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Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Aladin El-Mafaalani

„Würden Sie sich vorschreiben lassen, wie Sie zu leben haben?“

Konflikte sind ein Zeichen gelungener Integration. Denn je integrierter Menschen sind, desto stärker wollen sie mitgestalten, verändern, Ansprüche erheben, Interessen vertreten, sich organisieren – Aladin El-Mafaalanis Birlikte-Rede zum 10. Jahrestag des NSU-Bombenanschlags.

Ich könnte zum Einwanderungsland Deutschland 10 Minuten Schlechtes erzählen und müsste nicht lügen. Es gibt Probleme, klar. Da aber über diese Probleme wirklich ausführlich berichtet wurde und wird, kann ich Ihnen nichts erzählen, was Sie nicht schon wüssten.

Deshalb mache ich es anders und erzähle über einige Erkenntnisse, die bei mir selbst zu einem Perspektivwechsel geführt haben. Denn: Vorurteile sind hartnäckig.

Nehmen wir das Kopftuch. Das Kopftuch ist so etwas, worüber gestritten wird und worüber auch gestritten werden kann! Diese Diskussion findet selbst unter Muslimen statt. Aber was bedeutet dieses Stück Stoff überhaupt? Und wie funktioniert es in Deutschland? Ich meine also keine theologische oder historische Analyse, sondern ich frage danach, was es in der Praxis heute in Deutschland bedeutet, ein Kopftuch zu tragen.

Ich habe mit Frauen gesprochen, die das Kopftuch über viele Jahre trugen und es dann irgendwann abgelegt haben. Was waren ihre Erfahrungen? Ich war selbst überrascht und musste meine Vorstellungen neu sortieren. Diese Frauen fühlten sich nicht mehr wahrgenommen, sie fühlten sich incognito. Kaum jemand guckte sie mehr an. Und das lag nicht daran, dass sie unattraktiv wären, sondern weil sie nun nicht mehr auffielen.

Das Kopftuch wirkt zunächst so, als würde es Frauen entmündigen, schüchtern und ängstlich halten. Darauf können sich viele Menschen schnell einigen, das ist das klassische Vorurteil. Aber wenn eine Frau in Deutschland ein Kopftuch trägt, dann ist sie keine Ameise im Armeisenhaufen, wie das vielleicht in manch einem muslimischen Staat wäre. Ein Kopftuch zu tragen, bedeutet nämlich, aufzufallen, beobachtet und angegafft zu werden, in Diskussionen mit Fremden und in der Regel skeptischen Menschen verstrickt zu werden, sich permanent rechtfertigen zu müssen und und und. Es schützt nicht!

Im Gegenteil: Es gehört eine gehörige Prise Selbstbewusstsein dazu und man muss hart im Nehmen sein, wenn man dieses Symbol trägt.
Es gibt die Fälle von Zwang, klar, aber es sollte jedem auch klar sein, dass dies nicht die Regel ist. Häufig genug tragen junge Frauen eins, während ihre Mütter dies nicht tun, was zeigt, dass es auch ein Zeichen von Emanzipation, Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und auch von gelungener Integration sein kann.

Was soll das bedeuten? Sachverhalte eben nicht danach zu sortieren, dass die Vorurteile weiter funktionieren. Über Menschen eben nicht danach zu urteilen wie sie aussehen, welche Kopfbedeckung sie tragen, welche Hautfarbe, Augenform, Haarstruktur sie haben. Und auch nicht danach, welche ungewöhnliche Namen sie tragen. Die Menschen respektieren und nur über Themen gemeinsam diskutieren, auch gemeinsam streiten. Anerkennung und Teilhabe! Das sind die zentralen Aspekte, das ist Integration. Genau dafür steht Birlikte – die drei Tage haben das in eindrucksvoller Weise gezeigt.

