. Aber auch lobende Stimmen sind vernehmbar, so wird dem Film eine unglaubliche Bildgewalt zugesprochen, der Film sei ein Tableau des Grauens, der den Zuschauer am Ende zu Tränen rühre.

Akın will seinen Film nicht in das Kriegsfilm-Genre einordnen lassen. Es ist ein Einzelschicksal, dass er erzählt, gleichzeitig eine Tragödie, ein Abenteuer, aus Sicht der Armenier ein Western, ein Drama, ein Epos. Das Ziel seines Films sei nicht, einen Völkermord zu thematisieren, dafür hätte man einen Dokumentarfilm drehen müssen. „The Cut“ versuche ein Trauma zu verarbeiten, es sei ein Angebot, sich diesem Trauma zu stellen. Ganz getreu der Katharsis, der Reinigung der Seele durch Rührung. Besonders der türkische Zuschauer soll sich vollkommen mit dem Helden identifizieren und mit ihm leiden.

Auch aus diesem Grund ist die Resonanz der türkischen Presse für Akın besonders wichtig. Und diese fiel besonders positiv aus. Sollte der Film in den türkischen Kinos gezeigt werden, würde für Akın ein großer Wunsch in Erfüllung gehen. In Deutschland kommt der Film am 16. Oktober 2014 in die Kinos.

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2 Kommentare
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  1. Florian sagt:

    Ich „freue“ mich schon auf den Film. Head-On und besonders The Edge of Heaven waren Filme, an die ich mich immer wieder erinnere.
    Ohne den Film schon gesehen zu haben, finde ich die Kritik, die politische Lage quasi „mitlaufen“ zu lassen irgendwie falsch. Auch in The Edge of Heaven wird zwar eine politisch-angehauchte Geschichte erzählt, aber sie ist nicht Hauptteilfokus, obgleich Akins Meinung durchscheint.

  2. kartoffelbauer sagt:

    mein Lieblingsfilm ist und bleibt „Sommer in Mezra“ von und mit dem grandiosen Hussi Kutlucan. Auch auf diesen Film aber freue ich mich!



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