MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Portrait einer Duisburger Straße

Von neuen Menschen und alten Problemen

Die Wanheimer Straße verläuft mitten durch den Duisburger Problemstadtteil Hochfeld. Das Viertel hat einen schlechten Ruf. Niemals würden sie sich dorthin trauen, erklären Außenstehende, nicht mal zum Einkaufen. Doch was sagen die Bewohner? Jasamin Ulfat hat mit ihnen gesprochen.

VONJasamin Ulfat

 Von neuen Menschen und alten Problemen
Jasamin Ulfat, im hessischen Gelnhausen geboren, Kind eines afghanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Derzeit Promovierende der Postcolonial Studies an der Universität Duisburg-Essen.

DATUM27. August 2014

KOMMENTARE1

RESSORTGesellschaft, Leitartikel

SCHLAGWÖRTER , , ,

Seite 1 2 3

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Hoffnung für die Hoffnungslosen

Heiner Augustin war fast acht Jahre lang Pfarrer der evangelischen Pauluskirche, die mit ihrem imposanten Bau und ihrem einladenden Vorplatz so etwas wie das Herz der Wanheimer Straße ist. Im Sommer finden hier Nachbarschaftsfeste statt, sogar im Winter sammeln sich die Einwohner, ganz gleich welchen Glaubens, unter den hohen Bäumen vor den Kirchentreppen zum Lachen, Reden und Trinken. „Das ist manchmal etwas laut“, erklärt der Pfarrer mit einem Lächeln. In seiner Zeit in Hochfeld sei dies für ihn aber schon das Unangenehmste gewesen. Alle anderen Probleme hat er mit Elan und Zuversicht angepackt und sieht auch heute noch sehr viel Gutes in Hochfeld.

„Die Menschen dort haben Probleme, aber sie sind nicht das Problem.“ Und so erzählt er von den positiven Veränderungen im Viertel, vom enormen Willen und Bürgerengagement der Hochfelder – und prognostiziert, dass die Wanheimer Straße vom jetzigen Ort der Verzweiflung in den nächsten Jahren zum Szeneviertel des Ruhrgebiets werden kann.

Hochfeld ist heterogen. Hier existiert keine einzelne Parallelgesellschaft sondern so viele, dass man sie an einer Hand nicht aufzählen kann. Berührungspunkte gibt es wenige, seit die Arbeitsplätze weggefallen sind. Früher, so erzählt der Pfarrer, haben sich Einwanderer und Deutsche noch auf der Arbeit kennengelernt. Das sei zwar nicht immer ohne Spannungen verlaufen, aber man habe sich zusammengenommen. Schließlich arbeitete man gemeinsam und hatte eine gemeinsame Zukunft. Seit den Werkschließungen hörte das Miteinander auf. Die ansässige, deutsche Gruppe unterteile sich mittlerweile in zwei Parallelgesellschaften, die nichts mehr miteinander gemein hätten. „Da gibt es die Qualifizierten, die an Hochfeld hängen und nicht weggehen möchten. Und da gibt es die Abgehängten, die den Tag nach der Flasche und den Öffnungszeiten der Trinkhallen strukturieren, und nicht aus Hochfeld weggehen können“, erläutert Pfarrer Augustin. Ähnliche Spaltungen entlang der Bildungsgrenzen gäbe es in allen Gruppen. „Von außen könnte man meinen, dass es eine Spaltung zwischen ‚den Deutschen’ und ‚den Einwanderern’ gäbe – aber das stimmt nicht. Tatsächlich läuft die Zersplitterung viel tiefer.“ Gebildete und ungebildete türkische Einwanderer lebten genauso nebeneinanderher wie gebildete und ungebildete Rumänen und Bulgaren. „Das ist ohnehin die größte Fehleinschätzung: natürlich gibt es unter den neusten Zuwanderern auch Menschen, die ohne Chancen dastehen. Die meisten von ihnen aber haben höhere Bildungsabschlüsse oder sind als Handwerker Spezialisten in ihrem Gebiet. Sie arbeiten hart, oft für Hungerlöhne. Sie sind nicht hierhergekommen, um sich auszuruhen und dem Staat auf der Tasche zu liegen.“

Bei den Diskussionen über die Roma fällt immer wieder unter den Tisch, dass es schon vorher große Probleme in den Stadtteilen gab. Hochfeld wurde schon vor Jahren abgehängt, das ist nicht die Schuld der Roma. Durch ihren Zuzug verschärfen sie lediglich ein bereits vorhandenes Problem. Die Angst, von den Roma ‚überrannt’ zu werden, sei unbegründet. Tatsächlich sind es gar nicht so viele, in ganz Duisburg nur etwa 4000 Menschen. „Wenn diese Menschen in eine gute, in sich gefestigte Nachbarschaft ziehen geschieht das, was immer geschieht: die Einwanderer passen sich an. Sie sehen die Sauberkeit auf der Straße, sie beginnen, die Zyklen der Müllabfuhr zu verstehen – und sie machen mit. Sie fangen an, Gärten zu pflegen, das Straßenbild mit Blumenkästen im Fenster zu verschönern. Auch Roma leben gerne hübsch!“ Die Probleme entstünden erst dann, wenn zu viele dieser armen Einwanderer auf einem einzigen Platz zusammengepfercht würden. „Aber das ist kein kulturelles Problem. Stellen Sie sich vor, man würde 600 arme Deutsche in ein Mehrfamilienhaus mit 20 Wohnungen quetschen – keine Hoffnung auf Arbeit, kein Geld, kaum staatliche Hilfe. Da würde es bald nicht anders aussehen, als in den Roma-Siedlungen“, ist sich der Pfarrer sicher. Unter den Abgehängten des Viertels gehören die Roma zu den größten Verlierern. Keiner möchte ihnen Wohnungen vermieten, und selbst diejenigen mit Bildungsabschlüssen stellt kaum jemand gerne ein. „Man muss diesen Menschen Anknüpfungspunkte geben, damit sie sich integrieren können, und darf nicht zulassen, dass skrupellose Vermieter ihnen die größten Schrottimmobilien für Wucherpreise vermieten.“ So bemüht sich die Pauluskirche, zu den vielen Problemen der Roma einige Lösungen zu finden. Auch die neuen Zuwanderer sind in sich heterogen. Einige von ihnen organisieren sich in einer evangelischen Freikirche. Diesen Menschen stellt die Pauluskirche in ihren Räumen Platz für regelmäßige Gottesdienste und Versammlungen zur Verfügung. „Noch ist das Sprachvermögen der meisten Neuen nicht sehr gut, aber ihre Kinder lernen schnell, und werden bald zu Übersetzern.“

In den Schulen fallen die Roma-Kinder auf, wenn sie es denn schaffen, diese regelmäßig zu besuchen. Sie sind schlau, lernen schnell. Mit ihren neu erworbenen Kenntnissen helfen sie den älteren Generationen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Alleine deshalb ist es wichtig, die gesetzliche Schulpflicht auch für die Roma-Kinder durchzusetzen. Das gestaltet sich allerdings schwierig. Denn neben den üblichen Problemen, die Einwanderergruppen mit sich bringen, wenn sie einen neuen Anfang in einem neuen Land wagen, haben es die Roma in einer Hinsicht besonders schwer. Hier geht es nicht nur um Zuwanderung, sondern auch um organisierte Kriminalität. Das, so erklärt der Pfarrer, ist das hauptsächliche Problem, auch wenn die größten Opfer dieser Kriminalität die Zuwanderer selbst sind.

Seite: 1 2 3
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

Ein Kommentar
Diskutieren Sie mit!»



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...