Und meine These lautet: Integration funktioniert gut! Und das, obwohl eine aktive deutsche Integrationspolitik bis zur Jahrtausendwende kaum existierte. Integration funktioniert gut! Wer das anders sieht, lief vor 30 oder 40 Jahre mit Scheuklappen durchs Land. Kinder von zugewanderten Familien arbeiten in allen Bereichen auch in Spitzenpositionen, in Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst, Politik usw. Ich rede hier auch von Gastarbeiterkindern. Und die Integrationspolitik der letzten 15 Jahre wird noch weiter Wirkung zeigen. Aber jetzt schon zeigen die allermeisten Daten, dass es – bei allen Problemen – in die richtige Richtung geht. In den letzten 15 Jahren hat es eine positive Entwicklung gegeben. Aber man muss sich die Frage stellen: Warum wird das häufig nicht erkannt? Warum wird genau in dem Zeitraum, in dem es immer besser läuft, ein entgegengesetzter Eindruck vermittelt?

Und damit komme ich zu einer weiteren These: Viele Menschen meinen, am Ende gelungener Integration steht Harmonie und Statik, also Anpassung. Genau das ist aber ganz häufig nicht der Fall. Einwanderungsländer sind komplexe Gebilde. Integration ist keine Einbahnstraße. Je besser Integration gelingt, desto mehr Menschen sind gestaltende Teile des Ganzen und äußern ihre Interessen und Bedürfnisse und verändern dadurch auch das Land. Und das führt zu Kontroversen, immer wieder aufkommenden Diskussionen und auch zu Konflikten.

Das ist ganz typisch für Menschen, die integriert sind. Menschen, die integriert sind, wollen mitgestalten, verändern, erheben spezifische Ansprüche, äußern ihre Bedürfnisse, vertreten eigene Interessen, organisieren sich selbst und im übrigen verhalten sie sich damit auch typisch deutsch: Sie gründen wie wahnsinnig Vereine.

Integration bedeutet Veränderung und Wiederholung. Die Gesellschaft verändert sich und Probleme wiederholen sich, weil jedes Jahr eine neue erste Generation nach Deutschland kommt, zuletzt waren es jährlich 1 Million Menschen, jährlich die Bevölkerung Kölns. Und deshalb kann nicht einmal über alles gesprochen haben und glauben: so, das war’s. Und na klar, das ist anstrengend.

Die Kritiker verwechseln Integration häufig mit Ruhe und Provinzialität. Das Verständnis der Kritiker von Integration bezieht sich eben nicht auf Teilhabechancen und Zugehörigkeit, sondern eher darauf, eine gewisse Lebensweise vorzuschreiben und dann in Kontroversen und Veränderungen immer nur das Schlechte zu sehen.

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6 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Saadiya sagt:

    Klasse Rede!

  2. Kai Diekelmann sagt:

    Was für ein erfrischender Beitrag!
    Was ich anders sehe, ist: Skepsis gegenüber Einwanderung überhaupt ist nicht nur bei Populisten und Demagogen vorhanden, sondern anthropologisch in uns angelegt, lediglich die Ausprägung ist unterschiedlich. Ein wesentlicher Einflussfaktor auf die Skepsis sind Bereitschaft und Gelegenheit zur Annäherung an Andere/Fremde und die dabei gemachten Erfahrungen. El Mafaalani ist zuzustimmen, dass selbstbewusst „Integrierte“ mitgestalten und mitbestimmen wollen und Ansprüche erheben. Das ist die eigentliche Nagelprobe, insbesondere für Menschen mit wenig stabilem Selbstwertgefühl. Die bekommen schlicht Angst, dass plötzlich ungewohnte „neue Mächtige“ ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu leben und zu denken haben. – Die frühere Berliner „Ausländerbeauftragte“, Barbara John, hat gesagt: Integration ist eine Jahrhundertaufgabe. Ich fürchte, sie hat Recht, was die notwendige Geduld im Eintreten für mehr Vielfalt-Akzeptanz in der Bevölkerung betrifft.

  3. Max sagt:

    Zitat:
    „Die Kritiker verwechseln Integration häufig mit Ruhe und Provinzialität. Das Verständnis der Kritiker von Integration bezieht sich eben nicht auf Teilhabechancen und Zugehörigkeit, sondern eher darauf, eine gewisse Lebensweise vorzuschreiben und dann in Kontroversen und Veränderungen immer nur das Schlechte zu sehen.“

    Tja, dann gibt es wohl viele Deutsche, die die Provinzialität der naja, was auch immer das Gegenteil ist.
    Wer findet das z.B. Neukölln oder andere „Melting pots“ Deutschlands, wo kopftuchtragende Frauen und hohe Jugendkriminalität das Straßenbild bestimmen ein Modell für ganz Deutschland ist, der kann ja dorthin ziehen.

