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Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Theater

Wenn das Klischee auf Teufel komm raus nicht zutreffen will

Die Fernsehmoderatorin Anna möchte vor allem eins: Quote machen durch die Schilderung der Unterdrückung muslimischer Frauen. Doch kein Klischee scheint auf ihr Studiogast Titania zuzutreffen – „Lampedusa“, ein Theaterstück von Henning Mankell.

DATUM23. April 2014

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Anna, eine junge Fernsehmoderatorin, hat ihre eigene Sendung, die sich als Polittalk gibt. Sie hat Titania eingeladen, eine junge Muslimin, hochgebildet. Die Handlung setzt ein, als die beiden Frauen sich kurz vor der Sendung zum Vorgespräch treffen. Titania ist eine gebürtige Muslimin aus Sambia, die jetzt in Schweden lebt.

Grenze zwischen Opfern und Tätern
Obwohl sie erst fünf Jahre alt war, als die Familie zunächst nach London und dann nach Schweden zog, weiß sie zu berichten, wie ihre Familie in Sambia die schwarzen Angestellten ausgebeutet und schlecht behandelt hat. Der Beweggrund für die Flucht ihrer Familie aus Sambia war die aufkommende Angst vor Idi Amins Rassismus und seinen Schergen, die im benachbarten Uganda begannen die nicht-schwarze Bevölkerung zu verfolgen und zu ermorden, zu denen Titanias Familie gehört. Hunderttausende fielen diesem Genozid zum Opfer.

Wie schon Titanias Familiengeschichte die Grenze zwischen Opfern und Tätern schwer ausmachen lässt, erweist sich Titania insgesamt als schwierige Kandidatin für die aufstrebende und ehrgeizige Moderatorin. Denn Anna möchte vor allem eins: Quote machen durch die Schilderung der Unterdrückung muslimischer Frauen. Doch kein Klischee, das sie hierfür bemüht, scheint auf Titania zuzutreffen.

Ja. Ich bete. Fünfmal pro Tag.
Titania ist selbstbewusst und gebildet. Sie hat als Wissenschaftlerin eine gute Arbeit und ein Einkommen, das ihr den Kauf einer Eigentumswohnung ermöglichte. Sie ist westlich gekleidet und äußerlich integriert. Gleichzeitig hält sie aber fest an ihrer Religion, allerdings auf ihre Weise. „Ja. Ich bete. Fünfmal pro Tag. Ich befolge alle Rituale. Selbst wenn ich spät ins Bett gehe, stehe ich Punkt fünf Uhr in der Früh auf, wasche mich und bete. Aber ich gehe in keine Moschee. Ich bete zu Hause.“ Und Titania hat einen eigenen starken Beweggrund, sich in der Sendung zu präsentieren, von dem Anna noch nichts weiß…

Info: Am 24. April 2014 findet die Premiere von „Lampedusa“ im Frankfurter Gallus Theater statt. „Lampedusa“ ist die achte Inszenierung der 2010 gegründeten Frankfurter Daedalus Company.

„Lampedusa“ ist ein Stück über Ursache und Wirkung von Vorurteilen. Anna und Titania treffen mit prall gefüllten Schubladen hiervon aufeinander, haben sehr unterschiedliche eigene Vorstellungen vom Verlauf des bevorstehenden Gespräches und wollen jeweils ihr Gegenüber für die eigenen Ziele nutzen. Doch aus einem Bemühen um gegenseitige Anerkennung wird ein Spiel um Angst und Ausgrenzung und um Projektionen als Resultat einer tiefsitzenden Angst gegenüber allem Fremden, das diese Ausgrenzung schafft. Somit ist „Lampedusa“ auch ein Stück über diese Angst.

Kampf der Kulturen
Immer wieder taucht ein Wetteransager auf, ein Kollege von Anna. Er ist ein Mann, der davon träumt, dass endlich seine große Stunde schlägt. Sein störendes Auftreten mit scheinbar alltäglichen Anliegen prallt auf die intensive Begegnung beider Frauen. In ihren Reaktionen auf seine plötzlichen Einmischungen und Provokationen lassen sie uns hinter ihre Fassaden blicken.

Das Drama „Lampedusa“, das vom Kampf der Kulturen erzählt und 2006 im „Taastrup Theater“ bei Kopenhagen in Dänemark uraufgeführt wurde, hatte am 15. Mai 2007 bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen seine Deutsche Erstaufführung, als Koproduktion wurde sie anschließend im Hamburger Schauspielhaus gespielt. Regie führte der damals 27-jährige Grazer Dominique Schnizer, übersetzt wurde es von Hansjörg Betschart. (sy)

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3 Kommentare
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  1. MaryamSamara sagt:

    Klingt interessant. Bin gespannt auf die Umsetzung. Danke für die Rezension und Salam. Maryam

  2. Daniela sagt:

    Wird das auch nochmal in Hamburg aufgeführt werden?

  3. Lynx sagt:

    Häufig meinen Nichtmuslime, es sei ein Zeichen mangelnder Religiosität, wenn muslimische Frauen nicht in der Moschee beten, sondern zu Hause. Im Gegenteil gilt die Regel, daß Männer möglichst in der Gemeinschaft in der Moschee beten sollen, und Frauen zu Hause allein oder mit ihrer Familie.



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