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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Portrait einer Duisburger Straße

Von neuen Menschen und alten Problemen

Die Wanheimer Straße verläuft mitten durch den Duisburger Problemstadtteil Hochfeld. Das Viertel hat einen schlechten Ruf. Niemals würden sie sich dorthin trauen, erklären Außenstehende, nicht mal zum Einkaufen. Doch was sagen die Bewohner? Jasamin Ulfat hat mit ihnen gesprochen.

VONJasamin Ulfat

 Von neuen Menschen und alten Problemen
Jasamin Ulfat, im hessischen Gelnhausen geboren, Kind eines afghanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Derzeit Promovierende der Postcolonial Studies an der Universität Duisburg-Essen.

DATUM27. August 2014

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Verzweiflung, Armut und mafiöse Strukturen zwingen viele junge Roma in die Straffälligkeit. Neben Nahrungsmitteln im Supermarkt werden Taschen und Portemonnaies gestohlen. Die Diebe selbst haben nicht viel von ihrer Beute. Den größten Teil müssen sie abliefern. „Wenn man teure Autos mit bulgarischen Kennzeichen sieht, dann sind das nicht die üblichen, armen Einwanderer, die darin fahren. Es sind die großen Clanchefs und deren Handlanger, die mit Angst und Terror die Armen regieren und als Sklaven ausbeuten.“ Hier wird der Pfarrer zum ersten Mal wütend. Er erzählt von Niedrigstlöhnen und immer wieder von Prostitution. „Keine Frau verkauft sich freiwillig für fünf Euro“, betont er und erklärt, wie die Banden vorgehen. „Viele dieser Frauen sind alleine in Deutschland. Ihre Familien mussten zurückbleiben. Wenn die Frauen nicht gehorchen, leiden die Familien. Wenn sie durch Prostitution nicht genug Geld verdienen, werden in der Heimat die Organe ihrer Kinder verkauft“, das sei ihm von Betroffenen so zugetragen worden. Beweise dafür gibt es nicht.

Auch im Stadtteilbüro ist man sich sicher, dass die Clanchefs das größte Problem sind. In einer armen Stadt verdient man mit Prostitution nicht viel, weil auch die Freier nicht viel zahlen können. Versteckt, in den Hinterzimmern der Männercafés, müssen immer mehr Minderjährige für noch weniger Geld ihre Dienste anbieten. Sie sind die schwächsten Glieder in der Kette, und damit am einfachsten auszubeuten.

Die Angst ist groß, dass sich in den kommenden Jahren diese mafiösen Strukturen verfestigen. Immer wieder liest man von den Gefahren, die auf Deutschland zukommen, sobald diese EU-Bürger erst einmal so lange hier sind, dass ihnen Sozialleistungen zustehen. Derzeit ist es nur das Kindergeld, aber wenn die Ansprüche steigen, schnellen dann auch die Einwanderungszahlen in die Höhe?

Auch hier bietet sich ein differenzierter Blick an, denn das Beantragen von Sozialleistungen kann auch zur Lösung werden. Langfristig sieht Pfarrer Augustin die Lage positiv. „Familien, die ein stabiles Einkommen haben – und sei es über Sozialleistungen –, sind finanziell unabhängig und können sich am Ende vielleicht sogar aus den Fängen der Clans befreien.“ Sicher ist er nicht, aber die Hoffnung bleibt. Hochfeld sei einer der spannendsten Stadtteile Duisburgs. „Die Menschen, egal welcher Herkunft, identifizieren sich gerne lokal, das heißt mit ihrem Stadtteil. Deutsche, Türken, Bulgaren und Rumänen fühlen diese Verbindung zu Hochfeld, und sehen sich – je länger sie bleiben – tatsächlich als Hochfelder.“ Pfarrer Augustin findet diese Doppel- und Dreifachidentitäten sehr vielversprechend. Für viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist es schwer bis unmöglich, ihre Herkunftskultur völlig abzustreifen. Dennoch möchten sie auch deutsch sein und fühlen sich hier zuhause. Wenn eine Doppelidentität möglich wird, die dann auch noch eine ganz starke lokale Bindung hat, ist das Zusammenleben viel leichter.

„Was spricht dagegen, mit Leib und Seele deutsch-türkischer Hochfelder zu sein?“, fragt er und führt die 2006er Fußball-WM als Beispiel an. „Beim Spiel Deutschland-Türkei hatten wir hier an der Wanheimer Straße Angst vor Ausschreitungen. Am Ende haben alle gemeinsam gefeiert, mit einem bunten Mix aus deutschen, türkischen und anderen Flaggen. Ein Hochfelder mit türkischem Migrationshintergrund brachte es auf den Punkt: ‚Weißte, ich hab ja sowieso gewonnen – egal ob Türkei oder Deutschland, mein Herz schlägt für beide!’“ In diesen Momenten wirken die Probleme des Viertels sehr klein. Aber leider ist nicht jeden Tag WM. Dennoch ist Toleranz kein abstrakter Wert, dem wir uns verpflichten müssen, weil es der Geist der Zeit gebietet. Toleranz erlaubt uns, die Wanheimer Straße und ihre Anwohner für das zu schätzen, was sie sind: eine spannende, herzliche, manchmal etwas schwierige Mischung aus Kulturen, Sprachen, Generationen und Traditionen, von denen jeder etwas lernen kann.

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