    Zitat:
    „Der Kopftuch-Streit steht für solche Veränderungen und ist ein solcher Konflikt. Aber was vergessen wird: Erst als eine Frau mit Kopftuch ein Lehramtsstudium erfolgreich absolviert und Lehrerin in Deutschland werden will – was ein wunderbarer Beleg für gelungene Integration ist, übrigens ist sie Deutschlehrerin – entwickelt sich ein Problem. Erst aufgrund dieses Bildungserfolgs entsteht der Kopftuchstreit, bei dem es natürlich nicht um Teilhabechancen und Zugehörigkeit ging, also nicht um Integration ging, sondern ausschließlich um ihre Lebensweisen.“

    Bei dem Kopftuchstreit geht es nicht um Lebensweisen, sondern um die weltanschauliche und religiöse Neutralität der Lehrpersonen.
    Eine Lehrperson vermittels im Dialog mit den Schülern Wissen, im Idealfall.
    Dieser Dialog kann aber nicht vorurteilsfrei und offen erfolgen, wenn die Lehrerin ihre Religion wie eine Monstranz vor sich herträgt.
    Wer als Studentin ein Lehramtsstudium anfängt, sollte sich im Vorhinein klar sein, welchen Rahmenbedingungen sie später unterliegt.

    Zitat:
    „Sie haben mehrere Angebote aus mehreren Ländern. Im dem einen Land, Land A, wird erwartet, dass ihre Kinder nicht mehr deutsch sprechen und schon gar nicht deutsch in der Schule lernen, es herrscht eine insgesamt negative Stimmung bezüglich Einwanderung und das Motto lautet: „Wenn du schon herkommst, dann pass dich gefälligst an!“ Das war Land A.“

    Das viele, vor allem aus der Türkei stammende Migranten in Deutschland Sprachprobleme haben, ist wohl eher Ergebnis von zu wenig Sprachübung, vor allem im Elternhaus und im privaten Umfeld.
    Wenn Herr Erdogan fordert Türken bzw. Deutsch- Türken sollten in Deutschland zuerst die türkische Sprache und dann die deutsche Sprache lernen, dann werden doch Erfordernisse völlig verdreht.
    Und Anpassen sollte man sich doch auf jeden Fall an das Land, in das man zieht, bzw. in dem man lebt.

  4. […] Crosspost – die Rede erschien bereits auf Migazin. […]

  5. sandmann_hh sagt:

    Super Beitrag, danke fürs Veröffentlichen hier!

  6. Han Yen sagt:

    Lieber Herr Aladin El-Mafaalani,

    aus meiner Perspektive funktioniert die Integration sehr schlecht, weil die Bürokratien subnationaler Gebietskörperschaften das Sagen haben und jedes Land macht, was es will. Das wird der ökonomischen Bedeutung der Migration nicht gerecht.

    Migration hat aber globale Auswirkungen. Z.B. geht ein grosser Teil der Katastrophenhilfe bei Erdbeben, Flutkatastrophen und Dürre auf die transnationale Solidarität zurück. Das Volumen des Solidarkapitals ist gross und stellt UNO-Organisationen in den Schatten. Dennoch sind die UNO Bürokratien nicht für diasporische Kandidaten wirklich offen.

    Bei der Migration handelt es sich eigentlich um regionale Verflechtungen zwischen Ein- und Auswanderungsregionen. Dennoch existieren in den UNO Strukturen kein Repräsentativorgan der Ein- und Auswanderungsregionen, sondern die UNO wird von Exekutiven der Territorialstaaten dominiert.

    Wir wissen, dass sich z.B. die globalen Gewerkschaften der Seeleute hervorragende Wohlfahrtsorganisationen für Häusle-Bauer, Telefonie, Mikrokreditprogrammen und Seelsorge haben für eine grosse Auswahl von Auswanderungsstaaten. Dennoch werden Migranten Großbanken, Bausparkassen und den Kredithaien der Mikrokreditindustrie zum Fraß vorgeworfen und jede Panethnizität asiatische Deutsche, schwarze Deutsche, muslimische Deutsche meint das Rad neu erfinden zu müssen.

    Die Sprachkurse und Citizenship Education Programme der Territorialstaaten hätten längst nach Second Life migrieren sollen. Ein- und Auswanderungsquoten dürften gar nicht ohne solche Vereinbarungen mit einem regulierten citizenship education Programm mit einem sinnvoll ausgearbeiteten Sprachkurs der 24/7 in der virtuellen Welt verfügbar ist, verhandelt werden.

    Bei den Cross-Border Entrepreneurship hätten Ein- und Auswanderungsstaaten sehr leicht mit der britischen Regierung einen Kapitallieferanten nach britischen Recht in der Rechtsform eines Venture Capital Trust vereinbaren können, um diasporische Gründungsrisiken beherrschen zu können.

    Die Arbeiter auf den Ölplatformen haben betriebswirtschaftlich hervorragend geführte portierbare Pensionsansprüche und Krankenversicherungen, die man in andere Jurisdiktionen mitnehmen kann. Diesen Leuten passiert nicht einfach eine Aussiedlerwelle mit Fremdrentengesetzen, die dafür sorgt dass kein Geld mehr in der Rentenkasse ist und dann mit seltsamen Stromsteuern die Mißwirtschaft vertuscht wird. Migranten könnten so eine Institution auch sehr gut gebrauchen.

    Die älteren Mitarbeiter in den noch vorhandenden Normalarbeitsplätzen benötigen ein Bachelor 40+ Teilzeitstudium, damit sie nicht zum alten Eisen geworfen werden. Firmen müssen ihr Humanvermögen am Ball halten. Das geht mit sporadischen Weiterbildungsmassnahmen nicht. Hier ist eigentlich die Chance die Nachqualifizierung der Migranten mit einem akademischen Abschluss zusammen mit den älteren Betriebsmitarbeitern in einem Bachelor 40+ Programm zu organisieren.

    Das Grosso System der Zeitungen ist veraltet. Film, Musik, Zeitungen und kulturelle Artefakte gehören von modernen Verwertungsgesellschaften mit Digital Rights Management Systemen reguliert. Solange jedes Land sein eigenes Süppchen kocht, wird es niemals etwas mit einheitlichen kulturellen diasporischen Institutionen unabhängig von den Territorialstaaten. Kulturelles Gedächtnis ist eigentlich im Zeitalter des Internets Sache einer transnationalen Institution – möglicherweise ähnlich aufgestellt wie die UNESCO Weltkulturerbe.

    Die diasporische Jugend ist schlaff und frönt einer albernen Ghetto und Sportkultur. Man muss sie dynamisieren, in die Freiwillige Feuerwehr mobilisieren, sie müssen sich in der FAO Hungerhilfe weltweit einsetzbar werden.

    Kleinkinder brauchen einen Waldkindergarten mit angeschlossenden Citizenship Science Programm, um Pflanzen und Tiere mit Bestimmungsbüchern kennenzulernen.

    Teenager gehören in ein Fablab organisiert, die von einer lokalen Bibliothek mit Datenbanken von 3D Modellen unterstützt werden, so dass sie sich eigene Mikroskope, Messgeräte,… basteln können.

    Die Märchen und Volkslieder der Diasporas sollten nach niederländischen Vorbild in einer Datenbank gesammelt werden und durch Algorithmen zerlegt und wieder zusammen gesetzt werden können, damit ich nicht mehr diese unerträglich schlechte deutsche-(migrantische) Literatur und Musik ertragen muss.

    Die Restaurants brauchen einfach einmal ein Category Management für ihre Speisekarte. Gäste müssen in der lage sein den Fraß via Internetwahl abzuwählen.

    Ach ja. Was ist an der Kopftuch Debatte eigentlich interessant, dass solche elend schlechte Vielschreiber wie Necla Kelek, Seyran Ates, Güner Balci hier Bekanntheitsgrad erreichen können. Ist die deutsche Kritik völlig übergeschnappt und reif für die Klapse ?



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